Antisemitismus-Vergleich Papst-Prediger empört jüdische Gruppen

"Obszön und beleidigend" - jüdische Gruppen haben weltweit mit Bestürzung auf Aussagen des persönlichen Predigers von Papst Benedikt XVI. reagiert. Der hatte Kritik an der katholischen Kirche mit der Judenverfolgung verglichen. In Osterpredigten kämpfen die deutschen Bischöfe um ihre Glaubwürdigkeit.

Pater Cantalamessa: Heiliger Stuhl distanziert sich
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Pater Cantalamessa: Heiliger Stuhl distanziert sich


Rom/Hamburg - "Ich bin absolut verblüfft. Das ist Torheit", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Italien, Amos Luzzatto, am Samstag. Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni, der den Papst Anfang des Jahres in der Synagoge der Hauptstadt empfing, bezeichnete die Äußerungen als "geschmacklos". Pater Raniero Cantalamessa hatte bei einem Karfreitagsgottesdienst in Anwesenheit Benedikts gesagt, die Angriffe auf die katholische Kirche und ihr Oberhaupt im Zuge des Missbrauchsskandals seien vergleichbar mit der "kollektiven Gewalt" gegen die Juden. Der Heilige Stuhl distanzierte sich umgehend von dem Vergleich.

Di Segni betonte, die Äußerungen Cantalamessas wögen besonders schwer, weil sie an einem Tag gefallen seien, an dem Christen seit Jahrhunderten für die Bekehrung der Juden beteten, die gemeinschaftlich für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht würden. Rabbi Marvin Hier vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte, er könne absolut nicht nachvollziehen, wie der Pater auf den Vergleich komme.

Cantalamessa - aus einem Brief eines jüdischen Freundes zitierend - hatte gesagt, die Juden seien die gesamte Geschichte über Opfer kollektiver Gewalt geworden. "Die Verwendung von Stereotypen, die Umwälzung von persönlicher Verantwortung und Schuld auf eine Kollektivschuld erinnern mich an die schändlichsten Aspekte des Antisemitismus", sagte der Pater, der den Titel "Prediger des päpstlichen Hauses" trägt. Dies sollte nicht als offizielle Position des Vatikans interpretiert werden, sagte dessen Sprecher Federico Lombardi.

Die katholische Kirche ist in mehreren Staaten mit harschen Vorwürfen zu ihrem Umgang mit dem Missbrauch von Kindern konfrontiert. Auch der Papst wurde kritisiert. Benedikt wird am Samstag bei der Osterwache im Petersdom predigen und am Sonntag den Segen "Urbi et Orbi" spenden.

"Größter Vertrauensverlust seit der Hitler-Zeit"

Im Kampf für ihre Glaubwürdigkeit ringt die katholische Kirche in Deutschland zu Ostern um einen Neubeginn. Die deutschen Bischöfe sprachen in ihren Predigten von Reue, aber auch vom Blick nach vorn. Die deutsche Grünen-Politikerin Christa Nickels - selbst Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken - sprach im Deutschlandfunk vom "größten Vertrauensverlust der katholischen Kirche seit der Hitler-Zeit".

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannte den Skandal einen "bösen Schatten" über der katholischen Kirche. "Aber die Konsequenz darf nicht sein, dass wir sagen: Wir sind die Schuldigen und so ist es. Nein, wir müssen sehen, welches gute Potential wir haben, welche Kräfte wir haben und wie ein Neubeginn möglich ist", meinte Jaschke im Radiosender NDR Info.

Mehr Druck auf die Kirche forderte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast. Der geplante Runde Tisch der Bundesregierung sei keine Lösung. Nötig seien ein Opferfonds und eine unabhängige Untersuchungskommission, sagte sie der "Welt am Sonntag".

Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig erklärte im Sender NDR Info, Missbrauchsfälle seien kein rein katholisches Problem. "In Institutionen wie Schulen - auch Vereine, Sportvereine - aber vor allem in Familien ist die Dunkelziffer sehr hoch." Schwesig, die am Runden Tisch teilnehmen wird, empfahl ein Führungszeugnis für "Leute, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben".

In ihren Predigten zur Osternacht verlangten der Münchner Erzbischof Reinhard Marx und der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick von den Einzelnen mehr Verantwortung. Den Missbrauchsskandal ordneten sie laut vorab verbreiteten Mitteilungen als Folge von Werteverlust und Verantwortungslosigkeit ein. Marx nannte sie im Liebfrauendom als Wurzel der Krise in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche.

Der Bamberger Erzbischof Schick sieht die Krise auch in der Gesellschaft insgesamt: "Die gegenwärtige Krise der Kirche ist eine Krise unserer Gesellschaft, die in vielen Bereichen ihre Wertmaßstäbe, Ethik und Moral verloren hat."

Allein das Erzbistum Freiburg zählte nach eigenen Angaben vom Samstag bisher Beschuldigungen gegen 31 Menschen wegen sexueller Übergriffe. In 16 Fällen hätten die mutmaßlichen Opfer verschiedene Priester der Diözese belastet. Alle neu gemeldeten Vorfälle bezögen sich auf den Zeitraum zwischen 1950 und 1980.

itz/Reuters/dpa

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caspiat 04.04.2010
1. Wolf im Schafspelz
Gut so! Es wäre wirklich erschreckend, wenn die Kirche von gestern auf heute einstimmig andere Töne anspielen könnte! Aber zum Glück für ihre Gläubigen, kann sie das nicht, so dass zumindest einige die Chance haben, hinter dem seligen Lächeln die Reisszähne zu sehen. Was aber nun doch verwundert ist, dass eben diese Gläubigen, von denen die Mehrzahl weit mehr Moral als die Kirche selbst hat, nicht einmal die Versuchung haben, durch Fernbleiben ein Zeichen zu geben. Es ist Privatsache, ob man sich vormachen lassen will, dass es einen dreieinigen Gott gibt, dass man in der Hölle bestraft wird, und mit Gaben an die Kirche aus dem Fegfeuer schlüpfen kann. Es ist aber keine, Menschenrechte (Sexualität, Schutz der Kindheit) zu fördern. Wenn die Kirche merken würde, dass es ihrer Basis ernst ist, würde sie eher einlenken und einiges ändern. Mein Rat an eingefleischte "Fans": "Kündigt" massenweise und dreht den Geldhahn zu (Austritt). Ihr könnt ja später zurück. Das hier ist keine Prüfung und kein "Pogrom". Das ist schlicht Sauerei und Unverfrohrenheit, und je früher Benedikt & Co. merken (die Bischhöfe in Deutschland haben es eher geschnallt, aber in Italien blicken es noch nicht genug), dass sie nicht von oben herab Ihre Schafe weiter verarschen können (am besten, wenn das Geld knapp wird!), desto eher hören sie mit den Kaspereien (eigentlich Zynismus gegenüber den wirklichen Opfern) auf. Wenn ich es schön katholisch auslegen darf: Die Kirche hat hier eine riesige Chance! Erstmal sofort Busse tun, alle Akten offenlegen (gerade das ist wohl das Problem, gelle? Es soll nicht der untere Teil des Eisbergs blossgelegt werden, oder?), und dann ernsthaft und schön christlich eine Kampagne für Menschenrechte starten. Nicht für Homos. Das erwartet man von den Betonköpfen gar nicht. Aber geradeaus für den Schutz der Kinder. Macht die Türen auf, und schiebt Eure Politiker ernsthaft raus, um gesetzlich Kinder abzusichern, und Täter abzugrenzen (indem die Mitwisserschaft schwergemacht wird). Das wäre eine schöne christliche Tat, nicht das Rumjammern, Selbstbeweihräuchern und anderen die Schuld zuschieben. Benedikt: Sie haben die Chance, zu zeigen, dass Sie Eier haben! Sie können statt als verdruckster Lügenbeutel in die Geschichte als mutiger Mensch eingehen. Sehen sie es mal so: Besser, sie jagen die Geldwechsler aus dem Tempel, als dass sie rummauscheln, das wäre nicht ihre Aufgabe. Sie sind doch inzwischen Staatschef! Ziehen Sie für eine Weile mal die Hosen an!
jörg seifert 04.04.2010
2. Der Mann hat völlig recht.
Wenn man jahrzehntelang zurückliegende Mißbrauchsfälle instrumentalisiert, die Kirche als ganzes verächtlich zu machen, dann erinnert das sehr wohl an die antisemitischen Hetzkampagnen. Auch da wurde aus der Gier einiger jüdischer Bankiers ein "internationales Finanzjudentum" herbeifabuliert, und die Juden als ganzes Volk gezielt verächtlich gemacht. Es ist ganz offensichtlich dass es bei dieser Schmierenkampagne nicht um diejenigen geht, die solchen Mißbrauch getrieben haben. Es geht um die Kirche an sich - sie soll insgesamt in den Dreck gezogen und diskreditiert werden. Insbesondere soll der Papst auf Teufel komm raus damit in Verbindung gebracht und beschmutzt werden - auch wenn die Vorwürfe noch so absurd sind.
pirx64 04.04.2010
3. Es
wird von Tag zu Tag immer peinlicher. Die sexuelle Revolution ist schuld, jetzt ist es auch noch vergleichbar mit der Judenverfolgung. Was kommt noch?
arialds_blog 04.04.2010
4. So falsch ist der Vergleich nicht
Nur ein Prozent aller Missbrauchsfälle finden innerhalb der Kirche statt...der ganze Rest in Sportvereinen, Jugendclubs, Pfadfinderlagern, Familie etc Diese Hetze gegen die Kirche ist in der Tat empörend. Man sollte sich besinnen und Fairness walten lassen. Aber die ist von einer mehrheitlich linken Presse ja leider nicht zu erwarten.
Newspeak, 04.04.2010
5. ...
"Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannte den Skandal einen "bösen Schatten" über der katholischen Kirche. "Aber die Konsequenz darf nicht sein, dass wir sagen: Wir sind die Schuldigen und so ist es. Nein, wir müssen sehen, welches gute Potenrial wir haben, welche Kräfte wir haben und wie ein Neubeginn möglich ist", " Doch, die Konsequenz muß endlich mal darin bestehen sich zur eigenen Schuld zu bekennen. Vorher ist gar kein echter Neubeginn möglich. "Mehr Druck auf die Kirche forderte die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast. [...] Nötig seien ein Opferfonds und eine unabhängige Untersuchungskommission, sagte sie der "Welt am Sonntag". Nötig ist eine wirkliche Trennung von Kirche und Staat, nötig ist eine Anklageerhebung gegen die Täter UND die Mitwisser. "Den Missbrauchsskandal ordneten sie laut vorab verbreiteten Mitteilungen als Folge von Werteverlust und Verantwortungslosigkeit ein. Marx nannte sie im Liebfrauendom als Wurzel der Krise in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche. Der Bamberger Erzbischof Schick sieht die Krise auch in der Gesellschaft insgesamt: "Die gegenwärtige Krise der Kirche ist eine Krise unserer Gesellschaft, die in vielen Bereichen ihre Wertmaßstäbe, Ethik und Moral verloren hat." " Nein, die Krise betrifft gerade jetzt vor allem und allein die katholische Kirche. Es ist KEIN allgemeines gesellschaftliches Problem eines Werteverlusts. Im Gegenteil, die Gesellschaft besitzt offenbar noch Werte, die die katholische Kirche schon verloren hat. Jeder, der solche Predigten hält, tut genau das, was Ursache der scharfen Kritik an der Kirche ist: vertuschen und beschönigen. Es hilft auch nicht, immer für die Opfer zu beten, daß "Gott" ihnen helfe, bei der Bewältigung des erlittenen Unrechts (eine aktuell empfohlene Fürbitte), wenn man im selben Satz verschweigt, WER für dieses Unrecht verantwortlich ist. Wenn nicht endlich jemand aus der Kirche sagt, daß es in der Kirche pädophile Verbrecher gibt, dann nützt die beste Fürbitte nichts. Man sollte den ganzen Laden zerschlagen und in Deutschland verbieten.
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