Anklage im Mordfall Metzler "Folter kann erlaubt sein"

Am Tag der Anklage gegen den Jurastudenten Magnus G. wegen Mordes an dem Bankierssohn Jakob von Metzler ist die Polizei weiter unter Druck wegen der von ihr angeordneten Verhörmethoden. Derweil legte der Angeklagte im Untersuchungsgefängnis die mündliche Prüfung seines Jura-Examens ab.


Magnus G. wurde kurz nach dem Verschwinden von Jakob festgenommen
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Magnus G. wurde kurz nach dem Verschwinden von Jakob festgenommen

Frankfurt am Main - Knapp fünf Monate nach der Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler hat die Staatsanwaltschaft den den Jurastudenten Magnus G. wegen Mordes angeklagt. Der 27-Jährige habe die Tat aus Habgier begangen, und um das Verbrechen der Entführung des Jungen zu verdecken, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Rainer Schilling. Magnus G. habe seine Bekanntschaft mit der Familie ausgenutzt, um den Elfjährigen heimtückisch in die eigene Wohnung zu locken und zu ermorden.

Magnus G. hat die Tat mehrfach gestanden, jedoch möglicherweise unter Androhung von Folter. Vor wenigen Tagen war eine Aktennotiz des stellvertretenden Polizeipräsidenten von Frankfurt, Wolfgang Daschner, bekannt geworden, die der Staatsanwaltschaft zufolge den Verdacht der Aussage-Erpressung nahe legt. Die Justiz ermittelt gegen Daschner und einen Kollegen, die Magnus G. mit Folter gedroht haben sollen, falls dieser nicht aussage.

Die Ermittlungen gegen Daschner haben eine Diskussion über polizeiliche Verhörmethoden ausgelöst. Der Vorsitzende des deutschen Richterbundes Mackenroth verteidigte das Vorgehen der Polizei: "Es sind Fälle vorstellbar, in denen auch Folter oder ihre Androhung erlaubt sein können, nämlich dann, wenn dadurch ein Rechtsgut verletzt wird, um ein höherwertiges Rechtsgut zu retten", sagte Mackenroth dem "Tagesspiegel". Dagegen betonte der Verteidiger von Magnus G., Ulrich Endres, dass es keinerlei Ausnahme vom völkerrechtlich fundamentalen Folterverbot geben könne. Oberstaatsanwalt Schilling sprach von einer seit Jahrzehnten umstrittenen Rechtsfrage. Der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutschen Kriminalbeamte, Holger Bernsee, forderte eine klarere Rechtsgrundlage. Polizisten dürften keinen langen Disussionen ausgesetzt sein, wann der "rechtfertigende Notstand" nach dem Strafgesetzbuch vorliege.

Die Motive des Beschuldigten bezeichnete sein Verteidiger Endres als noch nicht geklärt. Es gebe eine extreme Diskrepanz zwischen der Tat und der Persönlichkeit des Täters. Die Staatsanwaltschaft sieht Habgier als Hauptmotiv, obwohl gegen Magnus G. ein Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs zweier Jungen läuft.

Endres versuchte zu rechtfertigen, dass sein Mandant am Tag der Anklagevorstellung seine mündliche Prüfung im ersten juristischen Staatsexamen ablegte. Der Examenstermin habe schon vorher festgestanden. "Auch ein Mörder hat Anrecht auf Ausbildung", sagte der Verteidiger. Der "Tagesspiegel" meldet, dass Magnus G. die Prüfung mit der Note "befriedigend" bestanden habe. Verteidiger Endres war vom Prüfungsamt als Gast zugelassen worden.

Der Prozess gegen Magnus G. ist auf 17 Verhandlungstage angesetzt und soll am 9. April beginnen. Unter den 35 benannten Zeugen sind auch mehrere Mitglieder der Familie Metzler.



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