Aralsee Elender Staub

Text: Dimitri Ladischensky und Francesco Zizola

2. Teil: Lesen Sie im II. Teil: Der Tod ist nur eine Prüfung, die noch jeder gemeistert hat...


Fadenkreuz: Schulkinder, wie hier in Chodscheli, sind das Ziel der usbekischen Bildungsoffensive
Francesco Zizola

Fadenkreuz: Schulkinder, wie hier in Chodscheli, sind das Ziel der usbekischen Bildungsoffensive

Wenn der Frühling kommt, die Knospen sprießen und das Land sich in Grün kleidet, fühlen sich alle und ein jeder eins mit Mutter Natur. Dieses einzigartige Mysterium und die Schönheit der lichten Welt erwecken in jedem von uns die besten und edelsten Gefühle. Ich erkläre 2004 zum Jahr der Güte und Barmherzigkeit.

Fotos zeigen Karimow, wie er grinsend Goldbarren stemmt. Er besitzt Limousinen, luftige Residenzen. Sein Arbeitsweg, eine zehn Kilometer lange Strecke durch die Stadt, wird zwei Mal am Tag eine halbe Stunde gesperrt. Seiner Tochter gehört das Telekommunikationsunternehmen des Landes. Überhaupt sind die Pfründen der Taschkenter Nomenklatur gut gefüllt. Gold am Handgelenk, Pelze und Lacktäschchen, Gattinnen, die man bei der Ehre nimmt, kommt ihnen der Verkäufer nicht mit dem Teuersten.

Ich bin ein Sohn Karakalpakstans.

Olmas heißen viele Kinder in Muinak. Olmas, "der Unsterbliche". Oder Gayrat, "der Kräftige". Salamat, "der Gesunde". "Der Lebendige", "Der Unbeugsame". Was den Geschwistern zum Leben gefehlt hat, sehen die Eltern als ausgleichende Gerechtigkeit den Nachgeborenen in die Wiege gegeben. Namen kosten nichts; wo Antibiotika einen halben Monatslohn übersteigen, hält man es mit Karimows Heilkraft der Suggestion.

Die Bewegung der gesunden moralisch-geistigen Lebensführung sollte bei der Jugend keinen Stimmungswandel oder Zukunftsängste zulassen als Folge von vorübergehenden Schwierigkeiten.

So gesehen, ist auch der Tod nur eine Prüfung, die noch jeder gemeistert hat.

Die Sorge um Mutter und Kind ist die wichtigste Staatsaufgabe. Die Republik hat ein hoch entwickeltes System medizinischer und sozialer Dienstleistungen, durch das alle Zugang zu allgemein medizinischen und fachärztlichen Versorgungsmöglichkeiten haben. Über 1300 Krankenhäuser, mehr als 3000 Polikliniken sowie ein engmaschiges Netz von Arztstationen auf dem Land. Mehr als 76000 Ärzte aller Fachrichtungen leisten qualifizierte ärztliche Hilfe, auf einen Arzt kommen im Schnitt 298 Personen. Das ist eine bessere Quote als in vielen Entwicklungsländern.

Das Kinderkrankenhaus von Muinak. Eine miefige Baracke mit Wellblechdach. Tesafilm hält die Scheiben im Rahmen, das Linoleum auf dem Flur kaum bessere Flickschusterei. In den Zimmern 20 Kinder, Feldbetten mit fleckigen Matratzen, wenig Licht. Dafür fließend Wasser: Eimerweise wird das Reservoir von rollbaren Waschkommoden gefüllt. Keine Dusche, keine Toilette. Ob bei Fieber oder minus 20 Grad: Draußen ist das Plumpsklosett. Keine Mutter lässt hier ihr Kind allein, zumal der Einsatz der Krankenschwestern zu wünschen lässt, seit Mehl die Lohntüten füllt.

Nierenprobleme, Lungenentzündungen, Bronchitis, Asthma, Tuberkulose. Die Befunde gleichen sich. Ein Notstromaggregat hat das Krankenhaus nicht. Man operiert vorsorglich mit Akkubohrern. Putzfeudel im OP, blutige Einwegspritzen in Sammelboxen zur Wiederverwendung. Steril allein das Minzgrün der Wände. Einen Krankenwagen gibt es, aber keinen Diesel. Den müssen die Patienten selbst mitbringen, wenn sie in ein besseres Krankenhaus wollen.

Die Sorge um Mutter und Kind ist die wichtigste Staatsaufgabe. Bleibt sie weiterhin bloße Anteilnahme, werden bald tatsächlich nur noch 298 Menschen pro Arzt am Leben sein.

20000 Einwohner hatte Muinak, 8000 sind es heute. Nur die Toten auf dem Friedhof drängeln sich. So nah sind sich die Lebenden nicht. Es scheint, als sei mit dem Meer alles Gemeinsame aus der Stadt verschwunden. Mitte der Achtziger begannen die Nächte zu knistern, man sah im Widerschein der Sprühfeuer Schneidbrenner durch Schiffe gleiten. Und am Morgen darauf Bullaugen in lehmgebackenen Hütten, Stahltüren in Strohpalisaden. Bordwände für das bisschen Habe. Früher gab es mehr und trotzdem nichts zu verstecken. Heute klauen sie die Klinken.

Wodkarunden im Staub. Männer mit in die Stirn gezogenen, schwarzen Lederkappen. Man hatte ihnen Baumwolle statt Fisch versprochen. Plakate haben sie bekommen. Der Amu-Darja erreicht seit Mitte der achtziger Jahre die Mündung nicht mehr, weil er bereits von Hunderten Baumwollplantagen flussaufwärts aufgebraucht wird. Titanengleich waren die Sowjets: Nie wurde eine größere Wüste verbrochen. Das wenige, was die Menschen heute verdienen, verdanken sie dem Schreckbild ihrer Stadt. Wer fortzieht, schenkt sein Haus den Plünderern - einen anderen Interessenten findet er nicht. Schrotthändler verkaufen dann die Backsteine als Baumaterial für den letzten Ruhesitz. Mausoleen sind die einzig gefragte Immobilie.

Am Ende ist Staub. Aber ist er nicht auch aller Anfang? Was sagt die Zukunft unseres Landes? "Nichts will ich werden, hier gibt es keine Arbeit." Oder: "Schule? Wozu?" Lieber balancieren Kinder auf Wärmeleitungen und spielen Fußball, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach Schrott sind. Ihre Jacken und Hosen sind bunte Zufallskombinationen. Der Bürgermeister, so die Eltern, zerpflückt alle Kleiderspenden und behält die besten Sachen für sich.

Gelder erreichen den Aral gar nicht erst. An der Steilküste, über der Wüste, steht das eiserne Segel, in Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg. "Der Sieg der Väter ist das Erbe der Kinder." Am Triumph über die Natur haben noch die Enkel zu schaffen.

Schutzengel: Wie viele Spitäler in der Region bietet die Muinaker Kinderklinik kaum mehr als Beistand
Francesco Zizola

Schutzengel: Wie viele Spitäler in der Region bietet die Muinaker Kinderklinik kaum mehr als Beistand

Pestizide, Düngemittel, Herbizide, die Sowjets zwangen die Steppe ins Grün. Zur Ernte schickten sie Schulkinder auf die Felder, halb sechs in der Früh bis Einbruch der Dunkelheit, befahlen ihre Gesichter in Lumpen, wenn die Helikopter kamen, feiner, beißender Niesel - Agent Orange, das Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg. Nachts, in den Schlafbaracken, Keuchen und Würgen. Das ganze Land sollte das Gift bis heute nicht loswerden. Als Abwasser gelangte es in den Amu-Darja und Syr-Darja, von dort in den Aral. Im Meer noch gebunden, ist es nun, in der Wüste, frei. Jedes Jahr jagen 43 Millionen Tonnen giftiger Staub durch die Luft. Nordwind, sagen die Karakalpaken.

In Wurzelgemüse findet sich die zwölffache Menge DDT westeuropäischer Proben, in Muttermilch und Blut die fünffache Menge Dioxin, obwohl seit 1987 keine toxischen Mittel mehr gesprüht werden. Im Reis das hochgiftige 2,3,7,8-TCDD, auch das Wasser verseucht. Ein gesunder Körper heißt: gesunde Ansichten, gesunde Moral. Gesund, würde Karimow sagen, ist die usbekische Tischsitte, den Tee trinkbar zu taufen, indem die ersten drei Tassen einer Kanne zurück ins Gefäß gekippt werden: Anfangs ist darin noch "laj" - Dreck, nach der zweiten Tasse schon "maj" - Öl, schließlich "caj" - Tee.

Muinak, Kinderkrankenhaus. Im Vorzimmer hängt das Plakat einer stillenden Mutter, umhegt von einem Kranz aus Baumwolle. "Von gesunden Müttern werden gesunde Kinder geboren." Chefarzt Dr. Reimow, weißer Kittel, weiße Haube. Gold blitzt, wenn er grimassiert: "Die Chemikalien, die härten unsere karakalpakische Jugend doch nur ab. Oder haben Sie hier Kinder mit zwei Köpfen gesehen?" Über ihm das Porträt Karimows. Steinerne Miene, Strichlippen. "Der Staat tut, was er kann. Und das kostenlos." Aber er kann nicht alles. Das Volk muss schon mitmachen. Der Hinweis auf die Schautafel: 1) Gehen Sie zu Fuß zur Arbeit 2) Machen Sie viele Tätigkeiten an frischer Luft 3) Den Kopf gerade halten 4) Die Aktentasche nicht einseitig tragen 5) Planen Sie Ihren Tag "Und prompt sieht man auch keine Dinge mehr, die es nicht gibt."

Nukus, Hauptstadt Karakalpakstans. Breite Boulevards, aber nur wenige Ladas. Riesige Aufmarschplätze, auf denen ein Dutzend Polizisten paradiert. Hochhäuser, die nicht einmal zur Hälfte belegt sind. Die Stadt ist sich selbst zu groß geworden. Immerhin war man so taktvoll, den Vergnügungspark abzumontieren. Die Fischindustrie ist ohne Fisch, die Baumwolle am Tropf - solange das Rinnsal vom Amu-Darja noch kommt. Stützgelder fließen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 nicht mehr. Die Fronten der Wohnkästen sind mit überdimensionalen Wabengittern verkleidet - sowjetischer Stuck, um Beton zu hübschen. Nachts blinken Lichtgirlanden im Wind. Frauen mit blondiertem Haaraufbau und Leopardenröcken, Männer mit schwarzen Persianermützen, bei Dunkelheit nur an Lichtschlitzen im Scheinwerferkegel zu erkennen. Man könnte sie für wilde Tiere halten. Aus Angst vor Kratzern tankt der Bürgermeister seine S-Klasse hinter schäbigen Hinterhofpforten. Den Pomp und die Bühne überlässt er den "Reichtümern des Landes".

Aller Luxus des "Republikanischen Kinderkrankenhauses" ist eine funktionierende Heizung; die Beatmungsgeräte sind bis auf den handgetriebenen Blasebalg ausgefallen, die Badewanne ist zugleich Latrine. Dr. Ergalijew, Leiter der Orthopädie, ist ein direkter Mensch. "April und November sind die Monate, in denen häufig Nordwind ist. Wenn eine Frau in diesen Monaten schwanger wird, ist die Chance groß, dass das Kind krank oder geistig behindert zur Welt kommt." Eine Krankenschwester ergänzt: "Wir haben hier viele Babys mit Klumpfüßen, aber laut sagen darf man nur: Gesundheit beginnt von Kindesbeinen an."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.