Amoklauf von Erfurt "Menschen umzubringen, ist nicht geil"

An normalen Unterricht war heute in Erfurt nicht zu denken. Nicht nur am Gutenberg-Gymnasium. Die Klassen trafen sich und versuchten die Bluttat vom Freitag gemeinsam zu verarbeiten. Auch im übrigen Deutschland war der Schultag von einem einzigen Thema bestimmt.


Schülerinnen vor einem Blumenmeer am Gutenberg-Gymnasium
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Schülerinnen vor einem Blumenmeer am Gutenberg-Gymnasium

Erfurt/Frankfurt am Main - Um 11.05 Uhr - dem Zeitpunkt, an dem der Hausmeister des Gutenberg-Gymnasiums am Freitag die Polizei um Hilfe rief - verharrten bundesweit in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden Menschen in Schweigen. In der Hauptstadt Thüringens fiel an den meisten Schulen der Unterricht aus.

Die Schüler und Lehrer des von dem Amokläufer heimgesuchten Gutenberg-Gymnasiums trafen sich schon um 8 Uhr vor dem Gebäude. Weinend sanken sich viele von ihnen immer wieder in die Arme. In dem Gymnasium hatte am Freitag der 19-jährige Ex-Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen und sich selbst erschossen. Vor dem noch immer geschlossenen Portal bildeten Blumen einen dichten Teppich, dazwischen lagen Schilder mit Trauerworten und immer wieder der Frage "Warum?". Mit Bussen wurden die Schüler und Lehrer dann zum Rathaus gefahren.

Treffpunkt war der große Festsaal, in dem sich die Jungen und Mädchen mit ihren Lehrern und mit Psychologen zu Gesprächsrunden zusammenfanden. Insgesamt versammelten sich mehrere hundert Schüler des Gymnasiums. Das Rathaus soll nach Angaben der Stadt noch die ganze Woche Anlaufstelle bleiben.

Im Gymnasium waren auch am Montagmorgen Beamte der Tatortgruppe mit der Spurensicherung beschäftigt, wie eine Sprecherin sagte. Das Haus werde vollständig renoviert und erst nach den Sommerferien wieder für den Schulbetrieb geöffnet, erklärte Schulleiterin Christine Alt. Trotz allen Entsetzens über die Bluttat betonten aber Schüler wie Lehrer ihre Entschlossenheit, an dieser Schule nach der Wiederöffnung weiterzumachen. Auch vor dem Rathaus wurden ähnlich wie an der Schule Blumengebinde niedergelegt. Pausenlos trugen sich weitere Menschen in das Kondolenzbuch ein.

Viele Erfurter Klassen gingen geschlossen zum Rathaus oder in Gottesdienste. Andere Schulen hielten statt Unterricht Gedenkminuten ab und gaben ihren Schülern Gelegenheit zu Gesprächen. "Viele Schüler wollten allerdings lieber schweigen, weil die Geschehnisse und ihr Empfinden nicht in Worte zu fassen seien", berichtete der Leiter der Integrierten Gesamtschule Am Schwemmbach, Jochen Lutze.

Erfurter Schüler kritisieren Medien

Am Nachmittag fanden sich rund 500 Erfurter Schüler, Lehrer und Passanten auf dem Domplatz ein, um gemeinsam ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Schüler sprachen von einer improvisierten Rednertribüne über ihre Empfindungen. Einige äußerten sich verärgert über die Medien, von denen sie sich in den vergangenen Tagen belästigt fühlten.

Nach Bundeskanzler Gerhard Schröder und Außenminister Joschka Fischer legten am Montag auch Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel am Gutenberg-Gymnasium Blumengebinde nieder und gedachten der Opfer. Stoiber begrüßte den Vorschlag des thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, in Bundestag und Bundesrat eine Debatte zum Thema Gewalt zu führen. Zugleich verlangte der CSU-Chef "eine höhere Intoleranz gegen Gewaltverherrlichung und die Akzeptanz von Gewalt in unserer Gesellschaft". FDP-Chef Guido Westerwelle hatte zuvor an einem Gottesdienst in der Andreaskirche teilgenommen.

Bereits am Wochenende hatten sich bundesweit Hunderttausende an Trauerkundgebungen und Schweigeminuten beteiligt. "Thüringen trauert, und ganz Deutschland trauert mit Thüringen", sagte der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel.

"So was kriegt man doch nicht aus dem Kopf"

Nirgendwo war Deutschlands Trauer so stark zu spüren wie an den Schulen der Republik. "Heute war für Deutschlands Schulen kein Tag wie jeder andere", sagt Volker Reuber, Direktor des Carl-Schurz-Gymnasiums in Frankfurt-Sachsenhausen am Montag. Große Trauer herrscht im Münchner Max-Planck-Gymnasium, der Partnerschule des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. Zuletzt waren an Ostern Münchner Schüler in Erfurt. Rektor Wilfried Olbrich sagt der Münchner "tz": "Wir müssen nun viel mit den Jugendlichen sprechen, um Ängste abzubauen, oder besser Ängste gar nicht entstehen zu lassen."

Im Mainzer Gutenberg-Gymnasium, das ebenfalls eine Schulpartnerschaft mit der gleichnamigen Erfurter Schule unterhält, versammeln sich Lehrer und Schüler in der Aula. Mit kurzen Ansprachen versuchen hier Lehrer und Schüler, die schrecklichen Ereignisse in Thüringen zu verarbeiten.

Der Schulleiter der Main-Taunus-Schule in Hofheim/Taunus, Heinz Blankenberg, zeigt sich erleichtert darüber, dass die Abiturprüfungen vorüber sind. "Wer weiß, wie die Abiturienten darauf reagiert hätten." Christine, 19-jährige Abiturientin der Liebig-Schule in Gießen, bestätigt: "Ich wäre schon ängstlich gewesen. Jedes Mal, wenn die Tür aufgegangen wäre. So was kriegt man doch nicht aus dem Kopf."

  • 1. Teil: "Menschen umzubringen, ist nicht geil"
  • 2. Teil


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