Reaktionen in Argentinien: "Wir haben Messi - und jetzt den Papst"

Von und

Jorge Mario wer? So ähnlich fiel die Reaktion der meisten Zuschauer auf dem Petersplatz aus, als der Name des neuen Papstes genannt wurde. Selbst in Argentinien zeigten sich die meisten völlig überrascht von der Wahl - trotzdem rollten schnell die unvermeidlichen Autokorsos.

Rom/Buenos Aires - Kaum jemand hatte Jorge Mario Bergoglio, den 76-jährigen Kardinal von Buenos Aires, vor dem Konklave auf dem Zettel gehabt - auch nicht seine argentinischen Landsleute, von denen die meisten wohl eher auf den Brasilianer Odilo Scherer als Nachfolger Benedikts XVI. getippt hatten.

"Es ist unglaublich", stammelte etwa die 60-jährige Martha Ruiz aus Buenos Aires, nachdem sie gehört hatte, wer der neue Pontifex wird. Die Szenen in Argentiniens Hauptstadt glichen nach der Papstwahl jenen nach einer gewonnenen Fußball-Weltmeisterschaft: Fernsehmoderatoren schrien ihre Freude live im TV-Programm heraus und auch die notorischen Autokorsos rollten bald wild hupend durch die Hauptstadt.

Ähnlich wie in Deutschland bei der Wahl Benedikts ("Wir sind Papst") nahmen auch die Argentinier die Nachricht von der Wahl ihres Landsmanns mit einem gewissen patriotischen Stolz. Trending Topic bei Twitter war schon bald "LosArgentinosDominanElMundo" - die Argentinier regieren die Welt. "Wir haben Messi, und jetzt haben wir auch noch den Papst", jubelte Gabriela Pisquariello, eine Cafébetreiberin aus Buenos Aires, in Anspielung auf den besten Fußballer auf dem Planeten.

Fotostrecke

10  Bilder
Argentinien: Jubel über einen Landsmann als Papst
Aber auch besinnlichere Reaktionen gab es. In der Catedral Metropolitana von Buenos Aires hatten sich vor der Verkündigung nur ein paar Dutzend Menschen versammelt, um das Spektakel in Rom von dort aus zu verfolgen. Nachdem der Name Jorge Mario Bergoglios gefallen war, strömten Katholiken aus allen Stadtvierteln zu dem Gotteshaus, eine Menschenmenge sammelte sich auf dem Vorplatz. "Er wird ein Papst der Straße sein", sagte Ana Maria Perez in Anspielung auf Bergoglios Gewohnheit, in Buenos Aires die U-Bahn zu benutzen wie ein ganz normaler Bürger.

"Er ist sehr unkompliziert und fühlt mit den Bedürftigsten", sagte auch der Weihbischof von Buenos Aires, Eduardo García, über den neuen Papst. Und der 37-jährige Gläubige Gastón Hall fügte hinzu: "Ich bin überrascht! Ich hätte nicht gedacht, dass sie Bergoglio wählen würden - es ist der erste Papst aus Lateinamerika, und das wird für diese Region sehr gut sein."

Auch Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner meldete sich zügig zu Wort - per Twitter, nachdem sie dort noch während der Bekanntgabe des Wahlergebnisses über schnöde Tagespolitik geschrieben hatte. "An seine Heiligkeit Francisco", twitterte sie nun und schickte ein Bild von ihrem Glückwunschschreiben an den neuen Papst. "Wir wünschen, dass Sie als Kirchenführer eine fruchtbare Aufgabe erfüllen werden", heißt es darin - "in so großen Verantwortungen im Streben um Gerechtigkeit, Gleichheit, Brüderlichkeit und den Frieden der Menschheit".

Fotostrecke

18  Bilder
Papst Franziskus: Der stille Jesuit aus Buenos Aires
Doch nicht von allen seinen Landsleuten dürfte die Wahl Bergoglios positiv aufgenommen werden. Manche werfen ihm eine zu große Nähe zur Militärdiktatur Argentiniens in den siebziger Jahren vor. So wurde er beschuldigt, zwei Jesuiten nicht vor der Verfolgung durch die Junta geschützt zu haben. Er erklärte stets, er habe wenige Tage vor dem Staatsstreich 1976 die beiden Geistlichen gewarnt und ihnen angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die beiden Priester sollen nach Bergoglios Aussagen dieses Angebot abgelehnt haben. Zwei Monate später wurden die beiden von Militärs entführt und fünf Monate lang in der berüchtigten Marineschule ESMA in Haft gehalten. Danach erhoben sie schwere Vorwürfe gegen Bergoglio.

Nichts geht ohne Hugo Chávez

Gabriela Michetti, Politikerin und enge Vertraute des neuen Papstes, erhielt die Nachricht von der Wahl Bergoglios in ihrem Arbeitszimmer - und brach sofort in Tränen aus. "Ich kann es nicht glauben, ich kann es einfach nicht glauben", zitiert sie die Zeitung "Clarín". "Ich kann noch nicht darüber sprechen", sagte Michetti. Sie wolle den Moment nun in Ruhe genießen.

Aber Franziskus ist nicht nur der erste Argentinier, sondern auch der erste Lateinamerikaner auf dem Heiligen Stuhl - entsprechend überschwänglich fielen die Reaktionen in der gesamten Weltregion aus. "Mein ehrerbietiger Gruß geht an seine Heiligkeit Francisco. Lateinamerika ist im Freudentaumel", twitterte etwa der Präsident Guatemalas, Otto Pérez Molina. Und Ecuadors Präsident Rafael Correa schrieb: "Wir haben einen lateinamerikanischen Papst! Wir erleben einen historischen Moment! Hoch lebe Francisco."

Nicolás Maduro, Staatsoberhaupt in Venezuela, ist sich sicher, dass der verstorbene Hugo Chávez bei der Wahl des neuen Papstes seine Finger im Spiel hatte. "Wir wissen, dass unser verstorbener Kommandant bis in diese Höhen aufgestiegen ist (zum Himmel), direkt gegenüber von Jesus."

Wenn es etwas zu feiern gibt, muss in einem Land wie Argentinien natürlich aber auch der Fußball eine Rolle spielen. In der Tat gilt Franziskus als großer Fußballfan, er ist Ehrenmitglied des zehnmaligen Meisters San Lorenzo. Nach seiner Wahl zum Papst waren auch bereits die ersten Fußballwitze im Umlauf: Die Sportzeitung "Olé" etwa spielte in ihrer Online-Ausgabe auf das legendäre Handspiel Diego Maradonas im WM-Halbfinale 1986 an. Über ein Foto, auf dem Franziskus vom Balkon des Petersdoms winkt, schrieb sie: "La Mano de Dios" - die Hand Gottes.

Mit Material der Agenturen

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
chelavier 13.03.2013
Ich freue mich für Argentinien.
2. Endlich!
dr.blotiu 13.03.2013
ENDLICH!!! Jetzt hat die Menscheit ein Problem weniger! Ihr Gehirngewaschene vor den Toren des Vatikans, geht wieder in Eueres Heimat. Das wichtigste Problem habt ihr gelöst! Ok, in der Zeit sind schon einige Menschen verhungert, einige Kinder sind gestorben und vielleicht einige mit HIV angesteckt( eurer Papst lehnt die Condome ab), aber so what, wir haben einen obersten Beschützer der Kinderschänder , ihr könnt weiter Kirchensteuer bezahlen und sonntags heuchlerisch in der Kirche so tun, als ob die Welt in Ordnung wäre.
3. Franziskus
beckmesser28 14.03.2013
nur, um das mal eben klarzustellen: Der neue Papst heisst Franziskus, nicht Franziskus 1, der Appendix "der Erste" wird erst angehängt, wenn sich ein weiterer Papst findet, der sich auch Franziskus nennt. Der erste Weltkrieg heisst auch erst so, seit es den zweiten gab.
4. Ich verstehe diesen falschen Nationalstolz nicht..
divStar 14.03.2013
.. was bedeutet es schon wenn ein Landsmann etwas hat? Nicht, dass ich es nicht jemandem gönne - bitte. Aber Aussagen wie "wir haben Messi und jetzt den Papst" scheinen mir nicht besonders durchdacht, denn den meisten Argentiniern wird es nach der Wahl wie vor der Wahl gehen - ebenso dasselbe, ob nun Messi mit FCBaraca was gewinnt oder nicht. Ich halte es eigentlich sogar für falsch "wir haben..." zu sagen, denn besonders die Menschen, die das sagen, haben meist nichts dazu beigetragen, dass dieser Mensch entsteht/aufwächst. Vielleicht betrachte ich das ganze auch einfach zu nüchtern.
5.
vielgestaltigist 14.03.2013
Zitat von sysopJorge Mario wer? So ähnlich fiel die Reaktion der meisten Zuschauer auf dem Petersplatz aus, als der Name des neuen Papstes genannt wurde. Selbst in Argentinien zeigten sich die meisten völlig überrascht von der Wahl - trotzdem rollten schnell die unvermeidlichen Autokorsos. Argentinien zur Wahl von Franziskus I.: "Wir haben Messi und den Papst" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/reaktionen-aus-argentinien-auf-wahl-von-franziskus-i-a-888745.html)
Ist ja schön, daß die Argentinier einen von Barca gestreckten Kleinwüchsigen haben, der laufen und einen Ball geradeaus treten kann. Zum Glück gibt es auch interessantere Dinge in der Welt. Hoffen wir, daß der neue Papst nicht eine so lächerliche Figur abgibt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Päpste
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
Ende des Konklaves

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Twitter zum neuen Papst Franziskus