Beisetzung in Jerusalem: Israel weint um die Anschlagsopfer von Toulouse

Von Gil Yaron, Jerusalem

In Israel werden die Opfer des Mordanschlags von Toulouse beigesetzt: Das Land nimmt Abschied von dem jüdischen Lehrer Jonathan Sandler, seinen beiden Söhnen und einem achtjährigen Mädchen. "Euer Schmerz ist unser Schmerz", sagte der französische Außenminister.

"Har Hamenuchot" - der "Berg der Ruhe" - ist wohl einer der traurigsten Orte Jerusalems. Nur wenige Bäume spenden Schatten zwischen den Tausenden Gräbern des Friedhofs der Heiligen Stadt, über den täglich die Beerdigungsprozessionen von der Leichenschauhalle aus ziehen. Gräber türmen sich hier auf mehreren Etagen übereinander, es ist zu wenig Platz für all die Toten.

Der Berg ist ein Symbol für die traurigsten Momente der israelischen Geschichte: Während der zweiten Intifada wurden hier mehr als 200 Opfer palästinensischer Selbstmordattentate begraben, ganze Familien wurden beigesetzt, die den Anschlägen zum Opfer gefallen waren.

Doch dieser Mittwoch gilt vielen als einer der tragischsten Momente in der Geschichte des Trauerhügels. Mehr als tausend Besucher waren gekommen, um den vier Opfern des Anschlags auf die jüdische Schule in Toulouse die letzte Ehre zu erweisen. "Ich arbeite hier seit 20 Jahren", sagte der Totengräber Michael Gutwein der israelischen Nachrichtenseite Ynet. "Wenn es um ermordete Kinder geht, kann ich nie aufhören zu weinen." Dieser Fall sei besonders schlimm: "Sie wurden doch nur umgebracht, weil sie jüdische Kinder sind."

Die Opfer des Attentats gelten als israelische Nationalhelden

Familien, Rabbiner, Polizisten hatten bei der Beisetzung Tränen in den Augen, selbst erfahrenen Politikern versagte bei ihren Grabesreden die Stimme. Die Leichen des Rabbiners Jonathan Sandler, seiner beiden kleinen Söhne und eines achtjähriges Mädchens waren in den Morgenstunden mit dem El Al Flug LY 326 aus Paris in Tel Aviv eingetroffen. Begleitet wurden sie vom französischen Außenminister Alain Juppé und einer Delegation von Vertretern der jüdischen Gemeinde Frankreichs.

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Beisetzung in Jerusalem: Israel trauert um Anschlagsopfer

Israels stellvertretender Außenminister Danny Ayalon empfing die Trauergäste. "Es ist unfassbar, drei so kleine Särge zu sehen", sagte der merklich erschütterte Ayalon im Radio.

Im Vorfeld wäre es fast zum Eklat gekommen: Anfangs weigerten sich die Behörden, die Kosten für die Überführung und Bestattung von Sandlers Leiche zu tragen. Im Gegensatz zu seinen Söhnen und seiner schwangeren Witwe ist er kein israelischer Staatsbürger. Nach heftigem Protest wurde diese Entscheidung innerhalb von Stunden gekippt. Die Opfer des Attentats in Frankreich gelten als israelische Nationalhelden.

Um 10 Uhr morgens wurden auf dem Berg der Ruhe in Jerusalem drei kleine, von Gebetsschals bedeckte Kinderleichen aufgebahrt, sie füllten die Totenbahren kaum zur Hälfte. Trauer ist das dominierende Gefühl in Israel, von Rache sprach man nur im theologischen Sinn. Der häufigste Abschlusssatz der Grabredner: "Möge Gott das Blut der Kinder rächen", gehört traditionell zum Begräbnis eines ermordeten jüdischen Kindes, egal welcher Religion der Täter angehört.

"In den Venen dieser Kinder floss das Blut unserer beiden Völker"

Doch das Attentat in Toulouse bestärkt die Auffassung vieler Israelis, dass die Feindschaft zu ihrem Staat nichts mit dessen Außenpolitik zu tun hat: "In jeder Generation gibt es Menschen, die nur ein einziges Ziel verfolgen: uns auszulöschen", sagte Oberrabbiner Schlomo Amar bei der Beerdigung.

Der Anschlag in Frankreich wird als Teil einer globalen Hetz-Kampagne wahrgenommen. "Wir stehen vor winzigen Gräbern", sagte Knessetsprecher Reuben Rivlin, und reihte den Anschlag von Toulouse in eine Kette prominenter Attentate der vergangenen Jahre, bei denen Juden ermordet wurden. "Wir stehen vor Feinden und Mördern, die das Blut unserer Kinder ohne Reue vergießen." Rivlin nannte unter anderem die Anschläge in Mumbai 2008, die Siedlung Itamar, in der Palästinenser 2011 eine Familie in ihren Betten töteten und Buenos Aires, wo 1994 ein Attentat auf ein jüdisches Gemeindezentrum 85 Tote forderte. "Und diesmal in Toulouse, Frankreich", sagte Rivlin. "Die Mörder unterscheiden nicht zwischen Siedler und Friedensaktivist", sagte er mit stockender Stimme. "Dieser Hass hat keine Begründung, es gibt keine Rechtfertigung für solche Verbrechen, sie sind das pure Böse."

Staatspräsident Schimon Peres verknüpfte das Attentat in Toulouse mit der aktuellen Bedrohung durch Iran. Es gelte, weiteres Blutvergießen durch Israels Feinde zu verhindern, und "Kinder zu schützen, egal ob jüdisch, christlich, oder muslimisch", sagte er bei einem Empfang für Frankreichs Außenminister Alain Juppé.

Juppé war eigens angereist, um die Anteilnahme der französischen Regierung zu übermitteln: "Ich bin hergekommen, um unsere Solidarität mit dem gesamten israelischen Volk zum Ausdruck zu bringen, das fühlt, dass seine Kinder ermordet wurden. In den Venen dieser Kinder floss das Blut unserer beiden Völker", sagte Juppé. "Euer Schmerz ist unser Schmerz."

Die heftigen Verurteilungen der Taten in Frankreich wurden in Israel mit großer Genugtuung aufgenommen: "Ihr Besuch ist Ausdruck der besonders tiefen Beziehungen zwischen unseren Staaten", sagte Peres. "Er zeigt, dass wir eine kulturelle Front bilden." Jetzt gelte es "gemeinsam den Terror zu bekämpfen, der für uns alle die größte Gefahr darstellt", so Peres.

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