Terror in der Hauptstadt Berlin, ein Weihnachten danach

Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag hat der Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche wieder eröffnet. Händler und Besucher bemühen sich um Normalität. Doch die Wut über das Versagen der Behörden bleibt.

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Weihnachtsbäume stehen rings um den Breitscheidplatz in Berlin, so wie im letzten Jahr und in vielen davor. Doch dieses Jahr haben sie eigenartige Untersetzer: Mit Holzvorrichtungen sind sie auf Betonsperren befestigt, auf Pollern, wie man sie auf amerikanischen Highways sieht. Der Zweck der Poller: die Besucher vor heranrasenden, zu Tötungswerkzeugen umfunktionierten Fahrzeugen schützen. Der Zweck der Bäume: die Poller kaschieren.

Wer den heute eröffneten Weihnachtsmarkt zwischen Bahnhof Zoo und Kurfürstendamm besucht, soll sicher sein, von den Sicherheitsvorkehrungen aber möglichst wenig mitbekommen. So sieht sie aus, Berlins Antwort auf die Frage: Wie gehen wir mit Terror um? So sieht er aus, der Kompromiss zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen "Wir machen weiter" und "Nicht noch einmal". Betonpoller, die Weihnachtsbäume stützen, die diese Poller verstecken.

Am 19. Dezember 2016 steuerte der Tunesier Anis Amri einen Sattelzug in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Er tötete insgesamt zwölf Menschen, verletzte etwa 70, einige von ihnen schwer. Nach Brüssel, Paris, Kopenhagen, wieder Paris, wieder Brüssel und Nizza hatte der islamistische Terror auch Berlin getroffen.

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Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche: Ein Jahr nach dem Terror

Daniela Schulze arbeitete damals in einem der Weihnachtsmarktstände. "Ich habe es zuerst für einen Verkehrsunfall gehalten", sagt sie. Die Leute seien hingerannt, um zu sehen, was los war. "Die Kollegen und ich haben dann die Hütte zugemacht." Erst als sie zu Hause war, habe sie den Nachrichten entnommen, dass der Vorfall kein Verkehrsunfall war, sondern ein Anschlag. Sie sei zusammengebrochen, habe geweint. "Ich habe die ganze Nacht gebraucht, um herunterzukommen", erinnert sie sich.

Wie schon damals, verkauft Daniela Schulze auch in diesem Jahr wieder Grünkohl mit Knackern, Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Champignons. Es regnet stark, eine Wasserschicht hat sich auf dem ebenen Straßenpflaster gebildet. Die Glocke der Gedächtniskirche in der Mitte des Platzes ist zu hören, gelegentlich übertönt sie George Michael und "Last Christmas". Polizisten in grellgelben Leibchen mit der Aufschrift "Kommunikationsteam" bewegen sich über den Platz.

Vor wenigen Tagen stellte die Berliner Polizei ihr Sicherheitskonzept für den diesjährigen Weihnachtsmarkt in Charlottenburg vor. Dieses bestehe aus sichtbaren Maßnahmen - mehr Polizisten, Infopunkten, besonders geschulten Beamten, die die Fragen von Bürgern beantworten sollen - ebenso wie aus verdeckten Maßnahmen.

Bei Daniela Schulze ist die Sorge nicht größer als sonst. Das ist aber nicht in erster Linie auf die Poller oder auf das Sicherheitskonzept der Polizei zurückzuführen, sondern auf eine ganz grundsätzliche, unumgängliche Einsicht: "Es kann überall etwas passieren, ob ich zu Hause aus der Tür laufe oder hier auf dem Markt stehe."

Im Video: Wie sicher fühlen sich Besucher auf einem Weihnachtsmarkt?

Es sei nicht viel los, sagt Schulze. Das liege aber am Wetter. Die Besucher, die gekommen sind, seien ausgelassen und entspannt.

Einer von denen, die trotz des Regens gekommen sind, ist Holger Gerberding. Der 52-Jährige ist Charlottenburger, singt an der fünf U-Bahn-Minuten entfernten Deutschen Oper. Seit Jahren ist er Stammgast auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, kennt viele Schausteller persönlich.

Als Anis Amri vor einem Jahr über den Markt raste, war Gerbering gerade die Treppe der nahegelegenen U-Bahn-Station heruntergelaufen. Er hörte einen lauten Knall. Viele liefen die Treppe zur U-Bahn herunter. Auch er schlief die ganze Nacht nicht, ging am nächsten Tag nicht zur Arbeit.

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Anschlag in Berlin: Chronologie eines Attentats

"Ich bin aus Solidarität dieses Jahr wieder hier", sagt er. Gerade die Schausteller hätten in den vergangenen gut elf Monaten viel durchgemacht. Als der örtliche Schaustellerverband mitteilte, dass alle Händler bis auf einen auch in diesem Jahr wieder dabei seien, habe er sich besonders gefreut. "Die Schausteller sind trotz ihrer Traumata hier", sagt Gerberding. "Da muss man sie unterstützen."

Unweit des Stands, an dem Holger Gerberding seinen Glühwein trinkt, auf den Stufen, die zur Gedächtniskirche führen, ist eine Art Schrein entstanden, der an die Getöteten erinnert. Zwei weiße Holzkreuze, Fotos, Kerzen, umrahmt von Weihnachtsbäumen. In der Mitte eine Tafel mit der roten Aufschrift: warum? Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) legt an diesem Abend eine weiße Rose zu Ehren der Opfer ab.

Am 19. Dezember, dem Jahrestag des Anschlags, wird der Weihnachtsmarkt geschlossen bleiben. An diesem Tag soll ein Mahnmal eingeweiht werden: Ein 14 Meter langer, drei Zentimeter breiter goldener Riss, soll an die Menschen erinnern, die Amri tötete. Ihre Namen sollen in die Stufen der Gedächtniskirche eingeschrieben werden.

AFP/ BKA

Auf das Mahnmal sei er zwar gespannt, sagt Holger Gerberding. Mit Blumenniederlegungen, Gedenkveranstaltungen und Politikerreden könne er aber nicht viel anfangen. Zu groß ist auch fast ein Jahr später die Wut über das Behördenversagen im Fall Amri.

Ausgerechnet am Tag der Eröffnung des Weihnachtsmarkts wurde bekannt, dass Ermittlern eine weitere Panne unterlaufen war: Sie werteten Amris Handy nur oberflächlich aus, übersahen Fotos, die ihn mit Schreckschusspistolen, Stichwaffen und Pfefferspray zeigten.

Der Frust sei groß, sagt Holger Gerberding, der Zusammenhalt aber auch. Spätestens seit der Blockade Berlins in den Jahren 1948/49 gebe es in der Stadt ein Wir-Gefühl in schwierigen Situationen. "Man rückt zusammen, sagt: Jetzt erst recht." Das sei in Berlin immer so gewesen.

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