Anglikaner-Chef Justin Welby Vom Ölmanager zum Oberhirten

Justin Welby, das neue geistliche Oberhaupt der Anglikaner, ist ein ungewöhnlicher Kirchenfürst: Der frühere Ölmanager hatte Erfolg in der Welt des großen Geldes, bevor er die Seiten wechselte. Jetzt geißelt er die Finanzbranche und ist ein Fürsprecher der Armen.

Erzbischof Welby: Noch nie hatte die Kirche ein so weltliches Oberhaupt
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Erzbischof Welby: Noch nie hatte die Kirche ein so weltliches Oberhaupt

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Justin Welbys Weg schien vorgezeichnet. Der Unternehmersohn hatte die englischen Eliteschulen Eton und Cambridge absolviert. Nach einigen Jahren beim Ölkonzern Elf Aquitaine in Paris war er zum Finanzchef der britischen Firma Enterprise Oil aufgestiegen. Er war Anfang 30, seine Karriere lief wie geschmiert, und er war glücklich mit seiner Uni-Liebe Caroline verheiratet.

Doch irgendetwas fehlte. Eines Abends in der Kirche habe er einen "unentrinnbaren Ruf Gottes" gehört, erzählte der gläubige Christ später. Er gab sein sechsstelliges Gehalt auf, studierte Theologie und ließ sich zum Priester weihen.

Nun, 20 Jahre später, ist Welby der 105. Erzbischof von Canterbury, das geistliche Oberhaupt der 77 Millionen Anglikaner in der Welt. Er hat nicht die gleiche Autorität wie der Papst in der katholischen Kirche, denn die anglikanischen Landeskirchen sind autonom. Doch ist er fortan einer der einflussreichsten Männer Großbritanniens. Zu Welbys Inthronisierung in der Kathedrale von Canterbury am Donnerstag kamen Premierminister David Cameron und Prinz Charles.

Welby will zwischen den Lagern vermitteln

Von dem 57-jährigen Quereinsteiger wird Großes erwartet. Der Ex-Manager gilt als durchsetzungsstarker Entscheider mit großem diplomatischen Geschick. Wenn einer die verkrustete Hierarchie der 1534 gegründeten Staatskirche aufbrechen kann, dann er. Welby hat einmal gesagt, eine Organisation könne nicht von oben regiert werden, sondern lebe von einer gewissen Anarchie.

Die Anglikanische Kirche hat mit den gleichen Problemen wie alle Kirchen zu kämpfen: Mitgliederschwund und Grabenkämpfe zwischen Traditionalisten und Modernisierern. Welby wird eher dem konservativen Flügel zugerechnet, aber er will nicht den Fehler seines liberalen Vorgängers Rowan Williams wiederholen und sich auf eine Seite schlagen. Stattdessen will er zwischen den Lagern vermitteln.

Erfahrung darin hat er: In den nuller Jahren reiste er mehrfach nach Nigeria, Kenia und Kongo, um in bewaffneten Konflikten nach einer Lösung zu suchen. Im Nahen Osten bemühte er sich um die Aussöhnung zwischen Christen und Muslimen, Israelis und Palästinensern.

Anwalt der Armen

Die Kirche von England ist liberaler als die katholische Kirche. Ein Drittel der Priester sind Frauen, und offen schwule Priester dürfen mit ihrem Partner zusammenleben. Die Modernisierung verläuft allerdings nicht immer ganz kohärent: So dürfen Schwule seit neuestem auch Bischof werden, Frauen aber weiterhin nicht. Schwule Bischöfe müssen zudem im Unterschied zu ihren heterosexuellen Kollegen versprechen, auf Sex zu verzichten.

Die Homo-Ehe wird weiterhin als Sünde angesehen. Auch der neue Erzbischof lehnt sie ab. Er deutet allerdings an, dass er gesprächsbereit ist. So will er sich mit dem bekanntesten Schwulenaktivisten Großbritanniens, Peter Tatchell, treffen. Welbys Vorsicht dürfte auch damit zu tun haben, dass sein Vorgänger Williams mit seinem Einsatz für die Homo-Ehe die Spaltung der Kirche vertieft hatte.

Noch nie hatte die Kirche ein so weltliches Oberhaupt. Welby kennt die Gesellschaft von oben und unten. Der Abschied vom Manager-Dasein bedeutete eine radikale Umstellung des Lebenswandels: Die siebenköpfige Familie musste plötzlich mit dem kargen Priestergehalt auskommen. In seiner Zeit als Seelsorger machte Welby sich einen Namen als Anwalt der Armen. Er kümmerte sich um die Jugend in Städten wie Coventry und Liverpool. Und er wurde zu einem der schärfsten Kritiker der Finanzbranche, geißelte die "Sünden der City".

Als Erzbischof will Welby die Finanz- und Wirtschaftspolitik zu einem seiner Schwerpunkte machen. Er meldet sich nicht nur öffentlich zu Wort, er sitzt auch in dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der die Manipulation des Libor-Leitzins durch mehrere Banken untersucht. Unmittelbar nach seiner Inthronisierung in Canterbury musste er nach London - in eine Ausschusssitzung.



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dadanchali 21.03.2013
1. Nee
Dieser Schritt ist doch ein logischer Weg. Bei beiden Jobs muss man skrupellos sein und gut lügen können. Da die religiösen Lügengeschichten noch dreister sind ist es sogar eine Weiterentwicklung.
ronald1952 21.03.2013
2. So so, ein fürsprecher der Armen?
Zitat von sysopAFPJustin Welby, das neue geistliche Oberhaupt der Anglikaner, ist ein ungewöhnlicher Kirchenfürst: Der frühere Ölmanager hatte Erfolg in der Welt des großen Geldes, bevor er die Seiten wechselte. Jetzt geißelt er die Finanzbranche und ist ein Fürsprecher der Armen. Anglikaner-Chef Justin Welby: Das neue soziale Gewissen Englands - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/anglikaner-chef-justin-welby-das-neue-soziale-gewissen-englands-a-890189.html)
Da wäre doch zu hoffen, daß der Herr all sein Vermögen verschenkt hat, denn eines ist sicher, nur jemand der selbst Arm im Sinne der Armut ist, kann auch für Arme sprechen. Alles andere wäre wie so üblich, nur dummes Gewäsch. schönen Tag noch,
Whitejack 21.03.2013
3.
Zitat von dadanchaliDieser Schritt ist doch ein logischer Weg. Bei beiden Jobs muss man skrupellos sein und gut lügen können. Da die religiösen Lügengeschichten noch dreister sind ist es sogar eine Weiterentwicklung.
Deswegen werden auch soviele Spitzenmanager und Vorstandsbosse irgendwann Pfarrer...
Whitejack 21.03.2013
4.
Zitat von ronald1952Da wäre doch zu hoffen, daß der Herr all sein Vermögen verschenkt hat, denn eines ist sicher, nur jemand der selbst Arm im Sinne der Armut ist, kann auch für Arme sprechen. Alles andere wäre wie so üblich, nur dummes Gewäsch. schönen Tag noch,
Zumindest hat er, während er als Priester lebte, nur sehr wenig Geld gehabt, für eine gewisse Zeit nicht einmal Lohn: Archbishop of Canterbury: 'You have no future in the Church' - Telegraph (http://www.telegraph.co.uk/news/religion/9668919/Archbishop-of-Canterbury-You-have-no-future-in-the-Church.html) Man kann ihm so manches vorwerfen, aber Vorwürfe bezüglich Geld sind sicherlich unangebracht. Die allermeisten Leute würden nicht auf ein dickes Gehalt verzichten und kaum oder gar nicht entlohnt arbeiten, weil sie es für richtig halten. Ausnahmsweise sind daher die Kritiken bezüglich der reichen Kirche, die über Armut predigt, bei diesem Mann nicht berechtigt.
udo46 22.03.2013
5. Topmanager
Zitat von WhitejackZumindest hat er, während er als Priester lebte, nur sehr wenig Geld gehabt, für eine gewisse Zeit nicht einmal Lohn: Archbishop of Canterbury: 'You have no future in the Church' - Telegraph (http://www.telegraph.co.uk/news/religion/9668919/Archbishop-of-Canterbury-You-have-no-future-in-the-Church.html) Man kann ihm so manches vorwerfen, aber Vorwürfe bezüglich Geld sind sicherlich unangebracht. Die allermeisten Leute würden nicht auf ein dickes Gehalt verzichten und kaum oder gar nicht entlohnt arbeiten, weil sie es für richtig halten. Ausnahmsweise sind daher die Kritiken bezüglich der reichen Kirche, die über Armut predigt, bei diesem Mann nicht berechtigt.
Wenn der jahrelang Topmanager in grossen Ölfirmen war, wird der sein Schäfchen schon ins Trockene gebracht haben. Darauf können Sie sich verlassen. Der braucht das Bischofsgehalt nicht.
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