Atom-Wrack Fukushima Mit Taschenlampen gegen den GAU

Sie lesen im Halbdunkel Kontrolltafeln ab, verlegen in Schutzanzügen Stromleitungen: Neue Fotos aus dem AKW Fukushima zeigen die Arbeit des Rettungsteams - und das Ausmaß der Zerstörung. Weitere Nachbeben haben Japan erschüttert, in Tokios Trinkwasser wurde erhöhte Radioaktivität gemessen.

AP/ Nuclear and Industrial Safety Agency

Fukushima - Der schmale weiße Schein einer Taschenlampe und ein etwas größerer gelber Lichtkegel tauchen den Raum in ein gespenstisches Licht. Verschwommen lassen sich die Silhouetten mehrerer Personen erkennen. Es sind einige der "Helden von Fukushima", wie sie genannt werden - Männer, die versuchen, die Kontrolle über das havarierte Atomkraftwerk zu erlangen. Zu sehen sind sie auf einem der ersten Fotos, die nach der Katastrophe nun aus dem Inneren der Anlage veröffentlicht wurden.

Ein anderes Bild zeigt zwei Männer, die in weißen Schutzanzügen und mit Atemmasken vor einer Schalttafel stehen und die Einstellungen mit Aufzeichnungen abgleichen. Zwei weitere Helfer sitzen beziehungsweise stehen - dick eingepackt in blaue Jacken, gelbe Helme, weiße Handschuhe und Schutzmasken - an einem Schreibtisch und betrachten Unterlagen, die dort liegen. Einer der Männer telefoniert.

Die Fotos belegen den Kampf einiger weniger gegen die Übermacht der außer Kontrolle geratenen Technik. Aufgenommen wurden sie im zentralen Kontrollraum der Reaktorblöcke 1 und 2 des AKW Fukushima Daiichi von einem Prüfer der japanischen Atomaufsicht. Die Agentur veröffentlichte die Bilder an diesem Mittwoch. Den Informationen zufolge zeigen sie Mitarbeiter des Kraftwerkbetreibers Tepco.

Wie schwierig der Einsatz in Fukushima ist, zeigte sich am Mittwoch erneut: Die Arbeiten am Atom-Wrack mussten unterbrochen werden. Nachdem schwarzer Rauch über Block 3 aufgestiegen war, wurde das Gelände evakuiert, wie der Sender NHK berichtete. Der Rauch stammte der japanischen Atomsicherheitsbehörde zufolge aus dem Reaktorgebäude. Die Ursache war unklar.

Eigentlich hatten die Arbeiter versuchen wollen, den Strom in den Problemmeilern wieder herzustellen. Damit soll das kaputte Kühlsystem angeworfen werden, um eine drohende Kernschmelze aufzuhalten. Der Reaktor konnte wegen der Räumung des Geländes auch nicht wie geplant mit Wasser besprüht werden. Ein für den Nachmittag geplanter zweistündiger Einsatz der Tokioter Feuerwehr wurde abgesagt.

Auch am Donnerstagmorgen (Ortszeit) konnten die Arbeiten nicht wieder aufgenommen werden. Aufnahmen des Fernsehsenders NHK zeigten, wie weißer Dampf über den Reaktorblöcken 1, 2 und 4 aufstieg. Es sei das erste Mal, dass dies auch bei Block 1 beobachtet werde, berichtete der Sender. In diesem Reaktor kam es am 12. März zu einer Wasserstoffexplosion, bei der das Reaktorgebäude erheblich beschädigt wurde.

Spinat oder Kohl aus Fukushima sind verstrahlt

Auch außerhalb der Sicherheitszone von 30 Kilometern um das AKW könnte nach Schätzungen der Regierung womöglich stark erhöhte radioaktive Strahlung auftreten. In dem Dorf Iitate, rund 40 Kilometer von dem Kraftwerk entfernt, wurden bereits jetzt extrem hohe Cäsium-137-Werte gemessen, berichtete der Sender NHK. Die 20-Kilometer-Evakuierungszone soll dennoch nicht erweitert werden.

Die Regierung riet den Menschen, keinen Spinat oder Kohl aus Fukushima zu essen. Für immer mehr Gemüse aus der Gegend um das Krisen-Kraftwerk gilt ein Lieferstopp. Das Gesundheitsministerium veröffentlichte dazu eine Liste mit elf Gemüsearten, bei denen eine teils drastisch erhöhte Radioaktivität festgestellt wurde. Darunter sind Spinat, Brokkoli, Kohl und das japanische Blattgemüse Komatsuna.

Die USA verschärften die Einfuhrbestimmungen für Gemüse und Milch aus Japan, Hongkong verbot den Import von mehreren Nahrungsmitteln. Auch Deutschland verstärkte die Vorsichtsmaßnahmen. Vor allem bei Fisch und Fischerzeugnissen solle die Strahlenbelastung überprüft werden, teilte Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) mit. In der EU seien bei Kontrollen von Lebensmitteln aus Japan bislang keine erhöhten Strahlenbelastungen aufgefallen, sagte der Sprecher von EU-Gesundheits- und Verbraucherkommissar John Dalli.

Tokios Behörden warnen vor Trinkwasser

In Sorge sind nun auch die Menschen im rund 200 Kilometer von Fukushima entfernten Tokio: In einer Wasseraufbereitungsanlage der Millionenstadt seien erhöhte Werte an radioaktivem Jod 131 festgestellt worden, sagte ein Sprecher der Hauptstadtpräfektur. Der Wert habe 210 Becquerel pro Liter Wasser betragen.

Kinder unter einem Jahr sollen in allen zentralen Bezirken Tokios sowie in mehreren westlich gelegenen Städten kein Leitungswasser mehr trinken. Auch damit zubereitetes Milchpulver ist tabu. Der Grenzwert des japanischen Gesundheitsministeriums liegt für Babys bei 100 Becquerel pro Liter Wasser, für Erwachsene und ältere Kinder bei 300 Becquerel.

Der Gouverneur der Hauptstadtpräfektur Tokio, Shintaro Ishihara, rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. Es bestehe keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit. Die Warnung sei eine Vorsichtsmaßnahme, da sich das radioaktive Jod über die Zeit in der Schilddrüse konzentrieren könne.

Die Stadtverwaltung von Tokio kündigte an, abgefülltes Wasser für Familien mit Babys bereitzustellen. Die lokalen Behörden seien aufgefordert, am Donnerstag rund 80.000 Haushalte mit 3,5 Liter-Flaschen zu versorgen, berichtete der staatliche Fernsehsender NHK. Zudem rief die Stadtverwaltung Mineralwasser-Hersteller dazu auf, ihre Produktion hochzufahren.

Regierungssprecher Yukio Edano hatte zuvor vor Panikkäufen von abgefülltem Wasser gewarnt. Mineralwasser werde vor allem in dem nach dem schweren Beben vom 11. März und dem anschließenden Tsunami stark zerstörten Nordosten des Landes benötigt. Dort fehlt es oft an Wasser, Nahrung und Heizmaterial. Etwa 260.000 Menschen müssen nach Angaben von Kyodo noch in Notunterkünften ausharren. Die offizielle Zahl der Toten nach der Naturkatastrophe stieg auf etwa 9500, mehr als 15.000 Menschen werden noch vermisst.

Das Erdbeben und der Tsunami dürften als teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten in die Geschichte eingehen: Auf umgerechnet bis zu 220 Milliarden Euro bezifferte die japanische Regierung die Schäden in einer aktuellen Schätzung.

Am Mittwochmorgen Ortszeit erschütterten über 25 Nachbeben der Stärke 4,4 und mehr die Katastrophenregion. Der stärkste Erdstoß wurde um kurz nach Mitternacht mit einer Stärke von 6,1 gemessen, berichtete die US-Erdbebenwarte USGS. Demnach lag das Epizentrum dieses Bebens etwa 165 Kilometer östlich von Tokio.

Japans drittgrößter Energiekonzern Chubu Electric Power zieht eine erste Konsequenz aus der Katastrophe von Fukushima: Der Betreiber des Kernkraftwerks Hamaoka, das rund 200 Kilometer südwestlich von Tokio an der Küste liegt, will einen zwölf Meter hohen Tsunami-Schutzwall bauen. Dieser solle in den kommenden Jahren errichtet werden. Zudem werde der Bau eines sechsten Reaktors in der Anlage um ein Jahr verschoben, teilte das Unternehmen mit. Für diese Zeit kündigte der Versorger eine Überprüfung seiner Sicherheitspläne an.

siu/dpa/Reuters



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ALG III 23.03.2011
1. What comes next?
Zitat von sysopSie lesen im Halbdunkel Kontrolltafeln ab, verlegen in Schutzanzügen Stromleitungen: Neue Fotos aus dem AKW Fukushima zeigen die Arbeit des Rettungsteams - und das Ausmaß der Zerstörung. Weitere Nachbeben haben Japan erschüttert, in Tokios Trinkwasser wurde erhöhte Radioaktivität gemessen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752810,00.html
Hypo Real Estate, Deep Water Horizon, Fukushima: Die Ereignisse wiederholen sich und zeigen immer das gleiche Muster: absolut sichere Systeme geraten ausser Kontrolle, hochqualifizierte Flachleute bemühen sich um Schadensbegrenzung, windige Politiprofis wiegeln ab und versuchen, Zeit zu gewinnen. What comes next?
Tottiso 23.03.2011
2. Die gemachte Katastrophe
Typisch menschlich, aber inhuman. Es gibt VIEL zu lernen, um Erkenntnis umzusetzen. Wir verleumden die Erkenntnis. Als ob unsere politischen Führer nichts anderes als Desaster entscheiden können. Unfähig oder feige?
gorge11, 23.03.2011
3. Schutzanzüge?
Zitat von sysopSie lesen im Halbdunkel Kontrolltafeln ab, verlegen in Schutzanzügen Stromleitungen: Neue Fotos aus dem AKW Fukushima zeigen die Arbeit des Rettungsteams - und das Ausmaß der Zerstörung. Weitere Nachbeben haben Japan erschüttert, in Tokios Trinkwasser wurde erhöhte Radioaktivität gemessen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,752810,00.html
Das sind wohl Regenjacken und Masken aus der autolackiererei, und die sind wohl noch besser.
gos 23.03.2011
4. Stümper
Ich habe vernommen, dass es beim Verlegen der Elektrik erste Erfolge zu verzeichnen gab. Eine Glühbirne im Kontrollraum brannte wieder. Wieso zieht man diese Stümper nicht ab und nimmt die Verantwortung aus der Hand des Betreibers ? Im Interesse der Weltgesundheit müsste ein internationales Expertenteam vor Ort gebracht werden. Es muss doch objektive Aufzeichnungen (worst case) für so eine Situation geben. Oder will man warten, bis das Ding komplett in die Luft fliegt ?
PaulBiwer 23.03.2011
5. knapp
"...will die Firma einen 12m hohen Schutzwall bauen." An manchen Stellen wurde die Tsunami-Welle mit 23m angegeben. Bitte ein bißchen Respekt vor unsern verbleibenden paar grauen Zellen.Finden sie doch eine bessere Exküse um die Atomkraft sicher zu lügen.
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