Alternativer Nobelpreis "Ich möchte, dass die Welt für Frauen anders wird"

Sie kämpft gegen sexuelle Gewalt in Krisenregionen - und für mehr Gleichberechtigung: Die Kölner Gynäkologin Monika Hauser erhält den Alternativen Nobelpreis 2008. Die Gründerin von medica mondiale sieht die Ehrung als Auftrag, weiter zu machen - trotz aller Widerstände.

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Hamburg - Als Bundespräsident Roman Herzog ihr am 8. Oktober 1996 das Bundesverdienstkreuz um den Hals legen wollte, war sie nicht da. Monika Hauser protestierte durch ihre Abwesenheit gegen einen Beschluss der deutschen Innenminister, bosnische Flüchtlinge in ihre Heimat abzuschieben. Eine "menschenverachtende Politik", wie die Ärztin damals argumentierte. Nun, zwölf Jahre später, wird die 49-Jährige geehrt: mit dem Alternativen Nobelpreis.

"Ich war völlig überwältigt, als mich der Anruf aus Stockholm vor einigen Tagen erreichte", sagte Monika Hauser SPIEGEL ONLINE. "Der Preis hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, er hebt sich von den anderen Auszeichnungen, die ich erhalten habe, ab, weil er Menschen und Bewegungen ehrt, die Veränderungen bewirken - auch gegen den Mainstream."

In der am Mittwoch in Stockholm bekannt gegebenen Begründung heißt es: "Die Gründerin des Vereins medica mondiale wird ausgezeichnet für ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste sexualisierte Gewalt erfahren haben, und für ihren Kampf, ihnen gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung zu verschaffen."

"Vergewaltigung als Waffe"

Wenn Hauser von ihrem Engagement erzählt, spricht sie energisch. Sie ist eine Kämpferin und sie genießt es, dass ihr und ihrem Projekt an diesem Tag so viel Aufmerksamkeit zuteil werden. Aufmerksamkeit, die sie auch in anderen Zeiten gut gebrauchen könnte. In den vergangenen fast 16 Jahren hat sie sich mit vielen angelegt, hat Politiker mit unliebsamen Wahrheiten konfrontiert und - nicht zuletzt - die Auszeichnung des Bundespräsidenten ausgeschlagen.

"Ich möchte als Gynäkologin Frauen unterstützen, die Formen sexualisierter Gewalt erlebt haben und mich mit ihnen solidarisch zeigen", sagt sie. Vergewaltigungen in Zeiten des Krieges seien noch immer ein Tabu. Es gelte, so Hauser, die Erlebnisse, die Frauen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gemacht hätten, mit den Erfahrungen, die sie heute in Krisenregionen machen, zu verknüpfen.

Mit ihrem Engagement beginnt die Ärztin, die als Tochter Südtiroler Eltern in der Schweiz geboren wurde, 1992. In der Sauna liest sie damals einen Bericht des "Stern". Titel: "Vergewaltigung als Waffe". Der Text handelt von den Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg. Hauser ist entsetzt: über die Brutalität gegenüber den Frauen, die Sprache und die Bebilderung des Artikels, die die Frauen ihrer Meinung nach ein weiteres Mal demütigen.

"Ich habe meine Ohnmacht kompensiert"

Hauser hat zu jenem Zeitpunkt gerade ihren Job an einer Essener Klinik gekündigt, die Arbeit für die Missbrauchsopfer wird ihre neue Mission. Sie sammelt Gelder und reist schließlich nach Zagreb. Während es in Kroatien eine Reihe internationaler Hilfsangebote gibt, fehlen entsprechende Einrichtungen in Bosnien, so Hausers Eindruck. Ihre Wahl fällt schließlich auf die Stadt Zenica in Zentralbosnien. In der Stadt halten sich zu diesem Zeitpunkt 120.000 Flüchtlinge auf, 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Die junge Ärztin will einen geschützten Raum für Frauen schaffen, die Opfer von Übergriffen geworden sind. In dem Zentrum sollen sie gynäkologisch und psychologisch betreut werden.

Hauser beantragt Hilfsgelder, schlägt aber eine Million Mark von der Caritas aus, weil die katholische Kirche Abtreibungen - auch nach Vergewaltigungen - kategorisch ablehnt.

Am 4. April 1993 wird das Zentrum Medica Zenica offiziell eröffnet.

Doch der Krieg rückt immer näher, die Arbeit vor Ort wird immer schwieriger. Hauser selbst erwartet ihr erstes Kind, sie reist zwischen Köln und Zenica hin und her, bemüht, die Arbeit vor Ort ausbauen zu können. Der Stress und die Anspannung bleiben nicht ohne Folgen. Am 24. Dezember 1993 verliert Hauser ihr Kind - am gleichen Tag, an dem sie von den "Tagesthemen" der ARD zur "Frau des Jahres" gekürt wird. "Zeitweise habe ich meine Ohnmacht mit dem Gefühl kompensiert, ich kann etwas bewegen", sagte sie einmal in einem Interview mit der "TAZ".

"Das kann ich nicht einmal einer Therapeutin erzählen"

In den folgenden Monaten wird das Projekt in Bosnien in die Selbständigkeit überführt. Hauser setzt in einer Klinik in Köln ihre Ausbildung zur Fachärztin fort und reist auch immer wieder für mehrere Wochen nach Zenica. Im Winter 1996 folgt der Zusammenbruch: Monika Hauser zieht sich für mehrere Monate zurück, verlässt nur selten ihre Wohnung, versucht, die Erfahrungen der vergangenen Monate aufzuarbeiten. "Es gibt Dinge, die mir die Frauen in Bosnien erzählt haben, die ich ganz tief in mir vergraben habe, über die ich mit niemandem reden kann", sagte sie einmal. "Das geht soweit, dass ich denke, das kann ich nicht einmal einer Therapeutin antun, ihr das zu erzählen."

Im Sommer 1996 kommt ihr Sohn zur Welt. Zwei Jahre später schließt sie ihre Ausbildung zur Fachärztin ab und kündigt anschließend ihren Job in der Klinik. Sie widmet sich ganz dem Engagement bei medico mondiale, mit dem Kosovo-Krieg beginnt 1999 das Projekt medica mondiale Kosova. 2000 übernimmt Hauser die politische Geschäftsführung des Kölner Vereins. Sie hält Vorträge, koordiniert die Arbeit und reist mindestens einmal jährlich zu den Projekten im Kosovo, in Afghanistan und in Afrika.

"Ich möchte Alternativen schaffen in einer Welt, in der Männer Kriege entfachen, Milliarden versenken und mit dem Leben von Frauen und Kindern spielen", antwortet Hauser, wenn man sie fragt, was sie motiviert, immer wieder in Kriegsgebiete zu reisen, sich immer wieder selber in Gefahr zu bringen. "Ich denke nicht, dass Frauen bessere Menschen sind. Aber ich glaube, dass sie mit vielen Kompetenzen ausgestattet sind, die die Welt gut gebrauchen kann."

Tabuthema Zwangsprostitution

Neben der Arbeit vor Ort in den Kriegsgebieten kämpft Hauser auch auf der politischen Ebene. "Es ist mir wichtig, dass wir das Thema immer wieder auf die politische Agenda setzen", sagt sie.

Sie will ein Asylrecht für traumatisierte Frauen und drängt darauf, dass das Thema Zwangsprostitution durch deutsche Peacekeeping-Soldaten problematisiert wird. Der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping forderte medica mondiale einst sogar auf, das Thema Zwangsprostitution nicht mehr öffentlich zu diskutieren: Die Frauen und Freundinnen von Bundeswehrsoldaten würden so verunsichert.

Mit einem Tabu beschäftigt sich auch die Kampagne "Zeit zu sprechen" die Hauser und ihr Verein 2005 ins Leben riefen. Ziel ist es, die Gewalt gegen Frauen im Zweiten Weltkrieg zu thematisieren. Ein Thema, das Hauser bewegt, seit ihre Südtiroler Großmutter ihr von den Geschehnissen im Ort zu jener Zeit erzählte.

Den Alternativen Nobelpreis sieht Monika Hauser als Auszeichnung für die Arbeit des gesamten Vereins. Immerhin habe man in den vergangenen Jahren bereits zehntausenden Frauen helfen können. Ihr Motto für die Zukunft: "Ich möchte, dass die Welt für Frauen anders wird."

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