Amoklauf in Finnland: "Wir haben einen Nährboden für Mobbing"

Finnlands Bildungssystem gilt als vorbildlich - doch nun ist zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres ein Schüler Amok gelaufen. Die finnische Kinderpsychiaterin Raisa Cacciatore erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, wie Waffenliebe, Machismo und Mobbingkultur das Pisa-Vorzeigeland belasten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Cacciatore, Pisa-Spitzenreiter Finnland wird wegen seines angeblich perfekten Schulsystems von deutschen Bildungspolitikern gern zum Vorbild genommen. Sind die beiden Amokläufe an finnischen Schulen innerhalb eines Jahres ein Symptom dafür, dass doch nicht alles stimmt?

Raisa Cacciatore: Pisa-Ergebnisse hin und her: Laut einer Befragung aus dem Jahr 2007 gehen weniger als fünf Prozent der Jungs in den Klassenstufen 8 bis 9 gern zur Schule - die Hälfte geht ungern hin.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie bei Ihrer Arbeit besonders die Jungs im Fokus?

Cacciatore: Weil diejenigen, die zumeist die Schule abbrechen oder im Berufsleben scheitern, die Jungs sind. Aus Jungen, denen es schlecht geht, werden Männer, denen es schlecht geht. Hinter Tragödien wie der von Kauhajoki steckt oft jahrelanges Mobbing. Und die Unfähigkeit der Erwachsenen, den Jugendlichen einfach mal zu fragen "Wie geht es dir?"

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in finnischen Schulen eine Mobbingkultur?

Cacciatore: Es gibt Mobbing. Und Druck, der dadurch entsteht, dass in Ländern wie Finnland Kinder gehorsam und lieb sein sollen. Wichtig ist, dass Kinder lernen, Aggressionen zu beherrschen. Aggressionen gibt es, und man darf sie haben, aber Kinder sollten früh lernen, sie richtig zu kanalisieren. Gerade liebe und weniger angriffslustige Charaktere können leicht Mobbingopfer werden. Sie entwickeln ihrerseits Aggressionen, haben aber keine Mittel, sie aufzulösen. So kann die Situation explodieren - oft in Selbstmord, manchmal in "erweitertem Selbstmord" wie in Kauhajoki.

SPIEGEL ONLINE: Eltern, Lehrer, Bildungssystem - wo sehen Sie die größten Defizite?

Cacciatore: Soziale Fähigkeiten entwickeln sich bei Kindern und Jugendlichen langsam, bis sie 25 Jahre alt sind. Eltern sind oft überfordert, diese Fähigkeiten richtig auszubilden. Lehrer versinken in Arbeit, Klassen werden größer, staatliche Unterstützung ist gekürzt worden. Der Nährboden für Mobbing ist bereitet.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hilfsangebote gibt es?

Cacciatore: Unser Institut hat eine telefonische Beratungsstelle speziell für Jungs eingerichtet, dort beantwortet ein Experte kostenlos Fragen. Er wurde sofort überschwemmt von Anrufen. Wir mussten eine zweite Vollzeitkraft einstellen. Die Jungs wollen also durchaus Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: 32 von 100 Erwachsenen in Finnland haben Zugang zu Schusswaffen. Haben die Finnen ein besonderes Verhältnis zu Waffen?

Cacciatore: Finnische Männer kehren gern ein gewisses Machismo heraus. Männlichkeit zeigt man zum Beispiel in Messerschlägereien. Das finnische "Puukko", ein Messer mit langer stehender Klinge, gehört dazu. Viele Finnen gehen zudem auf die Jagd. Dazu kommt: Die finnische Geschichte ist sehr blutig und kriegerisch. Fast 80 Prozent der finnischen Jungen gehen in die Armee, was wohl Weltspitze ist. Wir sind stolz auf unsere Überlebenskämpfe und unsere Kriegsgeschichte. Wir sind tapfer und harte Kämpfer - so die Selbstwahrnehmung.

SPIEGEL ONLINE: Es gilt also fast als normal, eine Waffe zu besitzen?

Cacciatore: Den meisten Jugendlichen liegt die Schießerei nicht, jedenfalls gilt sie nicht als besonders cool. Aber besonders in Städten haben Jugendliche oft ein Messer oder einen Schlagring dabei.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rückschlüsse auf die Täterpersönlichkeit kann man aus der Tatsache schließen, dass der 22-jährige Matti Juhani S. seine Tat in Kauhajoki sechs Jahre lang plante?

Cacciatore: Das deutet darauf hin, dass er seine Träume, Hoffnungen und den Glauben an die Zukunft schon längst verloren hat, und dass niemand ihm geholfen hat. Jedes Kind braucht Erfolgserlebnisse. Jemand muss dem Kind sagen, du bist prima - genauso wie du bist! Träume und Luftschlösser der Kinder müssen ihren Raum haben.

SPIEGEL ONLINE: Und den gibt es in der finnischen Erziehungskultur nicht?

Cacciatore: Finnland ist ein hartes Land. Morde und Selbstmorde sind vor allem bei Jungen und Männern nicht selten. Kinder aus sozial schwachen Familien, in denen Alkoholismus, psychische Krankheiten, Arbeitslosigkeit eine Rolle spielen, werden schnell ausgegrenzt. Vielen Schulen ist es nicht in ausreichender Form möglich, die Defizite zu kompensieren. Es fehlt an Ressourcen und Geld, auf die Kinder einzugehen, die Hilfe besonders nötig haben.

SPIEGEL ONLINE: Die Politik scheint nach der Katastrophe in Kauhajoki vor allem beim Waffengesetz handeln zu wollen. Reicht das allein aus?

Cacciatore: Ich finde, nein. Seit 15 Jahren wird im Bildungssystem massiv gespart. Und das, obwohl der Wohlstand in Finnland insgesamt stark gestiegen ist. Die Politik sollte die Ressourcen der Schulen, auch von Kindertagesstätten und Kinderhilfswerken stärken, und Programme fördern, mit denen man zum Beispiel Mobbing vorbeugen kann.

Die Fragen stellte Liisa Niveri

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