Von Simone Utler
Dieser eine Nachmittag dehnt sich zur Ewigkeit. Christoph P. liegt auf dem Bett, raucht Kette, trinkt Cola und starrt an die Decke, "der eine hängt sich auf, der andere schließt sich in seinem Zimmer ein", sagt er später. Angst vor dem Tod hat er nicht, der Tod ist noch so weit weg. Angst macht ihm die Ausgrenzung. Sich ständig zu überlegen, wem man die Wahrheit anvertrauen kann und wem nicht. Er denkt darüber nach, den Job abzusagen und alles über den Haufen zu werfen.
Der negative Schnelltest lässt ihm keine Ruhe.
Am selben Abend zeigt er seine Befunde einem Freund, der Medizin studiert. Er schaut einige Sekunden darauf. Er sagt: "Du bist negativ." Er beginnt, die Ärztin wegen deren Diagnose zu beschimpfen.
Am nächsten Tag geht Christoph P. zum Facharzt. Auch er sagt: "Negativ."
Die Ärztin hat die Befunde falsch gedeutet.
Beim HIV-Test wird mit dem Blut zunächst ein Suchtest gemacht, ein sogenannter Elisa-Test. Werden dabei Antikörper gefunden, lautet der Befund "reaktiv". In diesem Fall wird umgehend ein Bestätigungstest gemacht, im allgemeinen noch aus derselben Blutprobe. Sollte auch dieses Ergebnis positiv sein, ist der Patient mit ziemlicher Sicherheit mit HIV infiziert. Zur Kontrolle werden die Tests mit einer neuen Blutprobe wiederholt. Bei Christoph haben beide Blutproben dasselbe Ergebnis gebracht: auffällige Suchtests, aber negative Bestätigungstests.
"Zu sagen: Sie sind positiv, war in dieser Situation sicher etwas forsch", sagt der HIV-Spezialist Norbert Brockmeyer von der Universität Bochum. Er würde eher davon sprechen, dass ein Risiko bestehe, dass der Patient HIV-positiv ist. "Das einzige, was man wirklich sagen kann: Dieser Befund hätte beobachtet werden müssen."
Dass ein Befund falsch interpretiert werde, komme fast nie vor, sagt Jörg Litwinschuh von der Aids-Hilfe. Eines aber sei bei einer möglichen HIV-Infektion wichtig: "Dass ein Arzt sensibel mit dem Thema umgeht."
Christoph P. fragt nach. "Wie kann eine Ärztin nicht erkennen, was man innerhalb von zwei Minuten im Internet herausfinden kann?" Er führt noch ein Gespräch mit der Medizinerin. Er bekommt keine Antwort, die ihn zufriedenstellt. "Sie war sehr kleinlaut. Ich habe gemerkt, dass sie sich ihres Fehlers bewusst war." Er erzählt von fadenscheinigen Erklärungen, zum Beispiel, dass sie 120 Patienten am Tag behandle und ihre Vorgesetzten hinzugezogen habe.
Düstere Erinnerungen bleiben
Die Praxis will sich zu dem Fall nicht äußern - obwohl Christoph P. sie für eine SPIEGEL-ONLINE-Anfrage von der Schweigepflicht entbunden hat. Stattdessen nimmt die leitende Ärztin "die Gelegenheit wahr", das generelle Vorgehen der Praxis bei HIV-Verdachtsfällen zu erläutern. Bei einem auffälligen Test werde der Patient unverzüglich an einen spezialisierten Kollegen überwiesen - "zur weiteren Diagnoseabklärung und Bestätigung des HIV-Verdachts" sowie "zur unverzüglichen Einleitung geeigneter therapeutischer Maßnahmen".
Christoph P. leidet die ersten Wochen nach der Fehldiagnose an depressiven Stimmungen. Er kann das Erlebte nicht verarbeiten. Vielleicht positiv, negativ, definitiv positiv, negativ, zu intensiv war dieses Auf und Ab.
Er hat zahlreiche weitere Tests machen lassen - alle negativ. Was die verwirrenden Ergebnisse ausgelöst hat, ob es vielleicht die Warze war, bleibt ungeklärt.
Inzwischen hat sich Christoph P.s Wut auf die Ärztin gelegt. Er hat sich in der Schweiz eingelebt. Er mag seinen neuen Job.
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