Attentat in Connecticut "Wir sind noch nicht zum Trauern gekommen"

Teddybären türmen sich, Blumen, Kerzen. Die Menschen in Newtown versuchen, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen - doch Ohnmacht und Hilflosigkeit bleiben. Die 20 Minuten des Amoklaufs haben aus dem Stadtteil Sandy Hook einen anderen Ort gemacht.

Aus Newtown berichtet

AFP

Patricia, 44, blond und Mutter von drei Kindern, ist eine von wenigen Tausenden. Sie ist Bewohnerin von Sandy Hook, einem idyllischen Dorf und Teil der Stadt Newtown. In Sandy Hook erschoss an diesem Freitag der 20-jährige Adam Lanza 20 Erstklässler, sechs Schulangestellte, seine Mutter und sich selbst. Etwa 20 Minuten wütete er in der Grundschule. 20 Minuten, die aus Sandy Hook einen anderen Ort machten.

Das Dorf gehörte zu den sichersten Amerikas. Es gleicht auf dem ersten Blick einem Urlaubsparadies: Holzhäuser verteilen sich über mehrere Hügel, verbunden werden sie von Sträßchen, die durch Wälder führen.

Doch Sandy Hook ist nicht länger Idyll. Das Leben im Dorf dreht sich um die Toten.

An jeder Straßenkreuzung, vor jeder Kirche stapeln sich Teddybären und Blumensträuße. Kerzen und Engelsfiguren wurden im Gedenken an die Ermordeten aufgestellt. Sie vermischen sich mit der Weihnachtsdekoration, die die Anwohner vor dem Attentat aufhängten.

Ansturm der Journalisten

Patricia hat die Tragödie tief erschüttert. Sie war seit Freitag jeden Tag bei einer Trauerfeier. Auch an der ersten Beerdigung eines der erschossenen Kinder am Montag möchte sie teilnehmen. Sie sagt von sich selbst, dass sie nicht zu den persönlich Betroffenen gehört. Doch was heißt das schon, in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt?

Ihre älteste Tochter ging mit Lanza zur Schule. Sie waren in derselben Klasse. "Meine Tochter sagt mir, sie hat mit ihm nie ein Wort gewechselt. Sie hat über ihn nichts zu sagen." Dennoch rufen bei der Tochter ständig Journalisten an. Ein Mitschüler hat die Nummern der ganzen Klasse weitergereicht.

Patricias zweite Tochter war die Babysitterin einer der erschossenen Erstklässlerinnen. Auch Patricia kannte das Mädchen. Wenn man sie fragt, wie sie mit seinem Tod umgeht, sagt sie: "Wir sind noch nicht zum Trauern gekommen."

Als der erste Schock überwunden war, wurde es für die Menschen in Sandy Hook nicht besser. Das Rampenlicht wurde angeschaltet, seit drei Tagen berichten die US-Nachrichtensender rund um die Uhr live. Zehntausende Menschen aus der Umgebung reisten am Wochenende an, um ihr Beileid auszudrücken. "Ich kann das alles nicht mehr", sagt Patricia. "Ich schalte immer wieder ein, und dann wechsle ich nach fünf Minuten auf den Filme-Sender."

"Wie soll ich mein Kind schützen?"

Patricia hat Angst, wie sich das Massaker auf ihre Familie auswirken könnte. Ihr Sohn hat das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, von der gemutmaßt wird, auch Attentäter Lanza habe unter ihr gelitten. "Ich habe Angst, dass alle anfangen, die Tat auf die Erkrankung zurückzuführen." Dabei hat Asperger nichts mit erhöhter Gewaltbereitschaft zu tun. "Mein Sohn wird in Sandy Hook immer schräg angeschaut werden", fürchtet Patricia.

Ihr einziges Enkelkind ist erst 14 Monate alt. Doch schon jetzt macht sich Patricia Sorgen, wie sie das Kind schützen soll, wenn es einmal zur Schule geht. "Wie soll ich meinem Enkel beibringen, dass er mit so etwas rechnen muss? Wie soll ich ihm beibringen, wie man sich in einer solchen Situation verhält?"

Sie sagt, man müsse heutzutage mit einem derartigen Massaker jederzeit und überall rechnen. Bis vor drei Tagen hätte sie es wohl für unmöglich gehalten, dass so etwas jemals in ihrem Dorf passieren könnte. Doch die Realität lehrt sie nun etwas anderes.

An diesem Montag werden die ersten Opfer des Amoklaufs beigesetzt. Der sechsjährige Jack Pinto wird begraben, Sportskanone und Fan des American Football Teams "New York Giants", und der sechsjährige Noah Pozner, dessen Zwillingsschwester das Massaker in einem anderen Klassenzimmer überlebte. In den kommenden Tagen werden auch die anderen Opfer bestattet.

Die Tragödie hat Sandy Hook über Nacht zu einem Synonym des Grauens werden lassen, wie Littleton oder Winnenden. Patricia hofft, dass sich die schmerzhaften Erinnerungen schrittweise wieder ausradieren lassen. "Wir werden die Sandy-Hook-Schule schließen", sagt sie. "Diese Schule soll nie wieder ein Kind betreten müssen."

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.