Elterncouch

Elterncouch Kinderseele in Not

Was tun gegen Panikattacken?
imago/ Action Pictures

Was tun gegen Panikattacken?

Von Juno Vai


Wenn die Tochter als Nervenbündel aus der Sommerfreizeit zurückkehrt, ist irgendetwas schiefgelaufen. Ein Erfahrungsbericht über kindliche Panikattacken und was Eltern dagegen tun können.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Vic ist ein sonniges, selbstbewusstes und fast zu vernünftiges Mädchen. "Kein Wunder, Löwe mit Jungfrau-Aszendent", sagt meine Astro-Freundin Helen immer, wenn ich mich darüber wundere. Natürlich ist meine Tochter kein dauergrinsendes Duracell-Häschen, sie hat ihre Höhen und Tiefen, wie jedes Kind. Zudem ist sie inzwischen 14, Pubertät, Sie wissen schon, mit allem Drum und Dran.

Neulich allerdings wurde ihr auf sehr schmerzliche Weise klargemacht, dass ihre Kräfte nicht grenzenlos sind. Wie sehr hatte sie sich gefreut auf zwei Wochen Sommerfreizeit im Elbsandsteingebirge - Klettern war angesagt, Zelten mit Freundinnen, Dresden erkunden. Organisiert wurde das Ganze von der Kirche, deshalb hatten mein Mann und ich keine Bedenken, sie allein loszuschicken, zumal sie schon an Gruppenreisen teilgenommen und sie immer genossen hatte.

Nicht dieses Mal. Kurz vor Ende der Reise kamen die ersten WhatsApp-Nachrichten: "Bitte kommt mich abholen, ich habe Angst, mir geht es schlecht." Wir telefonierten. "Ich habe eine Panikattacke gehabt", berichtete Vic. "Ich will nur noch nach Hause."

Was war geschehen? Eine Betreuerin hatte in Gruppensitzungen mit den Mädchen über Probleme und Bewältigungsstrategien gesprochen. Vics einziges Problem zu dieser Zeit war, dass sie mit ihrer langjährigen Freundin Lola nicht mehr klarkam. Langeweile hatte sich eingeschlichen, Vic hatte das Gefühl, sämtliche Impulse gingen nur von ihr aus, sie müsse ständig die Entertainerin spielen. Sie hatte aber auch nicht den Mut, die Beziehung zu beenden, "weil ich dann irgendwann gar keine Freunde mehr habe".

"Bin ich krank oder vielleicht sogar verrückt?"

Einige Mädchen in der Gruppe hatten Probleme völlig anderen Kalibers: Stiefväter, die sie misshandelten, Suizidgedanken, Selbstverletzungen. Es wurde viel und sehr intensiv geredet. "Du musst wegen deiner Freundin nicht depressiv werden", sagte ein therapieerfahrenes Mädchen wohlmeinend zu Vic. "Suizid ist ja auch keine Lösung."

Gesprächspause. Irritation. Meine Tochter hatte nie an eine so drastische Maßnahme gedacht. Jetzt allerdings war sie zutiefst verunsichert. "Oh Gott", dachte Vic, "bin ich krank oder vielleicht sogar verrückt, weil mich das mit Lola so belastet? Dreh ich jetzt auch total ab - und wie komme ich dann da wieder raus?" Die Angst vor Ich- und Kontrollverlust übernahm das Ruder: Vic wurde panisch, grübelte stundenlang, konnte nicht mehr schlafen und aß kaum noch etwas.

Die Reiseleiterin, eine junge Christin mit den allerbesten Absichten, hatte offenbar unbedacht die Büchse der Pandora geöffnet. Wie sollte sie die teilweise heftigen Sorgen und Nöte der Gruppe auffangen? Weder war sie psychologisch geschult, noch hatte sie die Kapazitäten, auf alle Mädchen einzugehen, die abends im Zelt plötzlich Weinkrämpfe bekamen.

Oder war meine Tochter einfach nur besonders empfindsam? "Solch ein hysterisches Schwirren innerhalb einer Gruppe von Teenagern kommt häufiger vor und ist altersgemäß", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. "Aber es ist wenig professionell, wenn eine Aufsichtsperson ohne Not Dämme öffnet, tiefliegende Probleme thematisiert und dadurch Ängste triggert."

Ist Angst eigentlich ansteckend?

Vic brauchte etwa zwei Wochen, um wieder auf Kurs zu kommen. In dieser Zeit waren mein Mann, mein Sohn und ich fast durchgehend damit beschäftigt, mit ihr zu reden, sie zu beruhigen, zu erden, ihr Mut zu machen, alle Gedanken durchzuspülen, bis die Wasser wieder klar waren. Sie war in ihren Grundfesten verunsichert, ihr Seelchen flatterte, immer wieder fragte sie uns: "Hört das wieder auf?"

Es hörte auf. Aber es blieben Fragen. "Ist Angst eigentlich ansteckend?", rätselte ich angesichts der heftigen Reaktion meiner Tochter. "Ja, das ist sie", sagt Schulte-Markwort. "Die Angst des Gegenübers kann eine in uns schlummernde Angst wecken." Jedoch solle man der Furcht nicht ausweichen, weil sie dann in der Regel größer werde. Vielmehr müsse man lernen, damit umzugehen.

Das sagt sich dann so. Als ich merkte, dass die Angst dabei war, sich in meiner Tochter festzufressen, wurde ich ein wenig rigoros: "Schatz, jetzt musst du mal nach vorn gehen und das Vieh bei den Hörnern packen", riet ich ihr. "Kämpf dagegen an, stell Dir ein Tier vor, das du bezwingst." Das hat funktioniert, ich war heilfroh.

Wadenwickel gegen das Angstfieber

Bilder, Metaphern und Visualisierungen seien gut im Kampf gegen die Angst, sagt Schulte-Markwort. Bei generalisierten, also diffusen Ängsten, spreche er selbst gern von einem "Angstfieber", das es zu senken gelte. Dafür brauche man dann "Wadenwickel": "Wichtig ist es, die Kinder zu Experten zu machen, sie sind sehr gut in der Lage, ihre Situation zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen", sagt der Psychiater, der immer wieder begeistert ist von der emotionalen Klugheit seiner kleinen Patienten.

Angststörungen gehören zu den häufigsten seelischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, etwa zehn Prozent der jungen Menschen sind davon betroffen. Ich gebe zu, dass ich angesichts des Mädchens, das meiner Tochter so routiniert therapeutische Ratschläge gab, kurz überlegt habe, ob einige Kinder vielleicht übertherapiert werden, frühzeitig pathologisiert, sodass sie ohne professionelle Anleitung gar nicht mehr mit ihrem Leben klarkommen.

Schulte-Markwort schüttelt den Kopf: "In Deutschland werden Minderjährige nicht übertherapiert", sagt er sehr bestimmt. Geschätzt die Hälfte derer, die dringend Hilfe bräuchten, seien nicht in Behandlung. Dies liege nicht zwangsläufig am Unwillen der Eltern, sondern oft an der Tatsache, dass die Entfernungen zum nächsten Kinder- und Jugendpsychiater zu groß seien. Eltern sollten sich davon nicht abschrecken lassen, und erkennen, wann ihre eigenen Grenzen bei der Unterstützung des Nachwuchses erreicht sind. "Ich sehe Kinder lieber früher als später, und wenn sie eigentlich gesund sind, schicke ich sie auch gern wieder nach Hause."

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Michael Schulte-Markwort:
Kindersorgen

Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können

Droemer; 368 Seiten; 19,99 Euro

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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14 Leserkommentare
brux 20.09.2017
Stäffelesrutscher 20.09.2017
simie 20.09.2017
Bibendumx 20.09.2017
Holbirn 20.09.2017
merci.nicolas 20.09.2017
Kritikfreak 20.09.2017
grabenkaempfer 20.09.2017
lachina 20.09.2017
GyrosPita 20.09.2017
Olaf 20.09.2017
simie 20.09.2017
blubbi127 20.09.2017
Bibendumx 20.09.2017

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