Augenzeugenbericht aus Tokio Plötzlich ist Angst da

Das Erdbeben in Japan hat dem Land einen Schock versetzt: Auch in vom Tsunami verschonten Gebieten hat es die Menschen aus dem Alltag gerissen. Maren Bekker und Alexander Dluzak haben den Katastrophentag in Tokio erlebt - ein Erfahrungsbericht aus der erschütterten Metropole.


Tokio, 30 Sekunden vor dem Beben. Im "Kitty", einem Café, in das tierliebe Japaner gehen, um zum Milchkaffee mit einem Kätzchen zu schmusen, bricht das Chaos aus. Etwa zehn Siamkatzen und Perserkater rasen mit aufgestelltem Nackenhaar durch das Café. Gläser kippen um, Vasen zerbrechen, Kinder heulen.

Scheinbar grundlose Raserei, doch das Gespür der Katzen hat nur vorweggenommen, was uns Menschen kurz darauf schlagartig bewusst wird - ein Erdbeben. Es knallt, dann fängt alles an zu wackeln. Aus den Erschütterungen werden nach etwa einer Minute wellenartige Bewegungen. Sie scheinen unter dem Straßenbelag entlangzufließen, die Häuser in der Straße beginnen, im Takt der Wellen mitzuschwingen.

Am Anfang ist man einfach nur ergriffen, es wirkt eher wie ein Naturschauspiel als wie eine reale Gefahr. Doch dann begreift man: Es ist ein Erdbeben.

Plötzlich ist Angst da.

Wohin jetzt? In die Mitte der Straße und dort von einem der bedrohlich wackelnden Strommasten erschlagen werden? Oder doch lieber unter dem schwankenden Vordach des Katzencafés bleiben? Das scheinen auch die Japaner nicht zu wissen. Ihnen wird schon im Kindergarten eingetrichtert, wie sie sich bei einem Erdbeben zu verhalten haben. Aber jetzt scheinen sie auch hilflos zu sein.

Die einen kreischend, der andere ungerührt

Während sich eine Gruppe Küchenhilfen in blauen Arbeitskitteln vor einem Restaurant auf der anderen Straßenseite kreischend aneinanderkrallt, läuft ein junger Mann mit iPod-Stöpseln in den Ohren scheinbar ungerührt an uns vorbei. Aus dem Eingang hinter uns tritt ein anderer Mann auf die Straße, er schaut uns an, macht kehrt und kommt kurz darauf mit einer großformatigen Spiegelreflexkamera zurück. Sekunden später hat er auch schon eine ganze Serie Bilder von den blassen Ausländern unter dem schwankenden Vordach des Katzencafés geschossen.

Dann ist das Beben vorbei. Große Schäden sind nicht zu sehen, keine eingestürzten Gebäude oder brennende Gasleitungen, hier und da sind in den Geschäften Regale umgekippt, vor einem Gemüseladen sammelt ein Verkäufer Orangen vom Asphalt auf. Kellner decken ungerührt die Restaurant Tische neu ein.

Nur Minuten nach dem Beben ist die Dramatik verflogen. Aber war es das jetzt wirklich schon? Folgt nicht auf jedes Erdbeben eine Kette von Nachbeben? Wir wollen schnell nach Hause, laufen Richtung Bahnhof. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, Japaner sitzen zeitunglesend in Cafés - als wäre nichts geschehen.

Ein Sportplatz verspricht Sicherheit

Doch dann geht es plötzlich wieder los. Die Erde bebt, die Häuser schwanken, nicht so stark wie beim ersten Mal, aber immer noch bedrohlich. Ein Japaner spricht uns an: "Wo wollt ihr hin?" Von uns kommt nur hektisches Schulterzucken. "Geht dort rüber, da seid ihr sicher." Mit ausgestrecktem Arm deutet er auf ein großes weißes Gebäude, dahinter ein Sportplatz. Noch nie zuvor hat ein Sportplatz so viel Sicherheit ausgestrahlt. Eine große freie Rasenfläche, auf der gut drei Fußballspiele parallel stattfinden könnten. Die umliegenden Schulgebäude und der nächste Telegrafenmast steht weit entfernt.

Ein fröhlich winkender grauhaariger Herr im Anzug kommt auf uns zu. Er stellt sich als der Schuldirektor vor und erklärt, wie sehr es ihn freue, den Ausländern in dieser schwierigen Situation zur Seite stehen zu können. Er spricht Englisch, sogar ein wenig Deutsch und hat große Lust, ein bisschen zu plaudern. "Wir haben alle Schüler sofort in die Aula gebracht, das ist der sicherste Raum unserer Schule", erzählt er und weist auf das gegenüberliegende Gebäude.

Langsam wird es dunkel. Vor dem Bahnhof Tokyo-Shimokitazawa harren ein paar hundert Gestrandete geduldig aus. Viele sitzen mit Kaffee in Pappbechern in der Hand vor den gesperrten Durchgängen zu den Gleisen auf den Boden und starren in ihre Telefone. Zwei Bahnbeamte in blauen Uniformen erklären immer wieder, dass sie nichts wissen.

"You need help?", fragt eine kleine Japanerin. Sie wedelt mit einem kopierten Straßenplan. Sie rät, zu Fuß bis zu dem vielleicht sechs Kilometer entfernten Stadtteil Shinjuku zu laufen und dort zu versuchen, einen Bus zu bekommen. Wir laufen stadteinwärts, dem Strom entgegen, nach Shinjuku. Hunderttausende Japaner haben die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Eine Wanderung der Vorstadtbewohner in dunklen Anzügen oder Bürokostümen. Sie arbeiten innerhalb des Innenstadtrings, leben aber weit außerhalb in den Gegenden, wo die Mieten bezahlbar sind. Viele haben einen stundenlangen Fußweg vor sich - und viele auch schon hinter sich.

Die Büroarbeiter aus der Innenstadt laufen in die Vororte

Auf den Straßen stehen Autos und Busse im Stau, immer wieder schlängeln sich Rettungswagen im Zickzackkurs hindurch. Diszipliniert und unaufgeregt fließt der Menschenstrom über die Bürgersteige.

Zwei Stunden später am Bahnhof Shinjuku, es gibt gute Nachrichten. Einige U-Bahnlinien fahren wieder. Die Schlange zu den Bahnsteigen reicht die Treppen hinauf bis auf die Straße. Eine Wahl hat man nicht, Taxis sind kaum zu bekommen. Wenn mal eins frei ist, stürzt sofort eine Menschenmenge darauf zu. Eine gefühlte Ewigkeit später schaffen wir es in den Waggon.

Doch selbst in diesem Chaos herrscht Ordnung. Niemand drängelt, gesprochen wird im gedämpften Tonfall. Als ein Bahnbeamter einen blinden Mann nach vorne direkt an die Gleise führt, machen die Wartenden sofort Platz und helfen dem Mann ins Abteil. Die Züge sind zum Bersten voll, Menschen schieben sich ineinander, eine alte Dame wird ins Abteil getragen.

Stunden später, zu Hause, endlich am Ziel. Das Internet macht das wahre Ausmaß der Katastrophe deutlich, die Flutwelle, die Tausenden Toten, die beschädigten Atomkraftwerke. Stündlich gibt es Nachbeben, an Schlaf ist nicht zu denken, fast in allen Fenstern der Nachbarhäuser brennt Licht. Vor dem Haus wäscht ein Japaner sein Auto, dann geht die Sonne auf.

Maren Bekker und Alexander Dluzak arbeiten derzeit als freie Fernsehjournalisten in Tokio.

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Andreas J. 12.03.2011
1. Bestätigung
Zitat von sysopDas Erdbeben in Japan hat dem Land einen Schock versetzt: Auch in vom Tsunami verschonten Gebieten hat es die Menschen aus dem Alltag gerissen. Maren Bekker und Alexander Dluzak haben den Katastrophentag in Tokio erlebt - ein Erfahrungsbericht aus der erschütterten Metropole. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750470,00.html
Dies kann ich nur bestätigen. Auch ich habe mit Verwandten in Tokio gesprochen, die mir Ihre Angst geschildert haben.
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