Amnesie-Patient Piano Man kommt aus Bayern

Das Rätsel ist gelöst: Viereinhalb Monate nach seiner Einweisung in eine britische Psychatrie steht nun die Identität des mysteriösen blonden Klavierspielers fest. Das Auswärtige Amt bestätigte, dass der Mann mit dem angeblichen Gedächtnisverlust aus Süddeutschland stammt.


Der "Piano-Mann": Simulant aus Deutschland?
DPA

Der "Piano-Mann": Simulant aus Deutschland?

London - Das Auswärtige Amt teilte heute mit, dass der Mann Deutscher und am Samstag nach Hause zurückgekehrt sei. Er sei 20 Jahre alt und stamme aus Bayern, verlautete aus Regierungskreisen.

Nach Angaben der britischen Zeitung "Daily Mirror" handelt es sich bei dem anfangs so rätselhaften Fall von Amnesie um eine große Täuschung. Der Mann habe nicht wirklich unter Gedächtnisverlust gelitten, schreibt der "Daily Mirror" unter Berufung auf eine anonyme Quelle im Little-Brook-Hospital in Dartford, wo der blonde, etwa zwei Meter große Mann behandelt worden war.

Eine Krankenschwester habe am Freitag das Zimmer des vermeintlich gedächtnisgestörten Patienten betreten und gefragt: "Werden Sie heute mit uns sprechen?" Daraufhin habe der Mann sein monatelanges Schweigen gebrochen und nur geantwortet: "Ja, ich denke, das werde ich tun." Das Personal sei völlig verblüfft gewesen: "Wir dachten, er würde für immer bei uns bleiben", zitiert die Zeitung den Krankenhausangestellten.

Ärzte und Ermittler hatten sich monatelang bemüht, den Namen des anscheinend verstörten Mannes herauszufinden. Er sei ein Schiffbrüchiger, der sich an Land habe retten können und nun unter Schock stehe, lautete eine Spekulation. Einer anderen Version zufolge sollte es sich um einen tschechischen Musiker handeln. Doch alle Spuren führten ins Leere.

Dem "Daily Mirror" zufolge erzählte der Mann, den Krankenhaus und Medien nur als "Piano-Mann" bezeichneten, seine ganze Geschichte. Er sei Deutscher, homosexuell und Sohn eines Bauern. Mit dem Eurostar-Zug sei er nach Großbritannien eingereist. Als die Polizei ihn am 7. April in einem durchnässten Abendanzug am Strand von Kent gefunden habe, habe er gerade einen Selbstmordversuch hinter sich gehabt. "Er befand sich offensichtlich in einem Stress-Zustand und sprach nicht mit der Polizei", wird der Insider zitiert. Von da an habe er sein Schweigen gewahrt - auch als ihn Ärzte untersuchten.

Bei seinem Simulieren kamen dem Mann offenbar seine Berufserfahrungen zugute: Weil er früher mit psychisch kranken Menschen gearbeitet habe, habe er ihre charakteristischen Verhaltensweisen imitierten können. Auf diesen Trick seien sogar zwei erfahrene Ärzte hereingefallen.

Die Zeitung widerspricht bisherigen Meldungen, der Mann habe hervorragend Klavier spielen können. Laut der Quelle im Krankenhaus kam der Spitzname des Patienten ganz anders zustande: Weil er nicht sprach, reichten ihm die Mediziner ein Blatt Papier und einen Stift. Daraufhin zeichnete der Mann einen Klavierflügel - seinen Angaben zufolge sei das Instrument einfach das Erste, was ihm in den Kopf gekommen sei. Laut "Mirror" hat der Mann entgegen Medienberichten niemals im Krankenhaus ein Klavierkonzert gegeben. Als man ihn an ein Piano gesetzt habe, habe er stattdessen dauernd auf dieselben Tasten getippt.

Der britische Gesundheitsdienst will den Namen des Deutschen frühestens dann bekannt geben, wenn er seine eigenen Untersuchungen abgeschlossen habe. Ärzte, die sich darum bemüht hatten, die Identität ihres rätselhaften Patienten zu klären, erwägen nach Angaben des Blattes, den Mann auf Schadensersatz zu verklagen.



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