Asexualität: Keine Lust, nie

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Sarah Wenger ist 34 Jahre alt und hatte noch nie Sex. Umarmen ist für sie okay, Küssen geht nicht. Jahrelang verstand sie sich selbst nicht, heute weiß sie: Sie ist asexuell. Und glücklich.

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Asexuelle wie Sarah verspüren keinerlei Verlangen nach Sex: "Umarmen ist okay"

Händeschütteln findet Sarah Wenger* gut. Das ist eine freundliche Art, anderen Leuten Zuneigung zu vermitteln, aber distanziert genug, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Sie hat noch nie jemanden geküsst, mit niemandem geschlafen - und sie vermisst es auch nicht. Die große Frau lächelt freundlich. "Ich hatte noch nie das Bedürfnis, anderen Menschen körperlich nahe zu sein", sagt die 34-Jährige. Sarah Wenger bezeichnet sich als asexuell.

Schon mit 14 Jahren merkte sie, dass sie anders war als ihre Mitschüler. "Plötzlich fingen alle an, einen Freund oder eine Freundin zu haben. Es ging nur noch darum, wer gerade mit wem zusammen war", erzählt Sarah. Die Jugendliche verstand das nicht, sah keinen Grund, sich einen Freund zu suchen. Sie hatte auch keine Lust, jemandem ihre Zunge in den Mund zu stecken. Im Kino schaute sie bei Sexszenen einfach weg und wenn in der Pause schlüpfrige Witze die Runde machten, wechselte sie rasch das Gesprächsthema.

Erotik gibt es für Sarah nicht. Noch heute bleibt ihr Blick auf den Kopf geheftet, wenn irgendwo ein nackter Körper zu sehen ist; bei DVDs überspringt sie Szenen, wenn es zu nackt wird.

"Mein Partner-Pool ist ziemlich klein"

Die Teenagerin beobachtete das Balzverhalten ihrer Klassenkameraden, als ginge sie das alles nichts an. "Meine Mitschüler hat mein Desinteresse an Sex regelrecht geärgert. Sie fingen an, mich zu hänseln, aus der Gruppe auszuschließen."

Sie war überrascht, wie viele Menschen so etwas Instabiles und Oberflächliches wie Lust zur Basis ihrer Beziehungen machen. Auch sie kann sich verlieben, auf ihre eigene Weise. "Ich bin ja nicht aromantisch, ich verliebe mich auf geistiger Ebene", sagt sie. Beziehungen hat sie jedoch immer ausgeschlossen - viel zu unwahrscheinlich. "Mein Partner-Pool ist ziemlich klein, nur wenige Menschen können ohne Geschlechtsverkehr." Es beeindruckte sie, wie essentiell Sex und die sexuelle Orientierung für Menschen ist. Auf die Frage "Und was bin ich?" fand sie jahrelang keine Antwort.

Erst zehn Jahre nach dem Abitur stößt Sarah, mittlerweile erfolgreiche Übersetzerin, im Internet auf ein Forum. Dort tauschen sich Menschen aus, die sich als asexuell bezeichnen. "Endlich konnte ich meine Situation benennen, es war wie eine Befreiung", sagt die 34-Jährige. Sie liest Erfahrungsberichte anderer Asexueller und fühlt sich endlich verstanden. Über das Internet lernt sie auch ihre jetzige Partnerin kennen. Seit zwei Jahren ist sie mit der ebenfalls asexuellen Frau zusammen.

Als Sarah eine Antwort zu ihrer sexuellen Orientierung gefunden hat, beginnt sie, Biografien berühmter Männer und Frauen zu lesen, die ihr Leben lang allein gelebt haben. Vor allem mit einem fühlt sie sich verbunden: Nikola Tesla. "Der geniale Erfinder schlug alle Angebote schöner Frauen und Männer aus. Aus seiner Biografie ist recht gut erkennbar, dass er asexuell war", sagt Sarah und klingt ein wenig stolz auf diese Seelenverwandtschaft. Auch der Märchenerzähler Hans Christian Andersen hatte kein Interesse an Sex. "Es ist ein Widerwillen gegen diese Dinge in mir, gegen die sich meine Seele so sträubt," schrieb der Schriftsteller Ende des 19. Jahrhunderts - ein Bekenntnis zur freiwilligen Enthaltsamkeit.

Der britische Autor Ian McEwan hat die Probleme, die Asexualität schaffen kann, in seinem Roman "Am Strand" verarbeitet. Er beschreibt die Hochzeitsnacht zweier Mittzwanziger im England der frühen sechziger Jahre. Während Bräutigam Edward das erste Mal kaum erwarten kann, verspürt seine Braut Florence bereits bei ihrem ersten Zungenkuss einen überwältigenden Ekel, der jede sexuelle Beziehung unmöglich macht. Für Edward ist ihre Asexualität, zur damaligen Zeit noch kein gängiger Begriff, die größtmögliche Beleidigung. Er fühlt sich um sein Recht auf ehelichen Geschlechtsverkehr betrogen und löst die Ehe auf.

Auch in Deutschland war das bis zur Scheidungsreform 1977 möglich: Die "Verweigerung des ehelichen Verkehrs" war ein Scheidungsgrund, bei dem der enthaltsame Ehepartner die Schuld zu tragen hatte - etwa durch Zahlung von Unterhalt oder Verlust von Ansprüchen.

Die letzte Provokation in der Sexgesellschaft

Oft wird in Asex-Foren der Ruf zur Gleichberechtigung laut. "Asexualität ist die letzte Provokation in unserer übersexualisierten Gesellschaft", schreibt ein Mitglied. "Arrogant und undankbar verzichten wir einfach auf das so hart erkämpfte Recht, unsere Sexualität in vollen Zügen zu genießen." Ähnlich wie Veganer müssten sich Asexuelle stets dafür rechtfertigen, etwas nicht zu wollen.

Auch Sarah stößt immer wieder auf Ungläubigkeit und Unverständnis. "Wie kannst du denn etwas nicht mögen, das du noch nie probiert hast?", ist ein Satz, den sie schon so oft gehört hat, dass er ihr nichts mehr ausmacht. Wer nicht das Verlangen nach etwas habe, wolle es eben auch nicht ausprobieren, so einfach sei das.

Viele vermuten hinter der Asexualität auch ein krankhaftes Leiden, das therapiert werden müsse. "Natürlich sollte man organische Ursachen für Luststörungen abklären, die liegen aber selten vor", sagt die Freiburger Sexualtherapeutin Corinna Pette. Früher habe man Luststörungen immer nur als Begleiterscheinung von körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Depressionen angesehen.

"Heute sieht man sie zum Glück als eigenständige Kategorie der sexuellen Orientierung", sagt die Expertin. "Das ermöglicht therapeutisch mehr Ansatzpunkte." Auch wenn physisch keine Libido empfunden wird, gehe es doch darum, ob es einen Leidensdruck gibt oder nicht.

Die Psychologin kritisiert, dass in der Gesellschaft immer nur das Positive von Sex betont werde: "Wer Sex hat, wird älter, Sex senkt den Blutdruck und so weiter. Er kann aber auch Schattenseiten haben, zum Beispiel körperlich richtig unangenehm sein. Darüber wird nicht geredet."

"Warum lebst du überhaupt?"

Sarah Wenger ist von der durch und durch sexualisierten Gesellschaft übersättigt. "Wenn man sich diese amerikanischen Serien im Fernsehen ansieht, wird es deutlich: Überall geht es nur noch darum, wer mit wem schläft", sagt Sarah. Für sie ist es Zeitverschwendung, sich ständig Gedanken um Sex machen zu müssen. Es gebe so viel Wichtigeres auf der Welt. Die große Frau mit dem markanten Gesicht liebt ihren Beruf, liest viel und beschäftigt sich am liebsten mit internationaler Politik. Regelmäßig fährt sie nach Genf zu Uno-Treffen, engagiert sich im Kampf gegen sexuelle Gewalt. Wenn sie von den Aktivistentreffen erzählt, glänzen ihre Augen.

Wenger ist eine Frau der Defensive. Die ständige Verteidigung ihrer Position in einer Debatte, die sie eigentlich gar nicht führen will, hat sie stark gemacht. Sie weiß auf jede Frage eine Antwort - viele von ihnen hat sie schon hundertfach gehört. Immer geht es um den Sinn des Lebens, um Fortpflanzung, um Erfüllung - um Kinder. Die wird Sarah nie haben.

Ein Bekannter fragte sie einmal: "Warum lebst du überhaupt?" Bei dem Gedanken an diese Frage schüttelt Sarah den Kopf. Sie zieht trotzig die Augenbrauen zusammen, lächelt dann aber überlegen und sagt: "Ich möchte auf dieser Welt durchaus etwas Bleibendes hinterlassen. In meinem Fall wird das aber kein Kind sein, ich werde mich anders verwirklichen."

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, in Paragraf 1353 des Bürgerlichen Gesetzbuchs stehe, die Eheschließung "schließt die Verpflichtung der Partner zur Geschlechtsgemeinschaft (...) ein". Dies ist nicht der Fall. Die Passage stammt aus dem Erman-Kommentar zum BGB (2008). Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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