Atomkatastrophe in Japan AKW-Betreiber schlampt erneut bei Strahlenmessung

Die Pannenserie im Katastrophen-AKW geht weiter: Erst durchbricht ein Mann mit einem Auto ein Tor zum Gelände von Fukushima II, dann räumt Tepco erneut einen Messfehler ein. In der Krisenregion suchen jetzt Soldaten nach Tsunami-Opfern, aber nicht rund um das AKW - wegen der hohen Strahlung.

AP/ TEPCO via Jiji Press

Tokio - Japans Atomgigant Tepco hat in der Vergangenheit immer wieder Pannen vertuscht - und der Betreiber der Atomruine von Fukushima legt offenbar noch immer keinen allzu großen Wert auf korrekte Arbeit: Die Strahlen-Messwerte vom Grundwasser in und um das Atomkraftwerk seien teilweise fehlerhaft, teilte die japanische Atomaufsichtsbehörde am Freitag mit. Das Grundwasser sei aber dennoch sehr wahrscheinlich verstrahlt.

Am Vortag hatte die Tepco mitgeteilt, dass im Grundwasser ein 10.000fach erhöhter Wert von radioaktivem Jod gemessen worden sei. Wie hoch die Belastung wirklich ist, war zunächst nicht klar. Die Behörde drückte ihr "starkes Bedauern" über den erneuten Fehler aus. Es ist nicht das erste Mal, dass Tepco fehlerhafte Messungen veröffentlicht hat.

Zuvor hatte es eine weitere Panne gegeben: Am Donnerstag hatte ein Mann versucht, mit seinem Auto auf das Gelände des havarierten Atomkraftwerks einzudringen. Mitarbeiter von Tepco hätten ihn jedoch daran hindern können, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Wenig später durchbrach der 25-Jährige mit seinem Fahrzeug ein Tor zu dem nahe gelegenen Atomkraftwerk Fukushima-Daini und fuhr etwa zehn Minuten auf den Gelände umher. Die Polizei habe ihn am Freitag wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung festgenommen, meldete Kyodo. Das Motiv des Mannes war zunächst unklar. Die Atomkraftwerke Fukushima-Daiichi und Fukushima-Daini liegen etwa zwölf Kilometer voneinander entfernt.

Unterdessen will die japanische Regierung einem Zeitungsbericht zufolge die Kontrolle über Tepco übernehmen und bereitet hierzu eine Geldspritze vor. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass die Regierung dabei einen Anteil von mehr als 50 Prozent erwerbe, hieß es in einem Bericht der Zeitung "Mainichi".

Der Konzern gerät seit dem Ausbruch der Katastrophe immer wieder heftig unter Beschuss: Nicht nur, weil Tepco immer wieder Fehler unterlaufen waren. Mehr als zwei Wochen war der Präsident von Tepco wie vom Erdboden verschluckt. Nun könnten auf den Atomkonzern Schadensersatzforderungen in mehrstelliger Milliardenhöhe zukommen. Der Börsenwert des Versorgers ist seit dem Unglück um rund 80 Prozent gefallen.

Regierungschef Naoto Kan will jetzt zum ersten Mal seit dem Erdbeben und Atomunfall vor drei Wochen die Krisenregion besuchen. Er werde am Samstag in die erdbebenzerstörte Stadt Rikuzentakata und in die Präfektur Fukushima reisen, in der auch das havarierte Atomkraftwerk steht, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Freitag. Vermutlich fährt Kan aber nicht direkt zur Atomruine in Fukushima.

Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) wird am Samstag Japan besuchen. Mit dem Abstecher nach Tokio wolle er Deutschlands Solidarität mit dem schwer getroffenen japanischen Volk zum Ausdruck bringen.

In der Krisenregion haben jetzt Tausende japanische und US-Soldaten mit einer großen Suche nach Tsunami-Opfern vor der nördlichen Pazifikküste Japans begonnen. Insgesamt 120 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 65 Schiffe nahmen die Suche nach Opfern der Katastrophe auf, wie ein japanischer Armeevertreter sagte. Nach Informationen der Zeitung "Yomiuri Shimbun" sind 17.000 japanische und 7000 US-Soldaten im Einsatz.

Im Umkreis von 30 Kilometern um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima wird dagegen nicht nach Leichen gesucht. In japanischen Presseberichten vom Freitag war die Rede davon, dass dort noch bis zu tausend Tote vermutet würden. Ursprüngliche Pläne, die Leichen zu bergen, seien wegen der hohen radioaktiven Strahlung auf Eis gelegt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Polizei. Eine Dekontaminierung der Toten vor Ort erschwere zudem deren spätere Identifizierung. Eine Übergabe an die Angehörigen berge weitere Gefahren, ebenso eine Einäscherung der Toten, hieß es.

Bei dem Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am 11. März waren mindestens 11.532 Menschen ums Leben gekommen, mindestens 16.441 weitere Menschen werden noch vermisst.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
DPA
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

hen/dpa/Reuters/AFP

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Sapientia 01.04.2011
1. Diese auffällige Häufung von Schlampereien...
Zitat von sysopDie Pannenserie im Katastrophen-AKW*geht weiter: Erst räumt Tepco erneut einen Messfehler ein, dann durchbricht ein Mann mit einem Auto ein Tor zum Gelände*von Fukushima II. In der Krisenregion suchen jetzt Soldaten nach Tsunami-Opfern, aber nicht rund um das AKW - wegen der hohen Strahlung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754404,00.html
ist Programm, daran dürfte kein Zweifel bestehen - Deutsche aufgepaßt, wie man so etwas macht! Die Japaner zeigen, wie man im Falle extremer Verstrahlung mit den Medien und der Gesundheit der Bevölkerung umgeht, eine Steilvorlage für jeden kommenden Fall radio-aktiver Verbreitung, der in Japan gerade zur Gesellschaftsfähigkeit entwickelt wird. Gesundheit der Menschen nebensächlich, Hauptsache, die Gesundheit der Wirtschaft ist nicht tangiert.
Adrenalina 01.04.2011
2. #
Während der Lektüre dieses Artikels fiel mir auf, dass die Rede vom AKW Fukushima Daini war - 12 km von Daiichi entfernt, also innerhalb der 20 km-Evakuierungszone, folglich nur unter erheblicher Strahlengefahr zu betreten. Ob unter diesen Umständen ein ordnungsgemäßer Betrieb des AKW Fukushima II noch gewährleistet ist? Die kürzlich gemeldeten Rauchentwicklungen über Daini stehen doch hoffentlich nicht damit in Zusammenhang...
morpholyte 01.04.2011
3. und ...
... wo ist jetzt die Neuigkeit ??? Immer wieder schon bekanntes zu wiederholen, hat keinen Mehrwert an Information.
merapi22 01.04.2011
4. Ja zur Technik, ja zur erneuerbaren Energie, ja zum sofortigen globalen Atomausstieg!
Zitat von sysopDie Pannenserie im Katastrophen-AKW*geht weiter: Erst räumt Tepco erneut einen Messfehler ein, dann durchbricht ein Mann mit einem Auto ein Tor zum Gelände*von Fukushima II. In der Krisenregion suchen jetzt Soldaten nach Tsunami-Opfern, aber nicht rund um das AKW - wegen der hohen Strahlung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754404,00.html
Wann kommt die Meldung: Alle Reaktoren sind abgesichert, die Kernbrennstäbe geborgen - die Atomkatastrophe abgewendet??? Kommt diese Meldung in einem Monat, einem Jahr, oder NIE??? Fazit: AKWs global abschalten und Atomtechnik verbieten!
Analysta 01.04.2011
5. Zu hoch oder zu niedrig
Zitat von sysopDie Pannenserie im Katastrophen-AKW*geht weiter: Erst räumt Tepco erneut einen Messfehler ein, dann durchbricht ein Mann mit einem Auto ein Tor zum Gelände*von Fukushima II. In der Krisenregion suchen jetzt Soldaten nach Tsunami-Opfern, aber nicht rund um das AKW - wegen der hohen Strahlung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754404,00.html
Da leider nicht dabei steht, ob die Messwerte über- oder unterschätzt wurden, befürchte ich (nach der bisherigen Informationspolitik) das erstere.
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