Naturgewalten in den USA: Hauptstadt im Dritte-Welt-Modus

Von , Washington

Waldbrände im Westen, Stürme und Stromausfall im Osten: Die Amerikaner werden seit Wochen von den Naturgewalten geplagt - doch sie leiden auch unter ihrer maroden Infrastruktur. In Washington D. C. haben, selbst Tage nach dem Unwetter, Hunderttausende keine Elektrizität. Ein Erlebnisbericht.

Stromausfälle: Nichts geht mehr Fotos
Sandra Sperber

Als das Flugzeug in die Wolkendecke eintaucht, hebt es mich aus dem Sitz. Abrupt sackt die Boeing 737 ab, draußen zucken Blitze. Die Nachwehen des großen Unwetters vom Freitag. Der alte Mann links von mir hangelt sich zurück auf seinen Platz, er war mal eben auf der Toilette. Jetzt hat er ein ganz weißes Gesicht. Landeanflug auf Amerikas Hauptstadt. Welcome back!

Von einer Krisenregion in die andere. Drei Wochen war ich unterwegs in den Nationalparks des Westens, habe Bären, Geysire, Canyons gesehen - und von Ferne die Waldbrände, die in Colorado und Utah wüten. Ihre Aschewolken haben rötliche Schatten geworfen, die Autolüftung hat den Geruch verbrannten Holzes angesaugt.

Nur Naturgewalt?

Zehntausende Menschen sind auf der Flucht, Hunderte Häuser zerstört, es gibt Tote. "Große Katastrophe", hat der herbeigeeilte US-Präsident gesagt. Als die Boeing in Salt Lake City mit Ziel Washington abhebt, hängt unter tiefblauem Himmel eine Dunstglocke über dem Land.

Im Westen die Brände, im Osten das Unwetter und die Hitze. Und schon beginnt die Hurrikan-Saison im Süden. Die Unwetter vom Freitag haben in Virginia, Maryland und der Hauptstadt Washington bisher 17 Menschen des Leben gekostet. Amerika im Griff der Naturgewalten.

Tatsächlich nur Naturgewalt? Sicher, das Wetter kann der Mensch kaum steuern. Doch die Auswirkungen kann er beeinflussen. So ist mancher Waldbrand jetzt auch deshalb so explosiv, weil über Jahre kleinere Feuer schnell gelöscht wurden. Mag absurd klingen, doch wenn sich mehr und mehr trockenes Gehölz ansammelt, brennt es später umso heftiger.

Und dann ist da die marode US-Infrastruktur. Das reichste Land der Welt setzt auf ein Stromnetz à la Dritte Welt. Stürmt es irgendwo, knicken regelmäßig die hölzernen Strommasten mit den Oberleitungen um. Noch am Montag waren mehr als 400.000 Haushalte in der Washington-Region ohne Strom. Wohlgemerkt: drei Tage nach dem Unwetter. Am Wochenende fiel zeitweise die Notrufnummer 911 aus. In der Stadt herrschen aktuell um die 40 Grad Celsius, ohne funktionierende Klimaanlage leiden viele Menschen unter der Hitze. Man hat jetzt klimatisierte Notunterkünfte eingerichtet, damit sich die Leute abkühlen können.

Entwicklungsland Amerika

Nichts geht mehr. An den stromlosen Ampeln stehen Polizisten, regeln den Verkehr. "Manchmal geht mir dieses (Entwicklungs-)Land auf den Senkel", macht eine deutsche Freundin ihrem Ärger über den Stromausfall auf Facebook Luft. Ein Amerikaner antwortet mit dem Verweis auf das hohe Pro-Kopf-Einkommen seines Landes. Und fügt einen Smiley hinzu.

All das lese ich auf dem Weg aus dem Flugzeug. Vor mir tapert der alte Mann dem Ausgang entgegen, er ist noch immer sichtlich geschockt von seinem turbulenten Klobesuch. Ich rätsele: Werden wir zu Hause Strom haben? Warum habe ich eigentlich den Kühlschrank vor der Abreise nicht ordentlich ausgeräumt? Mein Vater erzählt mir seit Wochen von seinem tollen japanischen Vier-Takt-Aggregat, das er sich zugelegt habe (er sagt: "gegönnt"). Für den Fall des Falles. Ich habe meine Witze gemacht. Jetzt stehe ich vorm Flughafengebäude und das Hemd klebt am Körper. Schwüle Hitze.

Aber tagelanger Stromausfall? Kann ich mir noch immer nicht so recht vorstellen. Schuld an meiner Chaos-Skepsis trägt "Irene", jener Hurrikan, der im letzten Sommer die Ostküste heimsuchte. Ich schaute damals zwei Tage lang ununterbrochen CNN - und war überzeugt, schon in Kürze dem Untergang der Welt beiwohnen zu müssen. Freunde schrieben mir E-Mails, ich solle mich doch bitteschön in Sicherheit bringen, man höre da ja so einiges über diesen heraufziehenden Sturm.

Schon wieder Chili con Carne?

Tatsächlich habe ich mich dann in die Hundert-Meter-Schlange vorm Supermarkt gestellt und zig Dosen Chili con Carne gekauft. Die Behörden hatten wegen des drohenden Stromausfalls zu dieser Maßnahme geraten - wenn auch nicht speziell zu Chili con Carne. Am Ende lief glücklicherweise alles glimpflich ab. Ich sitze noch heute auf den Dosen von damals.

Und nun, im Sommer 2012? Kurz vor dem Unabhängigkeitstag am 4. Juli, der Besucher aus allen Landesteilen in die Hauptstadt zieht? Der Stromausfall ist weit massiver als damals, noch bis Freitag sollen Zehntausende Haushalte ohne Strom sein, heißt es. Was auffällt: Betroffen sind diesmal insbesondere die Viertel der Besserverdienenden. Das feine Georgetown etwa oder die Vororte der Hauptstadt. Dort, wo die Diplomaten wohnen, die Politiker, die Mächtigen. "Plötzlich sind die Abgeordneten, Beamten, Rechtsanwälte hilflos, sie schwitzen in ihren Unterhosen, umgeben von vergammelndem Essen und Blackberrys mit schwarzen Displays", spöttelt die "Washington Post".

Auch bei mir sieht es nicht gut aus, obwohl ich mitten in der Stadt wohne. Den Baum im Hinterhof hat es erwischt, einfach abgeknickt. Er hat den Strommast mit sich gerissen. Schwer liegt das schwarz ummantelte Kabel auf dem Asphalt, das er trug.

Doch drinnen - tatsächlich - ist alles gut. Das Licht geht an, der Kühlschrank läuft und die gut 45 Grad Celsius lassen sich auch bald korrigieren. Und der Blick aus dem Fenster verrät, dass selbst das Auto verschont blieb von Sturm und stürzenden Bäumen.

Zumindest davon. Kurz darauf stellt sich heraus, dass der Wagen dennoch Opfer einer Naturgewalt geworden ist. Es war der Marder, der sich an den Schläuchen mit der Kühlflüssigkeit vergnügt hat. Da geht jetzt wirklich nichts mehr.

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insgesamt 135 Beiträge
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1. Elektrizität
Peter.Lublewski 03.07.2012
"In Washington, DC haben, selbst Tage nach dem Unwetter, Hunderttausende keine Elektrizität." Mehrere hundert Millionen Menschen hatten noch nie Elektrizität und werden auch niemals welche haben. Warum werden - wenn es um Unwetter geht - die USA hervorgehoben?
2. optional
LeToubib 03.07.2012
Seltsam: Mein Email-Provider ist in Washington, D.C.. Und der funktioniert tadellos ...
3. Das MUSS so sein
fleischwurstfachvorleger 03.07.2012
Zitat von sysopWaldbrände im Westen, Stürme und Stromausfall im Osten: Die Amerikaner leiden derzeit unter den Naturgewalten. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Sebastian Fischer berichtet von persönlichen Erlebnissen aus dem Sturmgebiet. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,842208,00.html
Weiter so und durch. Hat mit der Klimaveränderung und Monokulturen nichts zu tun. Der Mensch hat das Recht die Erde auszubeuten Wir alles sind Republikaner und lassen uns von diesen dummen Sozialisten nichts sagen.
4. Wie es halt so ist: Freiheit ....
Ludwigsburger 03.07.2012
.... über alles und einen möglichst schwachen Staat - das bedeutet halt auch manchmal "stromfrei" zu sein ... Mein Mitleid ist begrenzt.
5. Reichstes Land der Welt ?
hojen 03.07.2012
Ein Land, in dem einige der reichsten Menschen der Welt leben, das aber selbst mit über 20 Billionen USD ( Eine 2 mit 13 Nullen ) verschuldet ist, ( bei wem eigentlich ? ), ist nicht reich.
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