Armutszuwanderer: Überleben im Paradies

Von Özlem Gezer

Beraterin Eva Ruth Wemme mit Roma-Frauen: Überforderte Neu-Berliner Zur Großansicht
Djamila Grossman

Beraterin Eva Ruth Wemme mit Roma-Frauen: Überforderte Neu-Berliner

Seit Rumänien und Bulgarien Teil der EU sind, kommen immer mehr Armutszuwanderer nach Deutschland. Mittellos und überfordert vom Leben im Westen sind sie skrupellosen Geschäftemachern ausgeliefert - wenn ihnen nicht Helfer wie Anwalt Tilman Clauß beistehen.

Ihre Wohnung ist ein heruntergekommenes Ladenlokal. Es gibt keine Dusche, keine Heizung, aus den Leitungen kein warmes Wasser. Seit Monaten lässt sich das Fenster nicht mehr öffnen. Hier lebt Elvis* mit seiner Frau und seinen drei Kindern, mit Mäusen und Kakerlaken. Er zahlt 800 Euro im Monat, kalt. "Solche Verhältnisse erwartet man im Slum in der Dritten Welt, aber nicht in Deutschland", erinnert sich Rechtsanwalt Tilman Clauß an seinen ersten Besuch. Ein Elendsquartier, mitten in der Bundeshauptstadt. Altbau, Stuttgarter Straße, Berlin-Neukölln.

Clauß, 41, ist Anwalt mit Schwerpunkt "Armenrecht", wie er es selber nennt. Alle zwei Wochen sitzt er als Berater im Nachbarschaftsheim Neukölln. Seit gut 60 Jahren kommen die Leute im Kiez in dieses Stadtteilzentrum - und seit kurzem begegnen sie immer häufiger den Neu-Neuköllnern. Familien wie der von Elvis, Roma aus Rumänien. Für Zuwanderer aus Südosteuropa gibt es kein politisches Konzept. Deshalb sind es oft Einrichtungen wie das Nachbarschaftsheim, bei denen sie Hilfe suchen. Es sind Hoffnungsorte für die Ankunft in der neuen Welt.

Seit dem EU-Beitritt 2007 hat sich die Zahl der Rumänen und Bulgaren in Deutschland verdreifacht, auf insgesamt 325.000. Die Ärmsten unter den Zuwanderern sind meist Roma. Auf die Reise machen sie sich, um das Versprechen auf Wohlstand einzulösen, das mit dem EU-Beitritt in ihre Länder kam. In Berlin, Hamburg oder Duisburg schuften die meisten schließlich für drei Euro Stundenlohn auf Baustellen, zahlen 200 Euro im Monat für eine Matratze im Kellerverschlag.

"Zu viel Westen auf einen Schlag"

Gleichzeitig versuchen sie, ihre neue Welt zu verstehen. Tilman Clauß und Eva Ruth Wemme sollen ihnen dabei helfen. Wemme, 36, ist Literaturübersetzerin, spricht fließend rumänisch. In ihrem Kiez betreibt sie eine Art mobiles Einsatzkommando: Nachts fährt Wemme mit hochschwangeren Roma-Frauen zur Geburtsstation, tagsüber geht sie mit obdachlosen Familien zum Wohnungsamt oder füllt Kindergeldanträge aus. Den überforderten Neu-Berlinern muss sie den Unterschied zwischen Hackfleisch und Rindfleisch erklären. Den Zuwanderern wird schlecht, wenn die S-Bahn zu lange um die Kurve fährt. Sie schauen weg, wenn sie David Beckham mit Tattoos im Slip auf einer H&M-Werbung sehen. Und sie haben Angst vor deutschen Erzieherinnen, die Rastas tragen und Piercings. "Das ist zu viel Westen auf einen Schlag", sagt Wemme.

Woche für Woche sitzen Clauß und Wemme Menschen gegenüber, die an Überweisungsaufträgen scheitern, weil sie nie zuvor in ihrem Leben ein Konto hatten. Die die Werbung von Telefonanbietern für Ausweisungspapiere deutscher Behörden halten. An diesem Donnerstag sind es Männer wie Marian*, 38, der seine Frau und seine acht Kinder bei der Berliner City BKK versicherte, als er in Deutschland ankam. Er wusste nicht, dass die Versicherung da längst pleite war. Irgendwann kam die Krankenhausrechnung für die Geburt seiner Zwillinge. Marian spricht kein Deutsch. Clauß setzt ein Schreiben an die Versicherung auf, Marian setzt seine Unterschrift drunter. "Advokat", so nennen die Roma Tilman Clauß. Geduldig warten sie dicht gedrängt vor der Tür, mit Plastiktüten, gefüllt mit Briefen, die sie nicht verstehen, von den "Gadjes", den Fremden, den Deutschen.

Aber auch die Profiteure der Armutszuwanderung verirren sich in die Beratungsstunde. Sie wirken selbstsicher, sprechen fließend Deutsch. Heute ist es eine Frau. Sie trägt hohe Schuhe und glitzernde Ohrringe, es ist die Chefin einer Neuköllner Putzfirma. Sie sei hier, weil sie keinen Ärger mit dem Staat wolle. Sie habe fast nur rumänische Mitarbeiter, sie habe ein Herz für diese Menschen. Menschen, die sie 30 Stunden die Woche putzen lässt, für 500 Euro im Monat. Keine Sozialabgaben, keine feste Anstellung.

2000 Euro für einen Behördengang

Auch auf dem Wohnungsmarkt werden viele Zuwanderer aus Südosteuropa skrupellos ausgebeutet. Bundesweit ist es mittlerweile üblich, dass Hartz-IV-Empfänger ihre Wohnungen an Armutszuwanderer untervermieten, eingepfercht, für bis zu 500 Euro pro Kopf. Für einen Behördengang, etwa um einen Kindergeldantrag auszufüllen, verlangen geschäftstüchtige Helfer bis zu 2000 Euro. Und als Vermittlungsgebühr für eine heruntergekommene Wohnung werden schon mal 4000 Euro fällig - zuzüglich Miete und Kaution.

Die Wohnhäuser, die in Neukölln auch Roma-Pensionen genannt werden, gehören Leuten wie Thilo Peter, Steuerberater und ehemaliger Bürgerdeputierter für die CDU in Charlottenburg. Für seine Mieter ist Peter ein Phantom, sie sind ihm noch nie begegnet. Durch seine Häuser streift ein Mann namens Yalcin, der die Mieten an der Haustür kassiert.

Anwalt Clauß sagt, es sei wie bei Brecht, in der "Dreigroschenoper": "Man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Während die wahren Profiteure verborgen bleiben, sind oft nur ihre Helfer sichtbar. Kleinkriminelle. Der Geldeintreiber von Thilo Peter zum Beispiel heißt bei Clauß' Mandanten nur "Patron". Die Roma haben Angst vor ihm, sie schließen ihre Türen nicht, damit er jederzeit eintreten kann. "Sie sind in einem Abhängigkeitsverhältnis", sagt Clauß.

Und so wollen die Mieter zwar, dass ihr Advokat den Patron ein wenig einschüchtert, wegen der fehlenden Heizung, dem kalten Wasser und der Kakerlaken. Aber er soll nicht übertreiben. Besser wäre, man einigt sich ohne Richter. "Manchmal rede ich gegen Wände", sagt Anwalt Clauß.

So wie bei Elvis: Die Klage auf Einbau einer Heizung in seiner Wohnung hatte Erfolg, er hätte weiter klagen können, gegen die Mäuse, für eine Dusche. Der Patron reagierte schneller, machte Druck, versprach seinem Mieter eine neue Wohnung. Elvis klagte nicht weiter. Er war zufrieden. Er wollte keinen Ärger mit dem Patron.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 306 Beiträge
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1. Rumänen und Bulgaren...
sorbas2013 12.03.2013
Für "normale" Rumänen und Bulgaren ist es sehr niederschmetternd, dass beide Länder für die sogenannte Armutszuwanderung herhalten müssen und dadurch einen negativen Stempel aufgedrückt bekommen. Normale Rumänen u. Bulgaren sind hochqualifiziert und wandern aus (zumeist nicht nach Deutschland), um im Ausland durch ARBEIT Geld zu verdienen. Die Armutszuwanderer sind zu 99,9% Zigeuner (ja Zigeuner, denn in Ro und Bg bezeichnen diese sich selbst als Cigani, Roma&Sinti ist eine typisch deutsche Gutmenschbezeichnung, um ja nicht als rechts eingestuft zu werden). Durch diese Zigeuner mit rumänischen u. bulgarischen Pässen Leiden beide Länder zu Unrecht unter einem Negativimage.
2. Ich frage mich,........
willhy 12.03.2013
Zitat von sysopSeit Rumänien und Bulgarien Teil der EU sind, kommen immer mehr Armutszuwanderer nach Deutschland. Mittellos und überfordert vom Leben im Westen sind sie skrupellosen Geschäftemachern ausgeliefert - wenn ihnen nicht professionelle Kümmerer wie Anwalt Tilman Clauß beistehen. Armutszuwanderer: Ehrenamtler helfen Einwanderern aus Südosteuropa - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/armutszuwanderer-ehrenamtler-helfen-einwanderern-aus-suedosteuropa-a-887541.html)
....woher haben diese Armutszuwanderer bis zu 2000 Euro für geschäftstüchtige Helfer und 4000 Euro zuzüglich Miete und Kaution als Vermittlungsgebühr für eine heruntergekommene Wohnung? Wer bezahlt den Anwalt Tilman Clauß?...........
3. Nicht schlecht...
newliberal 12.03.2013
"Bundesweit ist es mittlerweile üblich, dass Hartz-IV-Empfänger ihre Wohnungen an Armutszuwanderer untervermieten, eingepfercht, für bis zu 500 Euro pro Kopf." Nicht schlecht, mit der Kohle plus der Kohle vom Amt kann man sich schon ein schönes Leben machen - z.B. an der türkischen Riviera überwintern.
4. So retten wir die Errungenschaften des rumänischen Sozialismus
walter_de_chepe 12.03.2013
Lächerlich, was sich die Deutschen hier wieder bieten lassen. So werden auch die Erfolge mit der Integration arbeitender Ausländer wieder gefährdet. Und ohne Grund. Wir müssen niemanden hier versorgen, der nur vom deutschen Kindergeld angelockt wird. Das steht auch nicht im Schengen-Vertrag. Ein Unrechtsstaat ist auch ein Staat, der Gesetze nicht anwendet.
5. Da..
bob27.3. 12.03.2013
Zitat von sysopSeit Rumänien und Bulgarien Teil der EU sind, kommen immer mehr Armutszuwanderer nach Deutschland. Mittellos und überfordert vom Leben im Westen sind sie skrupellosen Geschäftemachern ausgeliefert - wenn ihnen nicht professionelle Kümmerer wie Anwalt Tilman Clauß beistehen. Armutszuwanderer: Ehrenamtler helfen Einwanderern aus Südosteuropa - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/armutszuwanderer-ehrenamtler-helfen-einwanderern-aus-suedosteuropa-a-887541.html)
..können einem ja die Tränen kommen,vor lauter Mitleid!
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