Attentat vom 20. Juli 1944 Blutrache an den Kindern der Verschwörer

Nach dem missglückten Attentat auf Hitler haben die Nazis nicht nur die Verschwörer gejagt und getötet. Auch ihre Frauen, Geschwister und Eltern wurden ins Gefängnis oder KZ gesteckt, die Kinder heimlich in ein abgelegenes Heim im Harz verfrachtet. Ein alliierter Bombenangriff rettete einigen kurz vor Kriegsende das Leben.

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Kinderheim in Bad Sachsa: "Abends war es schlimm."
Verlag E.S. Mittler& Sohn

Kinderheim in Bad Sachsa: "Abends war es schlimm."

Hamburg - Dunkel und drohend stehen sie da am Waldrand. Die Wände aus fast schwarzem Holz. Die dunkelroten Dächer weit heruntergezogen - wie ein Hut, der ein Gesicht verbergen soll. 70 Jahre sind die Häuser bald alt. Und wenn sie sprechen könnten, würden sie vor allem von einem berichten: dem Heimweh ihrer Bewohner. Denn bei der wechselvollen Geschichte dieser zehn Häuser blieb doch eines immer gleich. Über Jahrzehnte hinweg waren hier Kinder weit weg von ihren Familien, weit weg von Zuhause untergebracht.

"Abends war es schlimm. Das Heimweh kam, wenn wir vor dem Zubettgehen deutsche Lieder singen mussten", erzählt Alfred von Hofacker über seine Zeit in diesen Häusern bei Bad Sachsa. "Bis heute berührt mich Musik sehr stark." 69 Jahre ist der große, hagere Mann heute alt. Die Haare: längst schlohweiß. Die Zeit hat von der Nase bis zu den Mundwinkeln tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Doch in den hellblau blitzenden Augen meint man manchmal den Neunjährigen noch zu erkennen, wenn er von damals erzählt, von den neun Monaten, die er mit den anderen Kindern der Attentäter vom 20. Juli 1944 im Borntal verbracht hat.

Alfred von Hofacker: Mit neun Jahren in Sippenhaft
SPIEGEL ONLINE

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46 Kinder waren es, die die Nazis im Sommer 1944 hierher brachten. Ihre Eltern trugen Namen wie von Stauffenberg, von Tresckow, Goerdeler oder eben von Hofacker. Das jüngste Kind war die zehn Tage alte Dagmar Hansen, das älteste der 15-jährige Wilhelm Graf von Schwerin. Nur einige wenige von den älteren Kindern wussten überhaupt, was ihre Väter getan hatten, warum sie hier festgehalten wurden.

Ausgedacht hatte sich die perfide Strafe der Sippenhaft der zweitmächtigste Mann im Staat: Reichsführer SS Heinrich Himmler.

Auf einer Gauleitertagung in Posen am 3. August 1944 hielt er eine flammende, zweistündige Rede, in der er seinem aufgestauten Hass gegen die Wehrmacht, die sich seinem Zugriff entzog, freie Fahrt ließ. Die Ansprache war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und so zügelte er sich nicht. Den versammelten Nazi-Führern berichtete er von der Einführung der Sippenhaft und dass sie bereits umgesetzt werde. Seine Begründung: Wenn erfolgreiche Offiziere eine Dotation erhielten, profitiere ja auch die ganze Familie. "Wenn wir das nach der positiven Seite tun, sind wir meines Erachtens absolut verpflichtet, es ebenso nach der negativen Seite zu tun." Diese Sitte sei schon sehr alt. "Sie brauchen bloß die germanischen Sagas nachzulesen. Bei der Blutrache wurde ausgelöscht bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe." Und unter dem Beifall der versammelten Gauleiter fügte er hinzu: "Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied."

Alle beteiligten Familien sollten um Hab und Gut und Leben gebracht werden. "Wenn man jetzt 30 oder 40 solcher Güter einzieht", schwärmte er, "dann werden wir so etwas an Treue und Loyalität erleben!"

KZ-Haft für die Älteren

Doch bis zur letzten Konsequenz setzten selbst die Nationalsozialisten die Sippenhaft nicht um. Frauen, Kinder über 15 Jahre, Eltern, Geschwister wurden nicht ermordet, aber ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager gesteckt - separat von den übrigen Inhaftierten. Die jüngeren Kinder von Gestapo-Leuten nach Bad Sachsa verschleppt.

Schlafsaal in Haus Nummer zwei: Geständnisse unter der Bettdecke

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Ein Bremer Kaufmann hatte die Häuseransammlung 1935 etwas außerhalb der Kleinstadt im Südharz als Erholungsheim für Arbeiterkinder gebaut. Nur ein Jahr später wurde der Besitz enteignet, und der Gau Weser-Ems ließ Kinder dort in der Sommerfrische Fahnenappelle exerzieren. Als der Nachwuchs der Verschwörer dort im Sommer 1944 eintraf, stand das Heim leer. Die "Sonderbelegung", wie es in den Akten hieß, begann.

"Mit kurzem 'Heil Hitler' wurden wir im Büro begrüßt, dann kamen drei Kindergärtnerinnen, und jede nahm einen von uns mit. Wir waren getrennt worden", beschrieb die damals zwölfjährige Christa von Hofacker die Ankunft in ihrem Tagebuch. Die Gestapo hatte sie gemeinsam mit ihrem neunjährigen Bruder Alfred und der sechsjährigen Liselotte am 24. August 1944 von Zuhause abgeholt. Ihr Vater, der Luftwaffenoffizier Cäsar von Hofacker, Cousin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Kopf des Putsches in Paris, war da schon seit vier Wochen verhaftet. Auch die Mutter, Ilse-Lotte, und die beiden ältesten der fünf Kinder, Eberhard und Anna-Louise, saßen schon seit dem 30. Juli im KZ; zunächst in Stutthof, dann in Buchenwald und schließlich in Dachau.

Für die Familie war innerhalb von wenigen Wochen ihre relativ heile Welt komplett zusammengebrochen. Das unbeschwerte Leben nahe dem Chiemsee fernab aller Bombenangriffe - vorbei.

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Wie die Kinder der meisten Mitglieder des Verschwörer-Kreises, wussten sie nichts von den gefährlichen Plänen des Vaters. Ihre Eltern ließen sie unauffällig in die Hitler-Jugend eintreten und Fähnchen schwingen. "Ich glaubte an den Endsieg und wurde mehr oder weniger zu einem kleinen Nazi", so etwa der Stauffenberg-Sohn Berthold.

Bei Hofackers zuhause versammelte sich die Familie abends vor dem Radio, um dem Wehrmachtsbericht zu lauschen. "Der hatte einen Stellenwert wie heute die Tagesschau", sagt Alfred von Hofacker. "Man saß vor seinem kleinen Volksempfänger, und mein großer Bruder hatte so eine Landkarte, wo der Frontverlauf immer mit kleinen Fähnchen nachgezeichnet wurde."

Feuer im Garten am 20. Juli

An den 20. Juli kann sich Alfred von Hofacker auch 60 Jahre danach noch deutlich erinnern: "Es war ein herrlicher Sommertag, und wir hatten den ganzen Tag im See gebadet." Vor dem allabendlichen Wehrmachtsbericht aber tönte aus dem Volksempfänger überraschend eine Sondermeldung: Verräter hätten versucht, den Führer umzubringen. "Plötzlich stand meine Mutter auf und ging in ihr Zimmer. Das nächste, was ich sah, war, dass sie im Garten ein Feuer entzündete, was ganz und gar ungewöhnlich war." Sie verbrannte jene Briefe ihres Mannes, deren Inhalt gefährlich werden könnte.

Dann zog die Mutter ihre drei ältesten ins Vertrauen und erzählte ihnen, dass Hitler-Attentäter Stauffenberg ein Verwandter - und ihr Vater ebenfalls in den Putsch verwickelt sei. Ein Schock. "Wir hatten die gleichen Feindbilder wie alle anderen auch und plötzlich diese Nachricht. Das war eine Botschaft, mit der meine älteren Geschwister nur schwer umgehen konnten", sagt von Hofacker. Die beiden jüngeren verstanden überhaupt nicht, was in den nächsten Tagen geschah. Warum zunächst die Mutter und die älteren Geschwister abgeholt wurden und sie selbst schließlich weit weg von Zuhause ins Kinderheim bei Bad Sachsa deportiert wurden.



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