Vogelsterben in Indien Wenn's der Geier nicht holt

Geier erledigen in Indien einen wichtigen Job: Sie fressen Kadaver der als heilig geltenden Kühe. Nun sind die Vögel vom Aussterben bedroht. Das könnte für die Regierung teuer werden.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

AP

"Gyps Bengalensis" steht an dem Käfig, in dem im Zoo von Neu-Delhi ein Geierpärchen hockt. Die beiden Vögel sehen etwas zerrupft, fast traurig aus: Ob sie ahnen, dass sie unter den letzten Vertretern ihrer Art sind?

Noch vor dreißig Jahren bevölkerten bis zu 80 Millionen Geier den Himmel über Indien. Und die Menschen schätzten die Aasfresser: In Indien werden etwa 500 Millionen Kühe gehalten, doch der Verzehr von Rindfleisch ist mit einem religiösen Tabu belegt.

Jahrtausende lang entsorgten die Geier die verendeten Tiere. Doch dann wurde in den neunziger Jahren das Schmerzmittel Diclofenac in der Tiermedizin populär. Weil es äußerst kostengünstig ist fand es bei Indiens Milchbauern reißenden Absatz. Was niemand ahnte: Für Geier ist Diclofenac tödlich, es löst Nierenversagen aus.

"Die Natur hat einen Wert, der benannt werden muss"

Ein Massensterben begann, wie es Wissenschaftler noch nie beobachtet hatten, sagt Narayanan Ishwar vom indischen Ableger der Internationalen Naturschutzunion. "Es war und ist dramatisch." Nach drei Jahrzehnten Diclofenac ist der Geierbestand in Indien derart geschrumpft, dass die Vögel heute vom Aussterben bedroht sind.

Um zu verhindern, dass Indiens Geier bald Geschichte sind, hat die Naturschutzunion mit Geldern und Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nun berechnet, was die von indischen Geiern geleistete "Arbeit" wert ist.

Hintergrund ist ein neuer Ansatz in der Wissenschaft und im Umweltschutz, der so genannte Ökosystemdienstleistungen in den Mittelpunkt rückt. "Die Natur hat einen Wert, der erkannt und benannt werden kann und muss", sagt Edgar Endrukaitis vom Deutsch-Indischen Biodiversitätsprogramm der GIZ in Neu-Delhi. Gerade gegenüber der Politik helfe es, wenn man den Nutzen des Naturschutzes in Euro und Cent ausdrücken könne. "Das sind dann starke Argumente."

300 Geierpaare = 1 Entsorgungsanlage

Die Experten des Naturinstituts haben in ganz Indien 15 Fallstudien erstellt und dabei den Wert von Feuchtgebieten und Wäldern, Muscheln, Fischen und eben Geiern errechnet. Im Fall der Geier ist das Ergebnis der Zahlenakrobatik tatsächlich eindrücklich: Ein einzelner Vogel erbringe im Jahr Dienstleistungen mit einem Wert von umgerechnet etwa 9200 Euro.

Errechnet wurde die Summe, indem kalkuliert wurde, wieviel Geld die indische Regierung in den kommenden Jahren aufbringen müsste, um die Kuhkadaver in eigens gebauten Krematorien zu entsorgen. Das wurde mit den Kosten der Aufzucht und Auswilderung junger Geier verglichen.

Ergebnis: Um 60 tote Kühe pro Woche zu entsorgen, braucht ein Landkreis entweder eine mittelgroße Entsorgungsanlage oder eine Geierpopulation von 300 Paaren. Doch die Zucht und der Schutz der Vögel sind wesentlich billiger als der Bau und Betrieb der Anlage.

Krankheiten und vermehrte Hundebisse sind die Folge

"Es ist ökonomisch sinnvoller, in die Brut und Auswilderung von Geiern zu investieren und Geierschutzzonen einzurichten, anstatt Geld in Kadaver-Entsorgungsanlagen zu stecken", urteilen die Autoren der Fallstudie. Sinn würde es auch machen, ein etwas teureres Schmerzmittel zu subventionieren und Diclofenac so vom Markt zu drängen. "Erst wenn andere Mittel billiger sind, wird Diclofenac aufhören, Geier zu töten", sagt Ishwar.

Der Geierschwund kostet den Staat auch anderweitig Geld: Seit dem Verschwinden der Vögel fressen Ratten und Straßenhunde von den Tierkadavern und haben sich so rasant vermehrt. Krankheiten und vermehrte Hundebisse sind die Folge. "Indien ist mit 20.000 Tollwut-Toten jährlich das Land mit der höchsten Tollwutrate weltweit - und das liegt auch am Aussterben der Geier", sagt der Biologe Ishwar.

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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