Amokschütze von Erfurt Täter führte monatelang ein Doppelleben

Die Eltern des Todesschützen von Erfurt wussten offenbar bis zu dem Amoklauf vom vergangenen Freitag nicht von den schulischen Problemen ihre Sohnes. Die Polizei machte außerdem genauere Angaben über Waffen, Videos und Spiele, die sich der Amokläufer gekauft hatte.

Von , Erfurt


"Nach Vorschrift gehandelt": Polizeichef Grube
DDP

"Nach Vorschrift gehandelt": Polizeichef Grube

Erfurt - Der Täter habe sich am Freitag Morgen "ganz normal" von seinen Eltern verabschiedet, die ihm noch Glück für die Abiturprüfung im Fach Mathematik wünschten, berichtete der Erfurter Polizeichef Rainer Grube auf einer Pressekonferenz am Sonntag. In Wirklichkeit aber war Robert Steinhäuser schon im Februar 2002 wegen der mehrfachen Fälschung von ärztlichen Attesten von der Schule verwiesen worden. Danach führte der Ex-Schüler offenbar ein Doppelleben, in dem die Polizei mittlerweile auch ein Motiv für den Amoklauf sieht. Denn spätestens nach dem Freitag wäre das Lügengebilde eingestürzt, sagte der thüringische Innenstaatssekretär Manfred Scherer.

Die Eltern hätten zwar regulär von der Schule eine Mitteilung über die Suspendierung erhalten müssen, sagte Grube. "Da der Täter jeden Tag nach dem Rausschmiss zu Hause war, hätte er eine solche Mitteilung aber leicht abfangen können", sagte Grube. Ob die Eltern die Tatsache, dass ihr Sohn immer zu Hause gewesen sei nicht merkwürdig fanden, konnte Grube nicht beantworten.

SMS-Empfänger noch nicht bekannt

Weiterhin teilte die Polizei mit, dass der Täter die Waffenbesitzkarte, die er zum Erwerb der Pistole und der Pump-Gun benötigte, seit dem 16. Oktober 2001 besaß. Die nötigen Prüfungen hatte er im Schützenverein Domblick absolviert, wo er seit Oktober 2000 Mitglied war. Dort soll Steinhäuser besonders das Schießen mit Pistolen auf Distanzen von 25 Metern trainiert haben. Die Ermittler sind sich mittlerweile sicher, dass er die Tat ohne diese Ausbildung nicht hätte begehen können. Der Grund: Bei dem Amoklauf tötete er die meisten Opfer mit extrem genauen Kopfschüssen, die ein gutes Training voraussetzen.

Tödliches Werkzeug: Pistole vom Typ Glock 17
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Tödliches Werkzeug: Pistole vom Typ Glock 17

Wann und auch wo Steinhäuser die beiden mitgeführten Waffen gekauft habe, sei noch nicht ermittelt worden, sagte der Polizeichef. Bei den Waffen handelt es sich nach Polizeiangaben um eine Pistole des Typs Glock 17 vom Kaliber 9 Millimeter und bei der Langwaffe um den Typ Mossberg 590 vom Kaliber 12/76. Aus der Langwaffe seien jedoch in der Schule keine Schüsse abgegeben worden. Aus der Pistole feuerte der Schütze insgesamt 40 Patronen ab.

Zu den Gerüchten, Steinhäuser habe Freunde oder Mitschüler per SMS vor dem Amoklauf gewarnt, teilte die Polizei mit, dies werde zur Zeit noch ermittelt. Es gebe auch Hinweise, dass es sich bei den Empfängern um Bauarbeiter, die auf dem Schulgelände Renovierungsarbeiten durchführen, gehandelt haben könnte. Über das Wochenende sei dies jedoch nicht zu ermitteln gewesen.

Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe einer falschen Taktik

Amokläufer Steinhäuser: "Ohne Training wäre das nicht möglich gewesen"
THÜRINGER ALLGEMEINE/AP

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Zu den in der Wohnung gefundenen Videos und Computerspielen sagte Polizeichef Grube, dass die Filme Action-Streifen mit "intensiver Gewaltdarstellung" waren. Zu den Computerspielen sagt er lediglich, dass sie frei käuflich seien und ebenfalls zum Teil sehr gewalttätige Inhalte hätten. Konkrete Namen der Spiele nannte er nicht. Bekannte von Robert Steinhäuser hatten mehrfach berichtet, der 19-jährige sei geradezu süchtig nach gewalttätigen Spielen gewesen, die zum Teil auch Amokläufe in Bürogebäuden nachstellen.

Der genaue Ablauf der Tat ist für die Polizei noch nicht ermittelt. "Wie der Täter sich im Gebäude bewegte, können wir noch nicht definitiv sagen", betonte Grube. Die Ermittlungen am Tatort und weitere Zeugenbefragungen seien noch im Gange.

Polizeichef Grube wehrte sich gegen Vorwürfe, dass die Polizei den Einsatz an der Schule nach dem Anruf des Hausmeisters um 11.05 Uhr nicht richtig angegangen sei. Die Beamten hätten "nach Vorschrift" gehandelt, unterstrich der Polizeichef. "Hätten wir unbedacht reagiert, hätten wir vielleicht noch mehr tote Polizisten zu beklagen". Als letztes Opfer hatte der Amokläufer einen von zwei Streifenbeamten erschossen, die in das Schulgebäude eingedrungen waren.

Streit in der Behörde

Der Hausmeister der Schule hatte die Polizei alarmiert und gesagt, dass in der Schule geschossen werde. Trotzdem rückte die Polizei zuerst mit zwei normalen Streifenwagen vor Ort an. Das speziell für solche Situationen ausgebildete und ausgerüstete Sondereinsatzkommando (SEK) wurde erst verständigt, als der Täter das Feuer auf die Streifenbeamten eröffnet hatte. Es traf nach Polizeiangaben um 11.34 am Ort des Geschehens ein.

In Polizeikreisen Erfurts war am Sonntag zu hören, dass es mittlerweile Streit innerhalb der Behörde über die Einsatztaktik gebe. Den Tod der Schüler, Lehrer und Schulangestellten hätte indes auch ein SEK-Team nicht verhindern können: Die 15 Menschen waren bereits tot, als der erste Streifenwagen wenige Minuten nach dem Notruf vor der Schule eintrafen.



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