Atomkraftgegner Jochen Stay Am Ziel? Von wegen!

Ein Leben, eine Mission: Jochen Stay ist von Beruf Atomkraftgegner, seit 26 Jahren streitet er für den Ausstieg. Bedeutet Merkels Energie-Kehrtwende nun, dass er endlich am Ziel ist? Oder gar am Ende? Überhaupt nicht, sagt er - und plant die nächsten Proteste und Blockaden.

dapd

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Hamburg - Wichtig ist Jochen Stay der Punkt. Der Punkt vor dem kleingeschriebenen Wörtchen "ausgestrahlt", also: ".ausgestrahlt". So nennt sich die Organisation, für die er sich mit einem achtköpfigen Team engagiert: gegen Atomenergie und für eine umweltschonende Energieversorgung.

Das Büro liegt in einem Hamburger Hinterhof, in einem von Ahornblättern zugewachsenen Klinkerbau. An einem Fenster grinst die gelbe "Atomkraft, Nein Danke!"-Sonne, das Protestsymbol der Siebziger. Außen eine Treppe hoch, innen eine Treppe hoch und schon steht man auf knallblauem Teppichboden zwischen Flipcharts, Transparenten, Plakatwänden, einem langen Konferenztisch und einem ebenso knallblauen Sofa.

Drei Wochen, nachdem ".ausgestrahlt" hier eingezogen ist, kam es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima zur Kernschmelze und zur erstaunlichen Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik, die so weit geht, dass die schwarz-gelbe Koalition am Ende sogar den politischen Gegner für das Vorhaben gewinnen könnte: Bis 2022 sollen alle Atomkraftwerke vom Netz gegangen sein, das Land baut auf Windparks, Sonne, Gas und Kohle.

Deutschland wird zur atomfreien Zone, das Ende der Restlaufzeiten ist in Sicht. Wenn man der Kanzlerin und ihrer Gefolgschaft Glauben schenken mag.

Jochen Stay müsste also vor Freude durch die stickigen Räume hüpfen. Stattdessen hockt der 45-Jährige an seinem Schreibtisch. Die Schuhe hat er ausgezogen, in schwarzen Socken stapft er durchs Büro.

Die Frage, ob er nun am Ziel sei, nervt ihn. "Bei einem Marathonlauf bleibt doch auch keiner stehen, wenn er an dem Schild ankommt: 'Noch 10 Kilometer'!" Die Frage, wofür man nun noch demonstrieren müsse, verbittet er sich. Es sei ein regelrechtes Phänomen, dass sich nun alle darum sorgten, was Atomkraftgegner nun mit ihrer Zeit anfangen sollen.

Jochen Stay ist noch lange nicht am Ziel.

Also hat er sich erst einmal hingesetzt und den Grünen einen offenen Brief geschrieben: "Ihr sagt von euch, ihr seid die Anti-Atom-Partei. Doch bei einer Zustimmung droht den Grünen das Schicksal einer bekannten Steuersenkungspartei, die die Erwartungen nicht erfüllen konnte." Ende der Durchsage.

Den Grünen gehe es inzwischen nur um ihr Image, kritisiert Stay. Das sei auch ein Grund für ".ausgestrahlt", sich von Parteien grundsätzlich zu distanzieren. "Verlassen kann man sich auf die nicht."

Aber natürlich sollen noch die Kron- und Sektkorken knallen, wenn Bundestag und Bundesrat das Gesetz, Meiler wie Krümmel, Brunsbüttel und Esenshamm stillzulegen, verabschiedet hat. Dann will Stay mit seinem Team und den Bürgerinitiativen an den entsprechenden Standorten feiern - und zwar den Verdienst der Anti-Atom-Bewegung, mit Merkel habe der Beschluss nichts zu tun. Das ist Stay wichtig. "Sie war die Getriebene, wir dagegen sind auf die Straße. Wir haben etwas erreicht!" Das Feiern sei auch wichtig, um den Umsturz der Grundhaltung - "die da oben, wir da unten" und "die machen doch eh was sie wollen" - zu markieren.

"Was macht dein Papa? - Der ist Castor-Gegner"

Jochen Stay lehnt sich zurück, die strümpfigen Füße streckt er weit von sich. Seit 30 Jahren geht er auf die Straße, seit 26 Jahren gehört er zur Anti-Atom-Bewegung. Wer ihn als fanatisch bezeichnet, liegt daneben. Das Gegenteil ist der Fall. "Viele wundern sich, dass ich gemessen an meinem jahrzehntelangen Einsatz so ruhig und ausgeglichen bin", sagt Stay. Er krault sich mit der rechten Hand den grau-braunen Vollbart, seine hellblauen Augen fixieren das Ende der gegenüberliegenden Wand.

Vielleicht gründet seine Lässigkeit darauf, dass Jochen Stay hauptberuflich Atomkraftgegner ist. Aufgewachsen in Mannheim schloss er sich als Teenager der Friedensbewegung an, protestierte erst gegen den Nato-Doppelbeschluss, dann gegen die AKW in der Umgebung - Biblis, Philippsburg, Obrigheim, Neckarwestheim. Erste Erfahrungen hatte er beim Widerstand gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf in der Oberpfalz gesammelt.

Zwei Jahre lang lebte er im Protestcamp in Mutlangen, um das Depot der Pershing-II-Raketen zu blockieren. Bei einer Demo lernte er eine Frau kennen. Für sie zog er 1992 ins Wendland, schloss sich der Initiative "X-tausendmal quer" an.

Nur wenige Semester studierte er Germanistik und Politik, einen Beruf erlernt hat er nie. "Ich habe keinen Abschluss, aber viel über das Leben gelernt", sagt Stay und fährt sich durch sein dichtes, lockiges Haar. Jahrelang unterstützten Weggefährten Stays Engagement und finanzierten seinen Lebensunterhalt. Seit Januar hat er bei ".ausgestrahlt" eine Vollzeitstelle.

In der Szene gilt er als inoffizieller Sprecher der Anti-Atom-Bewegung. Was er nicht sein will: das viel zitierte Urgestein. "Ich bin inzwischen die mittlere Generation", betont Stay mit erhobenem Zeigefinger.

Alternative: Jedes Jahr ein abgeschaltetes AKW

Wenn seine Töchter in der Schule gefragt wurden, was ihr Vater arbeite, antworteten die Mädchen: "Der ist Castor-Gegner." Er selbst sagt, er fühle sich als eine Art Politiker. Ein politischer Mensch mit einer Mission. "Die Atombewegung ist mein Lebensinhalt", resümiert Stay. "Ich kann mir aber auch viele andere schöne Dinge vorstellen, womit ich mein Leben füllen kann."

Stay sagt, er könne auch "wunderbar ohne Anti-Atom-Engagement" leben. Nur momentan stellt sich diese Frage nicht. Vielmehr fühlt er sich weiter angespornt, weil einer Forsa-Umfrage zufolge 56 Prozent der Bevölkerung einen schnelleren Atomausstieg wollen als von der Regierung avisiert.

Für sie springt Jochen Stay nun in die Bresche. Merkels Mehrstufenplan ist für ihn eine Mogelpackung, kein echter Ausstieg: "Es ist nicht der schnellstmögliche Ausstieg, sondern der längstmögliche Weiterbetrieb, von dem Merkel glaubt, sie könne ihn gesellschaftlich gerade noch so durchsetzen."

Richtig freuen - und vielleicht noch mehr entspannen - könnte sich Stay nur über ein komplettes Ende der Risikotechnologie Atomkraft. Wenn es schon einen Stufenplan geben müsse, dann regelmäßig und schneller: Zum Beispiel jedes Jahr ein AKW vom Netz nehmen. In Philippsburg werde nämlich mit der "Kaltreserve" ein Hintertürchen aufgehalten, sagt Stay. Ähnlich sei es bei Block A in Biblis. Die Katastrophe schlechthin sei jedoch, dass die AKW Brokdorf, Gundremmingen, Lingen, Grohnde und Grafenrheinfeld weiterlaufen.

Das ".ausgestrahlt"-Team hat alle deutschen AKW auf einem weißen Fenstersims aufgestellt, kleine, aus Holz geschnitzte Häuser mit Meiler daneben. Mit weißer Farbe steht auf jedem der Name. Die bereits stillgelegten sind mit beige-farbenem Kreppband durchgestrichen. Auf einer Demo konnte man sie wie Dosen auf der Kirmes mit einem Tennisball umwerfen. Fielen sie um, konnte man auf dem Boden lesen: "Abgeschaltet."

Solch spielerische Aktionen gehören zum Protest - und der hört noch lange nicht auf. Darf er nicht! Kann er nicht!

In den nächsten Tagen plant Stay eine Beteiligung an der Blockade am AKW Brokdorf. Am kommenden Montag steht wieder eine Mahnwache an. Ein großes Ding wird der nächste Castor-Transport im November nach Gorleben. Wegen der bevorstehenden Gesetzesregelung zur Endlager-Problematik rechnen die Kernkraftgegner damit, dass sich der Atomkraft-Konflikt wieder mächtig zuspitzen wird.

Stay ist gewappnet. Wenn er eines kann, dann reibungslose Protestaktionen organisieren. "Heutzutage kann man es sich nicht leisten, bei solchen Aktionen zu patzen", sagt der 45-Jährige und zwinkert mit den Augen.

Im Wendland hat Stay mit seinen Gefährten vor sechs Jahren den Namen ".ausgestrahlt" ausgebrütet - schön demokratisch, mit einer Liste auf einem Flipchart. Am Ende blieb der Name mit dem Punkt davor.

Warum nur der Punkt? "Tja, warum?", murmelt Jochen Stay. "Zum einen ist das doch ganz schick, e.on und ver.di schmücken sich damit ja auch. Und zum anderen soll es etwas Entschiedenes haben, so nach dem Motto: Mach mal 'nen Punkt!"

insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
franko_potente 09.06.2011
1. -
Zitat von sysopEin Leben, eine Mission: Jochen Stay ist von Beruf Atomkraftgegner, seit 26 Jahren streitet er für den Ausstieg. Bedeutet Merkels Energie-Kehrtwende nun, dass er endlich am Ziel ist? Oder gar am Ende? Überhaupt nicht,*sagt er*- und plant die nächsten Proteste und Blockaden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,767466,00.html
Nur wenige Semester studierte er Germanistik und Politik, einen Beruf erlernt hat er nie. "Ich habe keinen Abschluss, aber viel über das Leben gelernt", sagt Stay und fährt sich durch sein dichtes, lockiges Haar. Jahrelang unterstützten Weggefährten Stays Engagement und finanzierten seinen Lebensunterhalt. Seit Januar hat er bei ".ausgestrahlt" eine Vollzeitstelle.
Sequester 09.06.2011
2. Alternativen?
Vielleicht sollte er mal bei den 9live-Moderatoren nachfragen, was man dann machen kann. Es ist unglaublich, dass jemand hauptberuflich sein Geld damit verdienen kann, gegen etwas zu sein. Und wenn dann das Ende absehbar ist immer noch dagegen sein. Aber man hat eben nichts anderes gelernt. Es soll ja einen Vergnügungspark in einem ehemaligen Kernkraftwerk geben, vielleicht sollte er da mal nachfragen. Genügend Authentizität sollte ja vorhanden sein und vielleicht braucht die Folklore-Truppe noch etwas Verstärkung.
jberner 09.06.2011
3. .
Bitte: Was sind "strümpfige Füße"? Und was ist daran wichtig, daß Herrn Stay Füße bestrumpft sind? Und was ist das "Ende der gegenüberliegenden Wand", das Herr Stay "fixiert"? Sollte er wohl als nicht ganz von dieser Welt dargestellt werden? Und wie springt jemand in die "Presche"? Ist er völlig von dieser Welt? Man wird den Eindruck nicht los, daß dies kein Portrait ist, sondern eine Denunziation. Herrn Stays Position hätte durchaus auch als durchaus gemäßigt im Vergleich zum alltäglichen Wachstumswahn dargestellen werden können. So wird ein Aktivistenclown aus ihm gemacht.
henrytheeighth 09.06.2011
4. Berufsdemonstranten
Und dann darf man diese Leute nicht so nennen? Wenn die KKWs abgeschaltet sind, dann steht er eben vor Kohlekraftwerken und agitiert gegen diese Industrie und am Ende steht er auch vor den Windanlagen, weil die Krach machen und Vögel zerschreddern. Zerstören als Lebensinhalt. Tja, wenn man sonst nichts gelernt hat. Viel schlimmer ist, dass man überhaupt auf diese Spinner hört.
zulu1980 09.06.2011
5. richtig
Zitat von henrytheeighthUnd dann darf man diese Leute nicht so nennen? Wenn die KKWs abgeschaltet sind, dann steht er eben vor Kohlekraftwerken und agitiert gegen diese Industrie und am Ende steht er auch vor den Windanlagen, weil die Krach machen und Vögel zerschreddern. Zerstören als Lebensinhalt. Tja, wenn man sonst nichts gelernt hat. Viel schlimmer ist, dass man überhaupt auf diese Spinner hört.
das sind genau die leute die sich auf den meriten anderer ihr leben lang ausruhen und prinzipiell gegen alles sind. heute atomkraft, morgen genmais, übermorgen was weiss ich denn.
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