Hilfsangebote im Alter So können Sie Einschränkungen vermeiden

Ob Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit oder Verarmung - mit dem Alter verbinden sich viele Ängste. Wir stellen praktische Vorsorgemaßnahmen und hilfreiche neue Initiativen vor, die ein gutes Leben im Alter ermöglichen.

imago/ Jürgen Ritter

Von Silvia Dahlkamp, Kristina Maroldt und Sarah Wiedenhöft


Der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan forscht zur Rente und Lebenszufriedenheit im Alter. Angst vor Altersarmut, sagt er, sei oft unbegründet.

Axel Börsch-Supan
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Axel Börsch-Supan

SPIEGEL: Herr Börsch-Supan, die Angst vor Altersarmut ist groß, aber Ihren Berechnungen nach sind nur drei Prozent der Deutschen zurzeit von ihr betroffen. Wie erklärt sich die erstaunliche Diskrepanz?

Börsch-Supan: Insgesamt ist das Wissen über die Rentenversicherung schlecht. 30 Prozent der Haushalte glauben, dass sie im Alter nahe an der Armutsgrenze liegen werden, obwohl die Hälfte dieser Haushalte noch relativ jung ist - und dennoch bereits eigene Rentenansprüche hat, die weit über der Grenze liegen.

SPIEGEL: Die meisten Leute kennen also ihre Rentenansprüche gar nicht?

Börsch-Supan: Stimmt, mehr Information ist nötig: Das Rentenniveau fällt zwar, aber der Rentenzahlbetrag steigt, und auf den kommt es an. Das Rentenalter wird nicht jetzt unmittelbar, sondern frühestens in 14 Jahren weiter steigen. Die Altersarmut liegt nicht bei 50 Prozent, wie es jüngst eine WDR-Studie völlig falsch errechnet hat, sondern höchstens bei fünf Prozent, selbst wenn man die versteckte Armut dazuzählt. Auch in Zukunft wird sie immer noch unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegen - in Deutschland sind Kinder viel häufiger arm als Alte.

SPIEGEL: Sie fordern, dass zur Bekämpfung der bestehenden Altersarmut das Renteneintrittsalter erhöht werden muss: Für drei Jahre, die ein Mensch im Durchschnitt länger lebt, wollen Sie die Erwerbstätigkeit um zwei Jahre und die Rentendauer um ein Jahr verlängern.

Börsch-Supan: Ja, und das wird im Augenblick auch gemacht. 2030 wird das Renteneintrittsalter bei 67 liegen. In dieser Zeit hat sich die Lebenserwartung um drei Jahre erhöht. Daher beziehen die Menschen auch ein Jahr länger Rente. Dieses Prinzip muss fortgesetzt werden, solange sich die Gesundheit der Menschen weiterhin so gut entwickelt.

SPIEGEL: Ist die Erhöhung des Renteneintrittsalters nicht nur eine getarnte Sparmaßnahme?

Börsch-Supan: Nein, im Gegenteil, denn die Rentenbezugsdauer erhöht sich ja auch. Man muss sich aber den Einzelfall genau ansehen. Es gibt viele Menschen, die sich im Alter von 65 bis 70 bester Gesundheit erfreuen. Und die können dann eben auch länger arbeiten.


Roboter

Länger selbstständig

Neue Helfer braucht das Land: Wie Roboter zukünftig in der Pflege eingesetzt werden können

Roboterrobbe "Paro"
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Roboterrobbe "Paro"

2,9 Millionen Menschen in Deutschland brauchen regelmäßig Pflege, 83 Prozent davon sind 65 Jahre und älter. Schon jetzt fehlen 40 000 Pflegekräfte, 2025 könnten es laut Berechnungen des statistischen Bundesamtes 200 000 sein. Wie kann man diese Lücke schließen? Eine Lösung könnten Roboter sein, die älteren und kranken Menschen zur Hand gehen. Vor allem in Japan, wo schon heute jeder Vierte älter als 65 ist und fast zwei Millionen Pflegekräfte fehlen, forscht man seit Jahren intensiv an automatischen Helfern.

Kuscheln mit "Paro"

Firmen wie Toyota und Panasonic haben Roboter auf den Markt gebracht, die Medikamente verteilen, Türen öffnen und Vorhänge auf- und zuziehen können, Forschungslabore tüfteln an intelligenten Aufstehhilfen, selbstfahrenden Rollstühlen und Roboterhunden, die Demenzpatienten unterhalten.

In Deutschland ist man noch etwas zaghafter. Doch auch hier rollen in manchen Kliniken bereits Maschinen über die Gänge, die Wäsche oder Operationsbesteck transportieren, sich dabei selbst Türen öffnen und Fahrstühle bedienen. In einigen Pflegeheimen kommt die in Japan entwickelte Pflegerobbe "Paro" zum Einsatz: Das Kuscheltier ist am ganzen Körper mit Sensoren bestückt und reagiert auf Bewegungen und Worte. Lässt man Demenzkranke mit "Paro" kuscheln, werden sie Studien zufolge gesprächiger und aufgeschlossener.

Lächeln ja - Mitgefühl nein

Und dann gibt es noch "Roreas", eine in Thüringen entwickelte sprechende Reha-Maschine, die Schlaganfallpatienten bei ihren Laufübungen begleitet. Zwischen April 2015 und März 2016 wurde der knallgrüne Roboter mit Kulleraugen im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts getestet. Tatsächlich schafften es die Patienten, durch die Trainingseinheiten mit "Roreas" selbst Strategien zu entwickeln, wie sie auch ohne Roboter Entfernungen abschätzen können. Manchen, die nicht mehr richtig sprechen konnten, fiel die Kommunikation mit der Maschine sogar leichter als die mit Menschen: Was der Roboter sagte, war einfacher und vorhersehbarer.

Werden wir statt von Menschen also bald von "Roreas" und "Paros" umsorgt werden? Das glaubt trotz aller Euphorie derzeit kein Forscher ernsthaft. Ein Roboter kann - zumindest bislang nicht - verständnisvoll zuhören oder ermutigend lächeln, er vermag es nicht, auf individuelle Bedürfnisse und Gefühle einzugehen. Maschinen, da sind sich momentan die meisten Experten einig, können menschliche Zuwendung nicht ersetzen. Doch sie können Älteren ermöglichen, länger selbstständig zu bleiben, und schaffen Pflegekräften Freiräume, damit diese sich intensiver um ihre Patienten kümmern können.

Tipp: Die Pflegerobbe "Paro" und andere Service-Maschinen kann man noch bis zum 17. Mai im Rahmen der Ausstellung "Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein besichtigen. Charles-Eames-Str. 2, 79576 Weil am Rhein, www.design-museum.de


"Zeitkonto"

Heute geben, morgen nehmen

Selbst vorsorgen: Ehrenamtliche Helfer können ein "Zeitkonto" für ihre eigene spätere Pflegebedürftigkeit ansparen

Zeitbank - das klingt nach Momo und den grauen Herren, ist aber in vielen Ländern ein bewährtes System, Freiwilligenarbeit zwischen den Generationen zu fördern: Fitte Senioren unterstützen und betreuen Ältere und bekommen dafür Stunden auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Wenn sie später selbst auf Hilfe angewiesen sind, können sie diese einlösen. Vor allem in Japan ist das Zeitbanksystem verbreitet, Fureai-Kippu heißt es dort, Pflege-Beziehungsticket.

Der Staat führte es in den Neunzigerjahren ein, um die Hemmschwelle gegenüber ehrenamtlicher Hilfe zu senken: Wer in Japan Hilfe ohne Gegenleistung in Anspruch nimmt, verliert traditionell sein Gesicht. Im deutschsprachigen Raum gilt vor allem die Stiftung Zeitvorsorge in St. Gallen als Vorbild. Seit Start des Projekts vor drei Jahren haben dort 110 Bürgerinnen und Bürger ab 60 insgesamt 13.000 Freiwilligenstunden geleistet, 85 St. Gallener haben von der Hilfe beim Einkaufen und Haushalten, von gemeinsamen Ausflügen und Gesprächen profitiert.

Das Besondere an dem Modell ist die Bürgschaft der Stadt: Sollten sich später einmal nicht genug Ehrenämtler finden, damit die Zeitsparer ihre gesammelten Stunden einlösen können, muss die Stadt bei geeigneten Organisationen entsprechende Leistungen als Gegenwert für die Stunden einkaufen.

Mitte dieses Jahres soll nun eine Evaluation erste Ergebnisse liefern, wie sich das Projekt bewährt. Bis dahin steuert die Stadt zusätzlich zu ihrer Bürgschaft 150.000 Franken jährlich an den Betrieb bei. Dass sich die Investition vermutlich auch finanziell lohnt, zeigt eine aktuelle Kosten-Nutzen-Analyse, die ähnliche Projekte in der Schweiz ausgewertet hat: Selbst wenn sich bei nur zwei Prozent der betreuten Menschen der Heimeintritt um sechs bis zwölf Monate verzögert, spart die öffentliche Hand dadurch Kosten. Infos zum St. Gallener Projekt unter: www.zeitvorsorge.ch


Hundevermittler

"Sie blühen richtig auf"

Der Sonnenhof im oberbayerischen Rottenbuch vermittelt alte Hunde an ältere Menschen. Nicole Brühl, Präsidentin des Tierschutzbundes Bayern, über ein tierisch gutes Programm gegen die Einsamkeit

Nicole Brühl
imago/ Michael Westermann

Nicole Brühl

SPIEGEL: Welche Vorteile hat es, alte Hunde an ältere Menschen zu vermitteln?

Brühl: Allgemein geben Hunde den älteren Menschen eine neue Aufgabe und leisten ihnen Gesellschaft. Vor allem, wenn sie alleinstehend sind. Sie blühen dann richtig auf. Wir haben beispielsweise einem 91-jährigen Mann einen 17-jährigen Dackel vermittelt. Beide hatten noch eine schöne gemeinsame Zeit, bevor der Hund dann starb. Rentner haben oft auch mehr Zeit, sich auf die Bedürfnisse des alten Hundes einzulassen. Wenn ein Mensch, der selbst an Arthrose leidet, einen Hund mit Arthrose aufnimmt, kann er die Schmerzen des Tieres beim Hinlegen und Treppensteigen nachempfinden. So etwas verbindet Mensch und Tier.

SPIEGEL: Was müssen ältere Menschen beachten, wenn sie sich einen Hund anschaffen wollen?

Brühl: Wir stellen allen Menschen, die einen Hund aufnehmen möchten, dieselbe Frage: Passt das Tier zu mir? Ein älterer Mensch, der nicht mehr so gut zu Fuß ist, sollte sich nicht für einen sehr jungen, dynamischen Hund entscheiden. Und jemand, der im vierten Stock wohnt, wird mit einem Hund mit starker Arthrose sicher auch nicht glücklich werden.

SPIEGEL: Die Arztkosten für alte Hunde sind sicher nicht unerheblich.

Brühl: Das ist richtig. Aber wenn jemand diese Kosten nicht tragen, dem Hund aber dafür ein liebevolles zu Hause bieten kann, springen wir ein.


TIPP: Zu Hause wohnen trotz Pflegedürftigkeit

Es gibt mittlerweile viele Maler-, Tischler-, Maurer- und Klempnerbetriebe, die sich auf seniorengerechte Umbauten spezialisiert haben, zum Beispiel wichtige DIN-Vorschriften kennen. Die Adressen zertifizierter Unternehmer finden sich unter www.dincertco.de oder www.generationenfreundlicher-betrieb.de. Informationen über wichtige DIN-Vorschriften stehen auf der Internetseite www.nullbarriere.de


TIPP: Wohnraum gegen Hilfsleistungen tauschen

In vielen deutschen Städten hat sich das Modell "Wohnen für Hilfe" etabliert. Die Idee: Jüngere Menschen zahlen keine Miete (sondern nur die anfallenden Nebenkosten) und pflegen stattdessen zum Beispiel den Garten, kaufen ein, putzen das Bad oder lesen vor. Wer Platz hat und Hilfe braucht, um im eigenen Haus zu bleiben, kann mit dieser Lösung nicht nur Unterstützung, sondern auch Gesellschaft finden. Für die meisten Angebote gilt die Faustformel: Pro Quadratmeter Wohnraum muss der "Mieter" eine Stunde Hilfe im Monat leisten. Ausdrücklich ausgeschlossen sind Pflegeleistungen. Infos: www.wohnenfuerhilfe.info


TIPP: Sicherheit durch Hausnotrufsystem

Ein Hausnotrufsystem besteht aus einer Basisstation, die an das Telefon angeschlossen ist, und einem Sender, der an einer Kette um den Hals oder wie eine Uhr getragen wird. Im Notfall kann der Sender eine Verbindung zur Notrufzentrale herstellen. Auf einem Computer erscheinen unmittelbar alle wichtigen Daten: Hausarzt, Medikamente, Krankheiten. Im Notfall benachrichtigt die Zentrale Angehörige, Nachbarn oder schickt einen Rettungsdienst. Infos: www.bpa-hausnotruf.de

        Hausrufnotsystem
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Hausrufnotsystem

Text: Silvia Dahlkamp

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