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Atomunfall in Fukushima: Druck in Reaktor 3 steigt unkontrolliert

Dramatische Nachrichten aus dem AKW Fukushima: Der Druck in Reaktor 3 steigt, ein Ventil zur Regulierung ist defekt, die Gefahr einer Explosion wächst. Auch der Pegel des Kühlwassers kann nicht gemessen werden. Zehn aus Deutschland stammende Techniker arbeiteten im Unglücks-AKW.

Tsunami-Folgen: Kernschmelze in Fukushima Fotos
DPA

Tokio - Das Erdbeben und der anschließende Tsunami in Japan haben die Atomindustrie dort schwer getroffen. Zehn Reaktoren stehen an der Küste in Fukushima, fünf haben Probleme mit der Kühlung (mehr im Liveticker). Im Kraftwerk Fukushima I ist es nach Angaben der Regierung in zwei Reaktoren "höchstwahrscheinlich" zu einer Kernschmelze gekommen. Block 1 und 3 des Kraftwerks werden nun mit Meerwasser gekühlt, nachdem die Brennstäbe wegen nicht funktionierender Kühlsysteme schon teilweise freilagen. Am Samstag war das Gebäude von Block 1 explodiert.

Die Kraftwerksbetreiber versuchen nun, eine ähnliche Explosion in Block 3 zu verhindern. Auch dort bildete sich in Folge der freiliegenden Brennstäbe Wasserstoff. Wegen defekter Überdruckventile an dem Reaktor wissen die Techniker derzeit nicht, wieviel Wasser die Brennstäbe in dem Druckbehälter noch umgibt. Sicher ist nur: Der Druck steigt, und damit die Möglichkeit einer folgenschweren Explosion.

Die 40 Jahre alten Reaktoren werden durch das Einleiten von salzigem Wasser nach Ansicht von Experten dauerhaft beschädigt. In dem Atomkraftwerk Fukushima II, zwölf Kilometer entfernt, sind drei Reaktorblöcke ohne funktionierende Kühlung.

Zehn Techniker aus Deutschland waren in Block 4 von Fukushima I mit Wartungsarbeiten beschäftigt, als am Freitagmorgen ein Erdbeben der Stärke neun auf der Richterskala Japans Ostküste erschütterte. Dieser Block war für die Arbeiten abgeschaltet worden. Ein Areva-Sprecher erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, die zehn Angestellten des Konzerns seien schon am Freitag, unmittelbar nach dem ersten Beben, in Sicherheit gebracht worden. Die Fachleute aus Deutschland seien zum Zeitpunkt der Explosion in dem Gebäude um Reaktor 1 des Kraftwerkes also bereits nicht mehr vor Ort gewesen.

Wo sie sich derzeit genau aufhielten, sei jedoch unklar, man habe im Moment "keinen direkten Kontakt zu den Kollegen". Sie sollten "baldmöglichst" nach Deutschland ausgeflogen werden.

Das Team aus Deutschland sei in dem Kraftwerk eingesetzt gewesen, um Werkstoffe zu prüfen, erklärte der Sprecher. Solche mit Hilfe von Ultraschall durchgeführten Materialprüfungen kämen auch in anderen Industrien zum Einsatz, beispielsweise der Luftfahrtindustrie. Areva biete solche sogenannten zerstörungsfreien Prüfverfahren als Dienstleistung für diverse Branchen an.

Atomkraftwerke in Japan: Mitten in der Erdbebenzone Zur Großansicht
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Atomkraftwerke in Japan: Mitten in der Erdbebenzone

Der Tsunami hatte offenbar die Dieselgeneratoren beschädigt, die das Kraftwerk im Notfall mit Strom versorgen sollen. Als Folge fielen Kühlanlagen aus. Die Temperatur in den Reaktorkernen stieg daraufhin an. Die Betreiber entschlossen sich deshalb, radioaktiven Dampf abzulassen, um den Druck zu verringern. Bisher wehte der Wind die radioaktiven Wolken auf das offene Meer. Am Samstagmorgen kam es zu einer Explosion in Block 1. Die Betreibergesellschaft Tokyo Electric Power (Tepco) versicherte, dass der Schutzmantel des Reaktorkerns dabei nicht beschädigt worden sei.

Die japanische Atomaufsicht stufte den Vorfall als "Unfall" der Stufe vier auf der internationalen Bewertungsskala von null bis sieben ein. Mit einem Gemisch aus Meerwasser und Borsäure wird seit Samstag versucht, den Reaktor herunterzukühlen. Am Sonntag wiederholte sich die Katastrophe offenbar in Block 3. Die Brennstäbe in dem Reaktor seien eine Zeitlang nicht von Wasser bedeckt gewesen, sagte ein Regierungssprecher. "Es kann sein, dass es eine geringe Kernschmelze gab." Um Druck von dem überhitzten Reaktor zu nehmen, soll Dampf abgelassen werden.

In dem Gebäude von Block 3 habe sich, wie zuvor in Block 1, Wasserstoff angesammelt. "Wir können nicht ausschließen, dass sich im Bereich des Reaktors 3 wegen einer möglichen Ansammlung von Wasserstoff eine Explosion ereignen könnte", sagte Regierungssprecher Edano. Sollte dies eintreten, werde dies aber "kein Problem" für den Reaktor bedeuten.

Es gebe auch keine Notwendigkeit neuer Evakuierungsmaßnahmen, sagte Edano. Kurzzeitig seien erhöhte Strahlenwerte gemessen worden. Bis zu 160 Menschen, darunter 60 Senioren und medizinisches Personal, das in der Nähe von Futabe auf einen Transport gewartet hatte, könnten verstrahlt worden sein, sagte ein Sprecher der Atomenergiebehörde.

In der Nähe des Kraftwerks Fukushima seien 19 Personen verstrahlt worden, meldet die Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntagmorgen. Aus einem Gebiet von 20 Kilometern um das Kernkraftwerk, das etwa 270 Kilometer nördlich von Tokio liegt, wurden inzwischen rund 210.000 Menschen in Sicherheitgebracht.

Dampfablassen in zweitem Fukushima-Kraftwerk

In dem Kraftwerk Fukushima II wollen die Experten Sicherheitsventile öffnen und Dampf ablassen, um den Druck in drei überhitzten Reaktoren zu senken. Ein Mitarbeiter der Atomaufsichtsbehörde sagte, die Vorbereitungen für die Entlastungsaktion seien im Gange. Die Temperatur und der Druck in den Reaktoren sei derzeit "etwas hoch". Hintergrund sind Probleme mit dem Kühlsystem. "Das Hauptkühlsystem, eine Pumpe die normalerweise Meerwasser in die Anlage pumpt, ist teilweise ausgefallen."

Der international tätige Atomexperte Mycle Schneider erklärte dazu, das Dampfablassen sei "eine Notlösung. Dann beginne ein Jojo-Effekt: "Die Temperatur im Druckbehälter steigt, also wird Meerwasser hinein gepumpt. Das verdampft durch die Hitze des Kernbrennstoffs und erhöht damit den Druck im System. Also muss der radioaktive Dampf abgelassen werden, was die Menge an Kühlwasser reduziert. Daraufhin steigt die Temperatur im Druckbehälter wieder und es muss erneut Meerwasser hineingepumpt werden."

Wenn dies aufgrund ausfallender Pumpen nicht möglich sei, sagte Schneider, "ist man in einer ähnlichen Situation wie zuvor in der Anlage Fukushima I".

Stark erhöhte Strahlung in weiterer Provinz

Auch in der nordöstlichen japanischen Provinz Miyagi haben Atomexperten eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Das meldete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf die Betreibergesellschaft Tohoku. Dort steht das AKW Onagawa. Ein Sprecher des Unternehmen sagte, die Reaktoren in der Region seien stabil. Man gehe davon aus, dass die erhöhte Radioaktivität nicht von dem Reaktor des AKW Onagawa stamme.

Es bestünden keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, hieß es. Experten vermuten, dass der Wind Radioaktivität aus der Provinz Fukushima herübergeweht habe.

Rund 200 vom Tsunami betroffene Menschen hätten sich auf das Gelände des Kernkraftwerks in Sicherheit gebracht, berichtet der öffentlich-rechtliche Sender NHK. Die Strahlungsintensität betrage innerhalb der Gebäude 10 Mikrosievert in der Stunde und stelle keine unmittelbare Gefahr da. Außerhalb der Anlage wurden 21 Mikrosievert gemessen.

Aktuelle Entwicklungen im Live-Ticker

cis/ore/dapd

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SPIEGEL ONLINE/ The Tokyo Electric Power Company

Karte: AKW Fukushima I

Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.


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