Antisemitismusbeauftragter "Wir müssen Jüdinnen und Juden zeigen, dass wir sie nicht alleinlassen"

Felix Klein tritt im Mai als erster Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung an. Wie will er der steigenden Zahl von Übergriffen begegnen?

Felix Klein
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Erst die Aufregung um die Rapper Kollegah und Farid Bang, die in einer Songzeile Holocaustopfer verspotten. Dann wird in Berlin ein Israeli mit einem Gürtel angegriffen - wohl, weil er eine Kippa getragen hat. Zwei Fälle, die große Empörung ausgelöst haben. Die Jüdische Gemeinde in Deutschland ist besorgt, sie nimmt in letzter Zeit insgesamt mehr Judenfeindlichkeit wahr.

947 Vorfälle hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin im vergangenen Jahr erfasst. Darunter sind auch Fälle, die nicht strafrechtlich verfolgt wurden und deshalb nicht in der Kriminalstatistik auftauchen. Die listet für 2017 bundesweit 1453 antisemitische Straftaten auf.

Felix Klein soll sich des Themas annehmen. Er tritt am 2. Mai seinen neuen Job an, als erster Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung. Bisher war der 40-Jährige als Diplomat im Auswärtigen Amt für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen zuständig. Sie hatten ihn für den Posten vorgeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie, wenn Sie von Vorfällen wie nun in Prenzlauer Berg hören?

Klein: Solche Angriffe wie jetzt in Berlin hat es leider immer schon gegeben - zum Beispiel 2012 auf Rabbi Alter. Trotzdem ist ein Angriff dieser Härte schon extrem und muss ein Alarmsignal sein, dass es so nicht weitergehen kann. Das hat man damals auch gesagt und dann ist leider nicht viel passiert. Wobei - da muss ich mir ein Stück weit widersprechen - der Aufschrei ist jetzt schon größer. Und gerade bei den beiden Rappern sieht man ja auch, dass das Konsequenzen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen darauf an, dass die Plattenfirma BMG die Zusammenarbeit mit Kollegah und Farid Bang ausgesetzt hat. Bei all diesen großen Aufreger-Themen - mit welchem Gefühl sehen Sie Ihrer neuen Aufgabe entgegen?

Klein: Dass das Thema eine derartige Aktualität hat, wusste ich natürlich, aber mit diesen beiden Fällen bin ich jetzt voll drin und zweifle nicht einen Moment an der Sinnhaftigkeit meiner Position. Gleichzeitig finde ich gut, dass die Politik reagiert hat und gerade auch das öffentliche Interesse da ist. Das zeigt, dass sich etwas tut.

"Ich bin optimistisch"

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Es gibt Hoffnung im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland?

Klein: Ich bin optimistisch. Ja, es gibt diese Vorfälle, es sind auch mehr geworden, gerade unter der Strafbarkeitsgrenze. Aber wenn wir als Gesellschaft in der Lage sind, das Problem zu erkennen und als gesamtgesellschaftlich zu sehen und nicht nur als jüdisches Problem, dann lässt sich was machen. Es hat sich ja jetzt auch in Berlin gezeigt, dass Zivilcourage existiert und Menschen eingreifen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie dieses Bewusstsein schaffen?

Klein: Wir müssen Jüdinnen und Juden zeigen, dass wir sie nicht alleilassen mit diesem Problem, sondern dass wir uns alle darum kümmern. Ich möchte, dass es Stellen gibt, an die sich die Betroffenen in ihrem Umfeld wenden können. Das sollte in Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden passieren. Das ist für die Betroffenen wichtig, aber auch, um ein Verständnis der Lage zu bekommen. Denn jetzt gibt es nur die Kriminalstatistik. Wir brauchen aber noch genauere Kenntnis darüber, wo der Antisemitismus in unserem Land sitzt, wenn wir Strategien entwickeln wollen, wie wir ihn bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Es wird zurzeit viel über Antisemitismus unter Migranten aus muslimischen Ländern gesprochen, gerade auch wenn es um Mobbing an Schulen geht. Was muss passieren?

Klein: Es darf keinen Generalverdacht gegen Muslime geben. Aber natürlich müssen wir Formen der Erinnerungskultur finden, bei der wir auch Migranten ansprechen. Und da müssen jetzt kreative Ideen kommen. Wir haben neulich einen ägyptischen Arzt, Mohammed Helmy, im Auswärtigen Amt geehrt. Dieser Mann, der selbst unter Rassismus zu leiden hatte, hat in Berlin in der Nazizeit ein jüdisches Mädchen in seiner Gartenlaube versteckt und ihm dadurch das Leben gerettet. So eine Geschichte könnte man aufgreifen für den Schulunterricht.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es im Rahmen Ihrer Kompetenzen, auch durchzusetzen, dass so etwas seinen Weg in den Lehrplan findet?

Klein: Natürlich ist Bildung Ländersache, aber ich werde die Länder einladen und solche Dinge präsentieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da großen Widerstand gibt. Ich glaube schon, dass man die auch auf gute Ideen bringen kann. Vieles, was für die Antisemitismusbekämpfung wichtig ist, liegt ganz maßgeblich in den Kompetenzen der Länder: Bildung, Erziehung, Sicherheit. Ich würde mich freuen, wenn mehr Länder Antisemitismusbeauftragte einrichten würden. Dann geht das alles noch etwas schneller.

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