Arbeiter in AKW Fukushima Übermüdet und überfordert

Sie bekommen Cracker und Instant-Nudeln zu essen, müssen auf dem verstrahlten Betonboden schlafen: Die Männer im AKW Fukushima kämpfen unter unzumutbaren Bedingungen gegen den GAU - und suchen nach einer Lösung für Hunderte Liter verstrahltes Wasser.

DPA/ NISA

Fukushima - Seit mehr als zwei Wochen versuchen Männer in weißen Schutzanzügen und mit Atemmasken die Situation in der Atom-Ruine in Fukushima unter Kontrolle zu bekommen. Die sogenannten Helden von Fukushima machen einen lebensgefährlichen Job, mehrere wurden verstrahlt. Doch auch jenseits der radioaktiven Bedrohung sind die Arbeitsbedingungen extrem hart.

Wie die japanische Reaktorsicherheitsbehörde am Dienstag berichtete, bekommen die Männer nur zwei Mahlzeiten am Tag und schlafen in Konferenzräumen und Gängen in einem der Kraftwerksgebäude. Um sich vor radioaktiver Strahlung zu schützen, wickelten sich die Arbeiter in bleihaltige Tücher, bevor sie sich zudeckten.

Derzeit arbeiten nach Angaben der japanischen Reaktorsicherheitsbehörde (NISA) etwa 400 Techniker im AKW Fukushima Daiichi. Unter ihnen seien auch Vertragsarbeiter anderer Firmen. Nach Informationen des japanischen Industrieministers Banri Kaieda hatte die Betreiberfirma Tepco zwischenzeitlich 500 bis 600 Arbeiter auf dem Gelände des beschädigten Kraftwerks untergebracht. Keine Situation, in der "ein Minimum an Schlaf und Essen sichergestellt werden konnte", sagte Kaieda laut der Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Die Situation solle sich nun verbessern.

Arbeitstag von 6 bis 17 Uhr

Die Atomaufsicht lieferte eine detaillierte Beschreibung des Arbeitsalltags im AKW Fukushima. Der Tag beginnt um 6 Uhr morgens. Die Experten vor Ort kämpfen derzeit mit zwei Problemen, die wie die Wahl zwischen Pest und Cholera anmuten: Einerseits müssen sie die Brennstäbe mit Wasser kühlen, andererseits soll radioaktiv verseuchtes Wasser aus den Reaktorgebäuden abgepumpt und sicher gelagert werden. Das Wasser stand zeitweise bis zu einen Meter hoch in den Turbinenhäusern der Meiler in Fukushima.

Die Arbeiter wissen aber nicht, wohin mit der für Menschen hochgiftigen Flüssigkeit in den Turbinenhäusern, es fehle an genügend Tanks, berichtet die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Tepco-Arbeiter pumpten weiter verstrahltes Wasser aus dem Reaktorblock 1 in einen Tankbehälter. Beim Wasser in den Turbinenhäusern der Blocks 2 und 3 sei dies aber wegen der Speicherfrage aktuell nicht möglich, schrieb Kyodo.

Gegen 17 Uhr - wenn es dunkel wird - kehrten die Arbeiter meist zu ihren Unterkünften auf dem Gelände zurück, berichtete Behördensprecher Yakota. Zum Abendessen gebe es wieder Notrationen: Instant-Reis und jeweils eine Dose mit Huhn oder Fisch. Die Arbeiter würden schweigend essen. Manche klagten, sie würden gern etwas Besseres zu essen bekommen.

Bis zum 22. März hätten die Arbeiter täglich nur eine Flasche mit 1,5 Litern Mineralwasser bekommen. Vom 23. März an seien dann mehr Hilfsgüter an der Atomanlage eingetroffen, so Yokota. Die Männer könnten seither eine Flasche mehr verlangen.

Um 20 Uhr gebe es immer ein Treffen, auf dem die Männer sich gegenseitig von ihrer Arbeit berichteten. Für das Ende des Treffens habe sich ein Ritual entwickelt: Da klatschen alle in die Hände und stimmen einen Sprechchor an: "Gambaro" ("Machen wir weiter!").

Industrieministers Kaieda berichtete, er habe gehört, es gebe nicht genug Bleidecken für alle Arbeiter, um sich vor gefährlicher Strahlung aus dem Boden zu schützen. Manche würden daher an die Wände gelehnt schlafen.

Die meisten Arbeiter leisten nach Angaben der Atomaufsicht eine Woche lang Schicht, bevor sie abgelöst werden. Handys könnten sie nicht benutzen, um ihre Angehörigen zu informieren. Die Telefone hätten in der Atomruine keinen Empfang. "Die Arbeiter geben ihr Bestes, während sie nicht mal Kontakt zu ihren Familien haben können", sagte der Behördenmann.

In drei Reaktoren sind Brennstäbe beschädigt

Die Lage an dem beschädigten AKW nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an. Japans Atomaufsicht verkündete nun erstmals offiziell, was Experten bereits seit Tagen befürchteten: In drei der sechs Reaktoren sind Brennstäbe beschädigt. Und es sei sehr wahrscheinlich, dass die Schutzhüllen nicht mehr völlig dicht hielten, teilte die Behörde mit. Betroffen seien die Blöcke 1, 2 und 3 - mit letzterem also auch jener Reaktor, in dem Plutonium Teil des verwendeten Brennstoffmixes ist.

Zuvor hatten Funde des extrem giftigen und krebserregenden Schwermetalls im Bereich der Kraftwerksruine Ängste über das wahre Ausmaß der bereits jetzt schlimmsten Atomkatastrophe seit Tschernobyl vor einem Vierteljahrhundert geschürt. Regierungssprecher Yukio Edano sagte, das Plutonium stamme wahrscheinlich aus Brennstäben. "Die Situation ist sehr ernst", so Edano vor Journalisten. "Wir tun unser Möglichstes, um den Schaden zu begrenzen." Die Betreiberfirma versicherte, die Dosierung sei ohne Gefahr für die Gesundheit.

In Japan wachsen die Zweifel, dass es den Experten gelingt, die Atomkatastrophe unter Kontrolle zu bringen. Der Unmut richtet sich vor allem auch gegen den Kraftwerksbetreiber Tepco. Dazu passte ein Bericht der Tageszeitung "Yomiuri", in dem es hieß, das japanische Kabinett erwäge eine vorübergehende Verstaatlichung von Tepco. Dies wurde aber später von Regierungssprecher Yukio Edano und Tepco-Vertretern dementiert. Der Kurs der Tepco-Aktie gab an der Börse in Tokio um fast 20 Prozent nach.

Erstmals räumte Regierungssprecher Edano ein, dass die japanischen Sicherheitsstandards nicht ausreichten, um die Anlage vor der Gewalt des Tsunamis zu schützen. Wenn die aktuelle Krise vorüber sei, müssten die Sicherheitsstandards gründlich geprüft werden.

Sarkozy reist nach Japan

Der japanische Ministerpräsident Naoto Kan sprach mit Blick auf das Reaktorunglück und die Schäden durch das Erdbeben und den Tsunami im Osten des Landes von der "schwersten Krise Japans" seit dem Zweiten Weltkrieg. Der staatliche Sender NHK berichtete unter Berufung auf Polizeiangaben, die Zahl der Toten sei auf mehr als 11.100 gestiegen. Mehr als 16.400 Menschen werden demnach noch vermisst.

Wie es weitergehe, sei noch unklar, aber Japan sei "in höchster Alarmbereitschaft", sagte Kan am Dienstag vor dem Parlament. Die Opposition kritisierte Kans Krisenmanagement - und die 20-Kilometer-Evakuierungszone. Diese bleibt jedoch zunächst bestehen. Auch die Sicherheitszone in einer Entfernung zwischen 20 bis 30 Kilometern wurde nicht ausgeweitet.

Erneut bedroht die Strahlung aus Fukushima die Hauptstadt Tokio: Vorerst trägt Wind aus Südwesten die radioaktiven Partikel weiter auf den Pazifik hinaus - am Mittwochabend allerdings ändert er seine Richtung und weht in Richtung der Millionenmetropole Tokio, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) vorhersagt. Boen bis Stärke sechs trieben die Radioaktivität dann auf den Großraum mit seinen rund 35 Millionen Menschen zu.

Als erster ausländischer Staatsgast seit dem Atomunglück wird am Donnerstag der französische Präsident Nicolas Sarkozy in Japan erwartet. Als Vorsitzender der Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) nimmt Sarkozy an einem Seminar zu Währungsfragen in China teil und macht von dort aus einen Abstecher nach Tokio. Frankreich schickt auch Atomexperten nach Japan, die dem Betreiber des Unglückskraftwerks helfen sollen, die Radioaktivität im Wasser rund um das AKW Fukushima in den Griff zu bekommen. Tepco hatte in Frankreich, dem Land mit den weltweit zweitmeisten Atomreaktoren, um Hilfe nachgefragt.

siu/dpa/dapd

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insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
nigcon 29.03.2011
1. Titellos
Irgendwie wird das immer skuriller... Glaubt ernsthaft jemand die Japaner bekommen die Lage nochmal in den Griff, wenn Sie es in all der Zeit nicht mal schaffen ein paar Flaschen Wasser herbeizukarren - von einer vernüftigen Einsatzbasis mal ganz abgesehen.
donniedarkow 29.03.2011
2. ....
Zitat von sysopSie bekommen Cracker und Instant-Nudeln zu essen und müssen auf dem verstrahlten Betonboden schlafen: Die Männer im AKW Fukushima kämpfen unter unzumutbaren Bedingungen gegen den GAU - und suchen nach einer Lösung für Hunderte Liter verstrahltes Wasser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753876,00.html
Wenn ich das lese könnt ich ehrlich kotzen! Diese Männer riskieren ihre Gesundheit und werden so behandelt. Ich bin immer mehr der Meinung das man die Manager auch da hin karren sollte - einen Wasserschlauch halten sollten sogar die Nieten hin bekommen...... Traurig. :(
www.yzx.de, 29.03.2011
3. Notstandswirtschaft
Zitat von sysopSie bekommen Cracker und Instant-Nudeln zu essen und müssen auf dem verstrahlten Betonboden schlafen: Die Männer im AKW Fukushima kämpfen unter unzumutbaren Bedingungen gegen den GAU - und suchen nach einer Lösung für Hunderte Liter verstrahltes Wasser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753876,00.html
Notrationen, Betonboden etc. - Das klingt alles mehr nach Russland vor 1990 als nach Japan 2011. Nur dass die Russen seinerzeit nicht annähernd die technischen und finanziellen Möglichkeiten der Japaner hatten. Für mich ist es jdf. unbegreiflich, dass ein Milliardenkonzern im drittgrößten Industrieland der Erde nicht einmal dazu in der Lage ist, Mitarbeiter, die sich täglich einer derartigen Gefahr aussetzen, zumindest zum essen und schlafen z.B. mit Helikoptern an einen außerhalb der Gefahrenzone liegenden Ort zu bringen, und sie dort angemessen zu versorgen. Außerdem arbeiten ausgeschlafene und gesättigte Mitarbeiter regelmäßig viel besser als ausgebeutete Arbeitssklaven. Und vor allem machen sie weniger Fehler. Aber das wäre ja vermutlich unwirtschaftlich. Wobei ich glaube, dass das bei uns bestenfalls kein Stück anders, ggf. aber noch sehr viel schlimmer aussehen würde. ...
rosarinimara 29.03.2011
4. .
Vielleicht rechnen die nicht damit, dass die Leute noch ne Zukunft haben? Anders kann man sichs ja kaum erklären wie mit denen umgegangen wird:/
alwbd 29.03.2011
5. Die Masseinheiten...
Zitat von sysopSie bekommen Cracker und Instant-Nudeln zu essen und müssen auf dem verstrahlten Betonboden schlafen: Die Männer im AKW Fukushima kämpfen unter unzumutbaren Bedingungen gegen den GAU - und suchen nach einer Lösung für Hunderte Liter verstrahltes Wasser. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753876,00.html
ich denke mal es soll nicht "Hunderte Liter" sondern eher "Hunderte Kubikmeter" heissen. Wenn das Beschriebene tatasächlich zutrifft, dann sind die Japaner nicht gerade die Erfinder der Logistik.
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