Anschläge auf Asylunterkünfte Das darf uns nicht kaltlassen

Die Meldungen über Brandanschläge auf Flüchtlingsheime häufen sich - aber in Deutschland verbreitet sich eine gefährliche Gefühlskälte. Höchste Zeit, dagegen anzukämpfen.

"Anschlag mit Ansage": Feuerwehreinsatz an der Asylbewerberunterkunft in Meißen
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"Anschlag mit Ansage": Feuerwehreinsatz an der Asylbewerberunterkunft in Meißen

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In der sächsischen Stadt Meißen brannte eine noch unbewohnte Unterkunft für Asylbewerber. Die Polizei fand Brandbeschleuniger. Der Hauseigentümer sprach von einem "Anschlag mit Ansage".

In Lübeck brannte der Rohbau einer Asylbewerberunterkunft. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.

In Vorra (Bayern), in Limburgerhof (Rheinland-Pfalz), in Tröglitz (Sachsen-Anhalt): Feuer in geplanten Unterkünften für Flüchtlinge.

Wenn sich Vorfälle, egal welcher Art, regelmäßig wiederholen, droht die Aufmerksamkeit abzunehmen. Wieder hat ein Asylbewerberheim gebrannt. Wo nochmal? War bestimmt Brandstiftung. Passt ins Bild, abgehakt. Es droht eine Routine, wo es keine Routine geben darf. Diese Form von Selbstjustiz ist in ihrer Durchführung und ihren Motiven verachtenswert, jeder einzelne Fall ist ein schändlicher Skandal.

Doch warum verstärkt sich das beklemmende Gefühl, dass sich die Empörung in der Gesellschaft nicht so recht Bahn bricht? Eine mögliche Antwort ist ebenso verstörend, wie die nicht enden wollende Serie an Brandstiftungen: Wer Augen und Ohren offenhält, findet überall in deutschen Städten und Orten Anzeichen für eine leise Angst, dass Flüchtlinge in der Nähe einziehen könnten.

Symptom einer beängstigenden Gefühlskälte

Da erwog eine in der überregionalen Berichterstattung wenig beachtete Gemeinde, in einem Gebäude Flüchtlinge unterzubringen, das in direkter Nähe eines Villen-Baugebiets steht. Der Investor des Quartiers kaufte das Gebäude kurzerhand, die Interessenten für seine Villen könnten ja den Preis drücken, wenn Flüchtlinge nebenan leben.

Da wurden Container auf einem öffentlichen Platz einer Großstadt aufgestellt, um Flüchtlinge unterzubringen. Als das alljährliche Schützenfest deshalb an einen anderen Ort verlegt werden musste, beschwerte sich niemand offiziell. Verständnis äußerte aber auch keiner. Stattdessen hieß es aus einer Behörde entschuldigend, man werde derzeit "überrannt von Menschen in Not". Überrannt - Deeskalation geht anders.

Bei derlei Fällen handelt es sich nicht um Fremdenhass. Aus dem Verhalten spricht etwas, das komplizierter, subtiler und letztlich furchteinflößender ist: Ein leises Selbstverständnis, das keiner Asylbewerber in seiner Umgebung haben möchte. Ein berechtigtes Anliegen? Nein, Symptom einer beängstigenden Gefühlskälte.

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Es ist kaum vorstellbar, dass bloße Aufrufe zur Solidarität nachhaltig dagegen helfen können. Die Menschen müssen aufgeklärt werden, sie müssen erfahren, warum Flüchtlinge sich entschieden haben, nach Europa zu kommen. Was ihnen drohte, was sie erlebten, was sie ertragen mussten.

Das geht aber nicht allein mit Broschüren, und auch noch so gute Reportagen können eines nicht ersetzen: die Begegnung. Dafür braucht es bessere Konzepte zur Integration der Flüchtlinge, für die Bürger bessere Möglichkeiten der Annäherung an die neuen Nachbarn. Und sei es zunächst nur der Austausch von Rezepten beim gemeinsamen Kochen.

Nichts wirkt so stark wie Begegnungen

Mancherorts funktioniert das bereits: Ehrenamtliche organisieren Zusammenkünfte und Hilfe. Doch wo der Gemeinsinn fehlt, müssen das die Kommunen besser als bisher erkennen und Foren schaffen, Treffen veranstalten, Ideen haben.

Wo dies bereits stattfindet, zeigt sich der Nutzen: Tausende Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen bei Behördengängen, mit Sprachkursen oder Sachspenden. Experten und Hilfsorganisationen sagen, die Deutschen seien weit hilfsbereiter als in den neunziger Jahren. Das Potenzial ist also da. Doch in diesen Zeiten muss noch mehr passieren, um der neuen Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken.

Viele Sorgen von Anwohnern ließen sich sicher schnell ausräumen, wenn es mehr Möglichkeiten zur Beteiligung gäbe, schon bevor Flüchtlinge einziehen. Wenn es von Anfang an die Gelegenheit gäbe, sich an den Konzepten zu beteiligen, Ideen beizusteuern, Ängste und Hoffnungen zu formulieren und gemeinsam Lösungen für mögliche Probleme zu finden. Es wäre ein Rezept gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins, wenn Bürger seltener vor vollendete Tatsachen gestellt würden.

All das muss organisiert werden, damit Asylsuchende in Deutschland auf mehr Verständnis treffen. Und: Es muss schnell geschehen, damit die subtile Abneigung gegen Fremde, die leise Angst vor dem, was man nicht kennt, das stille Einverständnis, dass eigentlich niemand diese Menschen in seiner Umgebung haben will, nicht weiter schwelen.

Sonst ist der Punkt, an dem nur leere Asylbewerberunterkünfte in Flammen aufgehen, vielleicht bald überschritten. Dann droht uns ein neues schreckliches Beispiel für offenen Fremdenhass in Deutschland, ein neues Rostock-Lichtenhagen.

Hilfe beim Helfen

Wer als ehrenamtlicher Helfer Flüchtlingen Deutsch beibringen, Flüchtlingskinder betreuen oder sie zu Behörden begleiten will, kann sich hier melden: muenchner-mentoren.de in München, koeln-freiwillig.de in Köln, Xenion in Berlin.

In Berlin können sie hier Sachspenden loswerden: Landesamt für Gesundheit und Soziales, Telefon: 030 - 902293040, Email: spenden@lageso.berlin.de.

In München können Sie sich auf dieser Website informieren, wie sie helfen können: willkommen-in-muenchen.de.

In Hamburg finden freiwillige Helfer hier Informationen: BürgerStiftung Hamburg.

Wer Flüchtlinge zuhause aufnehmen will, findet hier Unterstützung und Informationen: Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) oder bei der Initiative "Flüchtlinge Willkommen".

Diese Website sammelt bundesweit Hilfsprojekte und -innitiativen für Flüchtlinge in Deutschland: Wie-kann-ich-helfen.info.

Zum Autor
  • Jeannette Corbeau
    Benjamin Maack ist Redakteur im Panorama-Ressort von SPIEGEL ONLINE.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 01.07.2015
1. US-Sozialwissenschaftler...
...haben in einer großen Sozialstudie belegt, dass ein Zuzug von Ausländern von 5 % von einer Bevölkerung gut zu verkraften sind und die besten Integrationschancen bieten. Bei 10% wird es kritisch...aber es klappt noch...alles was drüber liegt stößt auf Ablehnung...und zwar nicht nur in Deutschland sondern in jedem Land der Welt. Wenn nun kleine Orte mit 1000 Einwohnern (wie hier in Hessen) eine Asylunterkunft vor die Nase gesetzt bekommen in der 2000 Asylanten (90% junge Männer zwischen 18 und 28) leben, die auch noch den ganzen Tag nichts zu tun haben und vor den Häusern der Anlieger herumlungern...dann kann man nirgends auf der Welt davon ausgehen, dass das akzeptiert wird. Leider gipfelt die Ablehnung bei einigen eben auch in Extremismus...und Anschlägen. Das ist ganz klar abzulehnen, zu verfolgen und zu verurteilen...letzlich aber ein Produkt einer Politik der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit. Dabei werden die, die nach mehr Flüchtlingen rufen, darin auch noch Chancen für die Deutsche Wirtschaft sehen (nicht zu belegen) immer lauter...nur die stellen eben nicht die Mehrheit der Bevölkerung sondern rufen nur am lautesten und werden in den Main Stream Medien gehätschelt. Alle anderen sind rechts, Pegidas, Nazis und fremdenfeindlich...dadurch wird jede Diskussion im Keim erstickt.
Phil2302 01.07.2015
2.
Begegnung ist wichtig, aber keinesfalls (!) das primäre Element. Was die Bürger hören wollen? Die Pläne für die nächsten 20 Jahre! Wo lernen die Flüchtlinge deutsch, wo holen sie ihre Bildung nach, welche Arbeit können sie ausüben, wo doch "einfache" Jobs immer rarer werden. Was wird dafür getan, dass sie sich an die deutsche Gesellschaft und Kultur annähern? Was wird getan, um zu verhindern, dass es in Ballungszentren von Asylbewerben nicht zugeht wie in Pariser Vororten? DAS sind Fragen, die eine Antwort benötigen. Und nur am Rande: die Preise für Villen "könnten" nicht nur gedrückt werden, sie werden es sogar ganz sicher. Als eine Nachbarin ihr Haus verkaufen wollte, wurde der Preis sogar gedrückt, weil in der Straße mit 20 Familien eine wohnt, in der die gesamte Familie Kopftuch trägt. Menschen wollen Menschen gleichen Schlages und gleicher Kultur neben sich wohnen haben, so ist es nun einmal - daran ändert auch die Begegnung nichts.
infonetz 01.07.2015
3.
aber in Deutschland verbreitet sich eine gefährliche Gefühlskälte. Wundert mich nicht bei dieser Politik! Gerade die Agenda 2010 unter GAZprom Schröder hat viel kälte ins Land gebracht. Warum soll ich an andere denken wenn keiner an mich denkt?! So muss meine kleine Stadt seit Jahren sparen wo es geht und das macht sie gerade im sozialen Bereich. Jetzt kommen 203 Flüchtlinge und dafür miss meine kleine Stadt neue Schulden machen. Und wo wird das wohl wieder eingespart?!
marthaimschnee 01.07.2015
4.
Was nützt das, wenn man auf der Gegenseite toleriert, daß Elemente wie die BILD (unter dem Deckmantel der Pressefreiheit) den blanken Hass in die Gesellschaft säen? Oder denkt ihr, daß jemand der die etablierte Griechen- oder Russland-Hetze aufgreift, freundlich den nächsten Flüchtling an die Hand nimmt? Schwachsinn!
carn 01.07.2015
5. Hilft das wirklich?
"Die Menschen müssen aufgeklärt werden, sie müssen erfahren, warum Flüchtlinge sich entschieden haben, nach Europa zu kommen." http://de.statista.com/statistik/daten/studie/154287/umfrage/hauptherkunftslaender-von-asylbewerbern/ 27000 aus dem Kosovo 15000 aus Albanien 8000 aus Serbien 3000 aus Mazedonien 2000 aus Bosnien = ca. 55000 aus Ländern, die seit mindestens 10 Jahren keinen Krieg mehr hatten und alle als Beitrittskandidaten oder potenzielle Beitrittskandidaten der EU gelten (https://de.wikipedia.org/wiki/Beitrittskandidaten_der_Europäischen_Union) Länder außerhalb Europas, in denen Krieg herrscht oder zumindest nicht das, was man guten gewissens als Frieden bezeichnen kann: ca. 40000 Wie genau kann es gegen eine "beängstigende Gefühlskälte" helfen, wenn man den Leuten im Detail erklärt, dass irgendwas zwischen 30 und 60% der Flüchtlinge aus potentiellen Beitrittskandidaten der EU kommen? Unabhängig davon, wie man zu dem Thema steht, wie kann man glauben, dass das hilft?
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