Rechtspsychologin im Interview "Wir trauen Frauen nicht zu, dass sie sexuell aggressiv auftreten"

Wie häufig begehen Frauen Sexualtaten? Und welche Rollenbilder erschweren die Aufarbeitung? Rechtspsychologin Monika Egli-Alge gibt Antworten.

Jimmy Bennett, Asia Argento
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Jimmy Bennett, Asia Argento

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Die Schauspieler Jimmy Bennett und Asia Argento verband eine langjährige Beziehung. Wie nun bekannt wurde, hat er schwere Vorwürfe gegen sie erhoben: 2013, als Bennett 17 Jahre alt war, soll sich Argento an ihm vergangen haben.

Laut "New York Times" hat Argento im Zuge einer außergerichtlichen Einigung 380.000 Dollar an Bennett gezahlt, nachdem dieser mit einer Klage gedroht hatte. Den zitierten Dokumenten zufolge soll die 20 Jahre ältere Argento ihn im Mai 2013 in einem Hotel in Kalifornien getroffen haben. Sie habe ihm Alkohol gegeben, ihn geküsst, aufs Bett geworfen und Oralsex an ihm vorgenommen. Danach habe sie sich auf ihn gelegt und mit ihm Sex gehabt. Die Erfahrung habe ihn traumatisiert und seiner Karriere geschadet, so Bennetts Vorwurf.

Die Jahre vor dem Übergriff sei Argento für Benett wie eine Mutter und Mentorin gewesen, heißt es laut "New York Times" in den Dokumenten. Tatsächlich spielte sie in dem 2004 erschienenen Film "The Heart is Deceitful above All Things" seine Mutter. Er war damals sieben Jahre alt.

Jimmy Bennett und Asia Argento in "The Heart is Deceitful above All Things"
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Jimmy Bennett und Asia Argento in "The Heart is Deceitful above All Things"

Rechtspsychologin Monika Egli-Alge arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Tätern und Opfern sexueller Gewalt. Sie weiß, dass Übergriffe meistens in familiären und vertrauensvollen Beziehungen passieren und die Täter überwiegend Männer sind. Die Schweizerin mahnt allerdings: Man dürfe nicht vergessen, dass auch Frauen zu Täterinnen werden können. Überkommene Rollenbilder, so Egli-Alge, lassen die Scham der Opfer noch größer werden.

Zur Person
  • FORIO/ Daniel Ammann
    Monika Egli-Alge, Jahrgang 1958, hat 2004 das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) gegründet. Hier werden Sexualstraftäter und -täterinnen beraten und therapiert. Zudem sitzt die Rechtspsychologin im Vorstand der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmissbrauch und Vernachlässigung und in den wissenschaftlichen Beiräten des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité.

SPIEGEL ONLINE: Die Schauspielerin Asia Argento soll sich an einem 17-Jährigen vergangen haben. Wie oft kommt es vor, dass Frauen Sexualtaten begehen?

Egli-Alge: Im Vergleich zu männlichen Tätern fällt die Zahl der Frauen, die übergriffig werden, niedriger aus. Nach neuesten Studien werden zwischen 15 und 20 Prozent der Missbrauchstaten von Frauen begangen. Wobei wir bei Frauen wie bei Männern von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Viele Taten werden nicht angezeigt oder öffentlich, weil die meisten im familiären Bereich geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eine typische Konstellation zwischen Täterinnen und Opfern?

Egli-Alge: Neben den Übergriffen in der Familie gibt es auch den Teacher-Lover-Typus. Dabei ist die Frau nicht mütterlich mit ihrem Opfer verbunden, steht aber in einer erzieherischen Verantwortung zu ihm. Der Missbrauch kann auch von einer Lehrerin, Babysitterin oder Pflegerin begangen werden. Zudem erleben wir Übergriffe in Gruppen: Oft sind es jugendliche Mädchen, die bei Gleichaltrigen sexuelle Grenzverletzungen begehen, indem sie als Gruppe gezielt Einzelne unter Druck setzen.

SPIEGEL ONLINE: Lehrerinnen, die ein Verhältnis mit ihrem Schüler hatten, sorgen oft für reißerische Schlagzeilen.

Egli-Alge: Und damit wird ein Klischee bedient: Die reife Frau verführt den jungen Mann. Das kennen wir auch aus Filmen und der Literatur. "Die Reifeprüfung" oder "Der Vorleser" spielen damit. Der Mythos, dass sich ein Junge die Verführung durch eine ältere Frau wünscht, wirkt sich auf unsere Wahrnehmung aus. Wir trauen Frauen und Müttern deshalb nicht zu, dass sie sexuell aggressiv auftreten.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Anteil hat unser Bild von Männern daran?

Egli-Alge: Das ist ein weiteres Klischee, das unsere Wahrnehmung verstärkt: Prinzipiell ist der Mann der Täter und die Frau das Opfer. Dadurch wird der Missbrauch durch Frauen noch mehr zu einem Tabu.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Folgen?

Egli-Alge: Jungen und Männer dürfen sich nicht als Opfer fühlen, weil die Gesellschaft oder ihr eigenes Umfeld das Klischee befeuern. Oft werden diese jungen Männer dafür gefeiert, dass sie mit einer älteren Frau sexuelle Erfahrungen gemacht haben. Dazu kommt die Scham. Sie fragen sich, warum sie sich nicht gewehrt haben. Auch die Reaktion ihres Körpers ist dabei entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Egli-Alge: Viele glauben, dass Männer nur eine Erektion haben, wenn sie erregt sind und den körperlichen Kontakt wollen. Dabei ist es eine funktionale Reaktion, die auftritt, wenn die genitale Körperpartie stimuliert wird. Viele junge Männer sind nach dieser Erfahrung wahnsinnig verunsichert. "Vielleicht wollte ich das ja doch", denken sie sich. Dieses Dilemma kennen wir auch von Frauen, die während einer Vergewaltigung zum Orgasmus kamen, obwohl sie unfassbares Leid verspürt haben. Diese körperlichen Reaktionen machen es noch schwieriger, eine Grenzverletzung anzuerkennen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das auch ein Grund sein, warum sich manche Opfer erst Jahre später zu einer Anzeige durchringen?

Egli-Alge: Hierfür kann es unterschiedliche Gründe geben. Ich denke, dabei spielen vor allem der zeitliche Abstand und die Lebenserfahrung zusammen. Vielen Opfern wird die Dynamik der Manipulation und Abhängigkeit erst bewusst, wenn sie neue, andere Beziehungen erlebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Vergangenheit mit Täterinnen gearbeitet. Wie nehmen diese ihre Übergriffe wahr?

Egli-Alge: Die Reaktionen auf die Tat sind sehr individuell. Wir beobachten aber bei Frauen wie bei Männern, dass die meisten genau wissen, dass sie eine Grenze überschritten haben. Ihr Gewissen macht ihnen zu schaffen. Sobald die Mauer des Verleugnens zusammenfällt, fühlen sie Scham, Reue und ein großes Leid, weil sie ihre Tat nicht mehr rückgängig machen können.



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