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Atomkatastrophe in Japan: Betreiber prüft Sarkophag-Bau wie in Tschernobyl

Im Kampf gegen die atomare Katastrophe in Fukushima erwägt der Betreiber Tepco jetzt auch, das Kraftwerk unter Sand und Beton zu begraben. Vorbild wäre der Sarkophag von Tschernobyl. Noch setzt der Konzern aber auf Wasserwerfer und eine neue Starkstromleitung.

REUTERS/ TEPCO

Tokio - Die Verzweiflung wächst, die Kreativität auch. Im Kampf gegen den Super-GAU im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist nun die sogenannte Tschernobyl-Lösung ins Gespräch gekommen. Der AKW-Betreiber Tepco erwog erstmals öffentlich, das zerstörte Kraftwerk unter einer Schicht aus Sand und Beton zu begraben. "Es ist nicht unmöglich, die Reaktoren mit Beton zu überziehen", teilte Tokyo Electric Power mit.

Die japanische Behörde für Atomsicherheit erklärte am Freitag, sich der "Tschernobyl-Lösung" als letzten Ausweg bewusst zu sein. Vielleicht sei das die einzige Möglichkeit, eine katastrophale Ausbreitung von Strahlung zu verhindern, sagten Japanische Ingenieure. Nach der Katastrophe in Tschernobyl wurde mit Sand und Beton eine Deckschicht geschaffen. 1986 war der sowjetische Reaktor explodiert, das Unglück gilt als weltgrößter Atomunfall.

Zunächst versuchen die japanischen Behörden und Tepco aber weiterhin, den Reaktor abzukühlen und die Stromverbindung wiederherzustellen. Wasserwerfer begannen am Freitag, den Reaktor 3 des AKW zu bewässern. Zunächst waren Armeelöschzüge im Einsatz, die Feuerwehr von Tokio rückte zur Verstärkung an. 140 Feuerwehrleute sollen die Armee unterstützen, berichten japanische Medien. Das Wasser soll die Kernschmelze verhindern. Die Brennelemente im Block 3 enthalten hochgiftiges Plutonium.

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Bangen in Fukushima: Zerfetzte Reaktoren, dicker Qualm
Am Abend Ortszeit wurden erste Erfolge vermeldet: "Wir haben das Ziel getroffen", sagte ein Armeesprecher dem Fernsehsender NHK. Auch Regierungssprecher Yukio Edano sprach auf einer Pressekonferenz von Erfolgen. Unter Berufung auf die Betreibergesellschaft Tepco berichteten der TV-Sender NHK und die Nachrichtenagentur Kyodo, die Intensität der radioaktiven Strahlung sei leicht zurückgegangen. Messungen am Westeingang des AKW zufolge sank die Dosis um 17 Zähler auf 292 Mikrosievert pro Stunde. ( Alle aktuellen Informationen im Liveticker)

Zu wenig Wasser in Reaktor 1

Die Kühlversuche per Wasserwerfer sollen laut Edano auch auf Reaktor 1 ausgeweitet werden. Der Regierungssprecher betonte, dass die Lage dort nicht so schlimm wie in Reaktor 3 und 4 sei. In Block 4 drohe das Abklingbecken voller abgebrannter Brennstäbe zu überhitzen und todbringende Strahlung freizusetzen.

Messungen der japanischen Atomaufsicht NISA zeichnen weiterhin ein besorgniserregendes Bild. Demnach ist der Wasserpegel in Reaktor 1 inzwischen derart niedrig, dass er von den Messgeräten nicht mehr eindeutig erfasst werden kann.

Der Atomaufsicht zufolge hat sich die Lage auch in den Reaktoreinheiten 2 und 3 nicht verbessert. Dort lägen die Brennstäbe nach wie vor auf 1,40 Meter beziehungsweise auf bis zu 2,30 Meter Länge frei. Die von der Sprecherin genannten Daten wurden jedoch um acht Uhr Ortszeit gemessen - also vor dem Einsatz der Wasserwerfer.

Ebenfalls besorgniserregend war laut NISA der Temperaturanstieg in den Abklingbecken der Reaktoren 5 und 6. Den Messungen zufolge war die Temperatur in Block 5 im Vergleich zu den acht Stunden zuvor genommenen Werten von 62,7 auf 65,9 Grad Celsius gestiegen. In Einheit 6 wurden nach zuvor 60 Grad Celsius nun 63 Grad gemessen. Tepco erkärte hingegen, in den weitgehend unversehrten Blöcken 5 und 6 sei die Notstromversorgung hergestellt worden.

Mehr als 120 Männer Verstärkung

Neben den Wasserwerfern setzt Tepco auf die Wiederherstellung der Stromversorgung. Die Techniker arbeiten mit Hochdruck an der Verlegung eines Starkstromkabels. Der AKW-Betreiber hofft laut NHK, die Reaktoren 1 und 2 am Samstag mit Strom versorgen zu können. Für Sonntag sei auch ein Anschluss der Reaktoren 3 und 4 an das Stromnetz geplant, teilte ein Sprecher der japanischen Atomsicherheitsbehörde NISA mit. Über den Zustand der Technik in den teilweise völlig zerstörten Reaktorhallen gab es keine genauen Angaben.

Die etwa 200 Männer, die in Fukushima Daiichi im rotierenden Vier-Schichten-System gegen den Super-GAU kämpfen, bekommen Verstärkung. Mehr als 120 Männer seien inzwischen am Ort des Geschehens im Einsatz, darunter auch Spezialisten anderer Atomkonzerne, sagte ein Tepco-Sprecher.

Nach Informationen der "Stuttgarter Nachrichten" hat Japan inzwischen ferngesteuerte Roboter angefragt, um sie in die Atomanlage hineinzulenken. In Deutschland stünden solche Roboter in den kerntechnischen Anlagen zur Verfügung, zitiert die Zeitung den Präsidenten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Christoph Unger. Sobald genaue Anforderungen aus Tokio vorlägen, werde in den Bundesländern nachgefragt, wer solche Roboter liefern könnte, sagte Unger.

Mitarbeiter der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sind auf dem Weg zum Unglücksmeiler, um sich ein Bild vom Ausmaß der Schäden zu machen und die radioaktive Strahlung zu messen. Über die Strahlenbelastung hatte es in den vergangenen Tagen widersprüchliche Angaben von japanischer Seite gegeben. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bleibt das Risiko der Strahlenbelastung nach dem Reaktorunglück lokal begrenzt.

Zahl der Toten steigt auf 6539

Bei dem Erdbeben und dem Tsunami im Nordosten Japans sind mehr Menschen ums Leben gekommen als bei dem Beben in der japanischen Hafenstadt Kobe im Jahr 1995. Nach neuesten Angaben stieg die Zahl der Toten auf 6539, berichtete NHK unter Berufung auf die Polizei. Es wird aber mit weit mehr Toten gerechnet.

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Eine Woche danach: Schweigen für die Toten, Leid bei den Überlebenden
Immer noch werden über 9000 Menschen vermisst. Es gilt als praktisch ausgeschlossen, eine Woche nach dem Unglück noch Opfer lebend aus den Trümmern zu bergen. Bei dem Beben im Raum Kobe kamen 6434 Menschen ums Leben.

Die Folgen von Erdbeben und Wasserwalze, die steigende Atom-Gefahr und Eiseskälte setzen den Überlebenden der Katastrophen immer heftiger zu. Rund 90.000 Rettungsarbeiter, darunter Polizisten und Streitkräfte, sind mittlerweile beteiligt.

Japans Ministerpräsident Naoto Kan besucht möglicherweise am Montag das Katastrophengebiet im Nordosten des Landes. Das deutete Regierungssprecher Yukio Edano am Freitag an.

Schritt für Schritt wird in den zerstörten Gebieten lebenswichtige Infrastruktur wiederhergestellt. Der Tokio Expressway wurde für Rettungsfahrzeuge geöffnet und der überspülte Sendai Airport für Flugzeuge und Helikopter zugänglich gemacht. Es gibt aber immer noch eine große Unterversorgung mit Benzin und nur wenig Transportfahrzeuge.

siu/dpa/dapd

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insgesamt 153 Beiträge
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1. westlich?
wolfgangl, 18.03.2011
So viel zum Thema "So eine Katastrophe wie in Tschernobyl kann in den sicheren westlichen Atomanlagen nicht passieren!"
2. -----
Originalaufnahme 18.03.2011
Zitat von sysopIm Kampf gegen die atomare Katastrophe in Fukushima erwägt der Betreiber Tepco jetzt auch, das Kraftwerk unter Sand und Beton zu begraben. Vorbild wäre der Sarkophag*von Tschernobyl. Noch setzt der Konzern aber auf Wasserwerfer und eine neue Starkstromleitung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751682,00.html
Wie hiess es damals noch so schoen: Eine Katastrophe in Tschernobyl kann in westlichen Atomkraftwerken nicht geschehen. Die Luegner von damals und heute sollten gleich mit in den "Sarkophag". Welch ein unendliches und unbegreifliches Leid!!!
3. Osten ist auf der Karte rechts
Maynemeinung 18.03.2011
Zitat von wolfganglSo viel zum Thema "So eine Katastrophe wie in Tschernobyl kann in den sicheren westlichen Atomanlagen nicht passieren!"
Seit wann ist Japan ein westliches Land?
4.
kein Ideologe 18.03.2011
Zitat von wolfganglSo viel zum Thema "So eine Katastrophe wie in Tschernobyl kann in den sicheren westlichen Atomanlagen nicht passieren!"
aber die Reflexe sind OK. Ich verabschiede mich mal wieder sonst rege ich mich auf. Laolawellen am letzten Wochenende gingen mir schon schwer gegen den Strich, aber es sieht hier ja so aus, als ob einige Extremisten in Partylaune verfallen, wenn es endlich Tote in Tokio gibt. Wohlbemerkt bin ich kein "Verfechter" der Kernenergie, aber mit johlendem Mob will ich nichts zu tun haben.
5. eindeutig und klar
Gebetsmühle 18.03.2011
Zitat von sysopIm Kampf gegen die atomare Katastrophe in Fukushima erwägt der Betreiber Tepco jetzt auch, das Kraftwerk unter Sand und Beton zu begraben. Vorbild wäre der Sarkophag*von Tschernobyl. Noch setzt der Konzern aber auf Wasserwerfer und eine neue Starkstromleitung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751682,00.html
mich wundert, dass überhaupt jemand etwas andres erwogen hat. für mich war nach den meldungen des ersten tages bereits klar, dass dieses atomkraftwerk in einem solchen sarkofag inmitten einer 1000jährigen sperrzone enden wird. das habe ich hier schon vor tagen gepostet. welche andere möglichkeit solle man dann bitteschön sonst haben?
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Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.


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