"Costa Concordia" im Auftrieb: "Zehn Zentimeter!"

Aus Giglio berichtet

Ganz Giglio starrt wie gebannt auf die sich langsam aus dem Wasser hebende "Costa Concordia". Ungläubigkeit und Freude sind groß, für Jubel ist es noch zu früh. Unter den Beobachtern ist auch Kevin Ribello. Er sucht noch immer nach der Leiche seines Bruders. Verfolgen Sie hier live die Bergung des Schiffes.

Und sie bewegt sich doch: Auf Giglio sind alle Augen auf die "Costa Concordia" gerichtet. Im Wohnzimmer der Familie Muti laufen Fernseher und Radio gleichzeitig, wird im Internet gecheckt, wie viele Millimeter das Wrack bereits in Richtung Vertikale zurückgelegt hat. Freunde, Bekannte, drei Generationen sind versammelt, telefonieren und kommentieren das Ereignis. Um das Wrack zu beobachten, müssen sie eigentlich nicht auf Bildschirme schauen: Sie sehen es, wenn sie aus dem Fenster schauen.

"Das ist so aufregend", ruft Großmutter Rosalba. "Zehn Zentimeter!" Alle hier hoffen, dass die Techniker und Ingenieure Erfolg haben werden bei ihrem schwierigen Versuch, das havarierte Kreuzfahrtschiff um 65 Grad aufzurichten. Tatsächlich war etwa zwei Stunden nach Beginn der Operation unterhalb der Fensterfront zwischen Brücke vier und fünf Rost zu sehen - ein klarer Farbunterschied, der die ursprüngliche Wasserlinie markierte.

Nachdem Hydraulikzylinder auf Unterwasserplattformen die Stahlleinen angezogen haben, soll nun langsam Wasser in die mehr als 30 Meter tiefen Container gepumpt werden, die an der Backbordseite montiert wurden. Ihr Gewicht soll die Rotationsbewegung unterstützen.

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Bergung der "Costa Concordia": Kolossale Aufgabe
Umrahmt von knallroten Ölfiltern liegt das Wrack der "Costa Concordia" am Mittag im gleißenden Sonnenlicht. Das Wasser ist stahlblau und türkis, 22 Schiffe und acht Schleppkähne schaukeln auf kleinen Wellen wie Spielzeugboote. Auf einem Schleppkahn in Bugnähe beobachtet ein Techniker-Team über mehrere Bildschirme das Geschehen. Auf dem Schiff selbst sind Kameras und Mikrofone installiert, die Daten an Kontrollzentrum und Hauptquartier an Land senden, wo Projektleiter Franco Porcellacchia sie analysiert (lesen Sie hier ein Interview mit Porcellacchia).

Es gibt außerdem Unterwasserkameras, die den Austritt von Wasser und Schadstoffen aus dem Wrack dokumentieren. Muss damit gerechnet werden, dass Schwefelwasserstoff austritt? Porcellacchia gibt sich bedeckt. "Wir kontrollieren das ständig, derzeit gibt es keine Hinweise auf erhöhte Werte." Geschätzte 80.000 Kubikmeter Wasser werden beim Parbuckling aus dem Wrack entweichen. Besondere Sorge bereiten Umweltexperten die darin enthaltenen Schwermetalle, aber auch organische Substanzen und Öl, das nicht komplett abgepumpt werden konnte.

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"Costa Concordia": Es geht aufwärts
Doch Ingenieur Sergio Girotto verbreitete bereits am Mittag frohe Kunde: "Das Schiff hat sich vom Felsen gelöst", sagte er. Von Anfang an habe sich das Wrack bewegt. Der Umweltingenieur Marcello Luschi sagte dem Sender Sky TG24, die schwierigste Phase der Aufrichtung - die Loslösung des Schiffes von den Felsen - sei nun überstanden. Die Drehung dürfte seinen Angaben zufolge nun schneller vorankommen als zu Beginn.

"Alle Vorhersagen und Berechnungen haben sich bis jetzt als richtig erwiesen", sagte Ingenieur Girotto. Auch seine Kollegin, die die Operation unter Sicherheitsaspekten überwacht, sei derzeit "arbeitslos". Unter den anwesenden Journalisten bricht Gelächter aus, aber man spürt wie im ganzen Dorf auch eine gewisse Erleichterung, wenn auch unter Vorbehalt.

"Mein Bruder ist als Held gestorben"

Doch nicht alle teilen die Erleichterung. 32 Menschen starben bei der Havarie des Schiffes, die Überreste von zwei Opfern wurden bislang immer noch nicht gefunden. Auch auf der Pressekonferenz bleibt die Frage nach dem Verbleib der Leichen der Sizilianerin Maria Grazia Trecarichi und des aus Indien stammenden Russel Rebello noch unbeantwortet.

"Ich mache mir keine Illusionen", sagt Rebellos Bruder Kevin SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Ich weiß, dass von ihm vermutlich nicht mehr viel übrig ist. Aber ich möchte die Sache so gern abschließen können."

Kevin ist gläubig, katholisch, und will Russel endlich "anständig begraben". Er verfolgt die Aufrichtung im Livestream, erhält laufend Informationen von der Insel. Seine Gefühle angesichts der aus dem Wasser auftauchenden "Costa Concordia" kann er kaum beschreiben. Russel arbeitete als Kellner auf dem Schiff, hatte Zeugen zufolge vielen Passagieren in der Notsituation geholfen. Sein Bruder blieb nach der Havarie drei Monate auf Giglio. Er wartete. Aber Russel blieb vermisst.

Irgendwann nahm er sogar Kontakt zu dem Unglückskapitän Francesco Schettino auf, weil er mit ihm über den Bruder sprechen konnte. Auch heute hegt Kevin keinen Groll gegen den mutmaßlichen Verursacher der Katastrophe: "Wer bin ich, ihn zu richten?" Es sei wahrscheinlich, dass der Capitano nicht der einzige Verantwortliche sei. Kevin hat sich mit dem Schicksal versöhnt. "Mein Bruder ist als Held gestorben. Er hat viele Leben gerettet."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. In Deutschland
tembel 16.09.2013
Zitat von sysopGanz Giglio starrt wie gebannt auf die sich langsam aus dem Wasser hebende "Costa Concordia". Ungläubigkeit und Freude sind groß, für Jubel ist es noch zu früh. Unter den Beobachtern ist auch Kevin Ribello. Er sucht noch immer nach der Leiche seines Bruders. Verfolgen Sie hier live die Bergung des Schiffes. Aufrichtung der Costa Concordia vor Giglio kommt voran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/aufrichtung-der-costa-concordia-vor-giglio-kommt-voran-a-922503.html)
Eine anerkennswerte Leistung, Bravo italienische Ingenieure: In Deutschland würden wir heute noch darüber diskutieren, wie Umweltschützer am besten die Muscheln vor dem Austrocknen bewahren können, wenn das Schiff sich aufrichtet. Der Projektleiter, ein Herr Medorni, hätte bereits alle Angestellten entlassen, um das Projekt börsenfähig zu machen. Das ursprüngliche Bergungsprojekt wäre längst in den Hintergrund getreten und einer öffentlichen Kakophonie über den Unsinn von Kreuzfahrtreisen gewichen.
2. 10 cm - oder aufgerichtet in 12 Stunden ... ?
susiwolf 16.09.2013
Das Zeitfenster ist 'bekannt' ... Bekannt ist allerdings noch nicht w-a-n-n die Vertikale erreicht worden ist. Das wird sicherlich noch ein Treiben bis spät in die Nacht werden. Klare Erkenntnisse in der Morgendämmerung ... das wird erst richtig spannend.
3.
bafibo 16.09.2013
Angesichts der gigantischen Aufbauten auf einem vergleichsweise zierlichen Rumpf fragt man sich, warum Kreuzfahrtschiffe nicht längst als Katamarane konstruiert werden, da im Gegensatz zu Frachtschiffen hier die Hauptmasse oberhalb der Wasserlinie zu liegen scheint. Nicht daß Katamarane unsinkbar wären, aber die Kippgefahr wäre doch erheblich geringer. Oder sind ganz einfach unsere Werften nicht auf solche Trumms eingerichtet?
4. Nicht so ganz..
wdiwdi 16.09.2013
Zitat von tembelEine anerkennswerte Leistung, Bravo italienische Ingenieure:
Der Bergungsplan kommt von der US-Firma Titan Salvage. Sie arbeiten zwar mit der italienischen Firma Micoperi in der praktischen Umsetzung zusammen, aber der grundlegende Plan ist nicht italienisch. Aber man sollte bei solchen internationalen Anstrengungen nationalistische Aspekte ohnehin heraus lassen, finde ich.
5. optional
oldsaxon 16.09.2013
Dieser Kahn wird sich sicherlich nicht so schnell aufrichten wie eine Quietsche-Ente, trotzdem geht es relativ schnell. Eine hervorragende Leistung!
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