Von Hamburg nach Wuhan und zurück: Die fünf Kostbarkeiten eines Selbstversuchs

Von Simone Utler

2. Teil: Asia Food zwischen Gruppendiskussion und Dschungelcamp

Deutsch-chinesischer Austausch: Von Autos, Taschen und Treppen Fotos
Simone Utler

26. November, Straßenmarkt in Peking

Wenn ich Dong Bo in seiner Heimat essen sehe, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl muss in Deutschland schier verhungert sein. Egal ob München, Düsseldorf oder Hamburg, egal ob Mittag oder Abend - stets habe ich für jeden von uns ein Gericht bestellt. Und dachte, das sei okay. Nie hat sich Bo mit Nachtisch den Magen vollgeschlagen, nur einmal brachte er seine Sorge zum Ausdruck, nicht satt zu werden, und bestellte zu seiner Currywurst ein Jägerschnitzel. Wenn ich mir jedoch ansehe, was er und seine Freunde, aber auch die Chinesen an den Nachbartischen, in heimischen Restaurants so alles bestellen - und dann auch tatsächlich verputzen - dämmert mir langsam, dass ich ihn eindeutig auf Diät gesetzt hatte. Was er wahrlich nicht nötig hat.

Grundsätzlich gilt in Peking: Fingerfood geht immer. Das wird auch gern unmittelbar vor dem Besuch eines Restaurants oder sogar währenddessen gekauft und dann mit an den Tisch genommen. So erstehen wir an einem Abend an einem Straßenstand acht Spieße mit diversen Köstlichkeiten, um dann mit der Styroporbox in der Hand das hundert Meter entfernt liegende Restaurant zu betreten. Dort wird dann wild bestellt - die fünf Football-Spieler, die meiner Ansicht nach zur Bewältigung der Fleischberge nötig sind, erscheinen nicht. Stattdessen zieht sich Bos Freundin mitten im Schlemmen Jacke, Handschuhe und Mütze an, um am Stand an der Ecke weitere Spieße zu kaufen. Kaum haben wir das Restaurant verlassen - ich fühle mich, als hätte ich Obelix ein Wildschein streitig gemacht - steuern Bo und seine Freundin den nächsten Stand an.

"Uiii, da gibt es Trinkjoghurt. Und da Pudding mit Mango", jubelt Bo. Nur mit Mühe kann ich ihn davon abhalten, mir eine Portion von beidem mitzubringen.

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Streetfood in Peking und Wuhan: Etwas Puffreis für zwischendurch?
Wer nicht gerne teilt, hat in China ein Problem. Bei einem Restaurantbesuch bestellen üblicherweise alle zusammen mehrere Gerichte und bedienen sich dann. Schon die Tische sind meist auf kulinarische Gruppenerlebnisse ausgerichtet: Entweder haben sie in der Mitte eine offene Feuerstelle, auf die ein sogenannter Hot Pot kommt, ein übergroßer Fonduetopf, in den dann alles Mögliche zum Garen geworfen wird. Oder sie sind mit einer runden Drehplatte versehen, auf der verschiedene Teller und Schälchen mit allerlei Gerichten langsam an einem vorbeiziehen.

Die Bestellung als Gruppendiskussion

Das Bestellen an sich ist ein Ritual, das einige Zeit erfordert. Da wird lamentiert, diskutiert, gestikuliert, gewunken, genickt oder der Kopf geschüttelt, die Karte durchblättert, etwas auf den Bestellzettel geschrieben und dann wieder durchgestrichen.

"Was gibt es denn da zu diskutieren?", frage ich Bo an einem der ersten Abende. Natürlich schwingt meine Sorge mit, dass er nicht nur zu viel, sondern auch das für mich Falsche bestellen könnte.

"Wieso? Wir diskutieren nicht", antwortet er - und widmet sich wieder ganz dem Gespräch mit der Kellnerin.

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Restaurantbesuch in China: Bestellvorgang mit Diskussionsanteil
Diese Gespräche sind steigerungsfähig. Mit jedem weiteren Gast am Tisch wird auch die Bestellrunde ausgeweitet. Wenn dann noch das rohe Fisch, Fleisch und Gemüse auf einem Silberwagen zum Auswählen vorgeführt wird, kennen Gesten und Geräusche kein Halten mehr. Ich bin dem Procedere jedes Mal hilflos ausgeliefert, englische Einwürfe von der Seite finden selten Gehör.

Mir wird schnell klar, dass Bos unbändiger Fleischappetit eine Frage der Gewohnheit ist. Fast jedes Gericht enthält in China Fleisch. Wie ich in meinem Reiseführer lesen konnte, ist das Wort Vegetarier überwiegend einigen professionellen Köchen bekannt. Auch Bo hat in seinem engeren Umfeld niemanden mit diesen für sein Verständnis sehr sonderbaren Gelüsten. Meine Fragen und Wünsche muss ich entsprechend formulieren. Der Satz "Ich hätte gerne Gemüse" bringt mir Rollen, Taschen und Knödel ein, die durchaus den ein oder anderen grünen Streifen enthalten - aber eben meist auch Fleisch. Gern klein gehackt. Formuliere ich hingegen ausdrücklich "kein Fleisch", ernte ich zwar meist einen verständnislosen Blick, aber zumindest ein Menü, das eher meinen Vorstellungen entspricht.

Dschungelcamp auf Chinesisch

"Das ist typisch."

Dieser Satz entwickelt sich zu Bos Allzweckwaffe. Er reicht schon, um mich ängstlich schaudernd zusammenzucken zu lassen, denn meist wird er von einem zweiten Satz begleitet.

"Das musst du probieren."

Im besten Fall handelt es sich in einem sauberen Restaurant mit wohlriechenden Speisen um einen Eintopf mit Lamm oder Frosch. Im mittelschlimmen Fall geht es um einen chinesischen Döner, der eine Miniaturausgabe der in Deutschland handelsüblichen Fleischtaschen und dazugehörigen weißen Tüten darstellt. Im schlimmsten Fall ist es fermentierter Tofu. Der sieht aus wie halb angebrannte und in Wasser eingeweichte Kohlebriketts und stinkt dermaßen, dass sich die Geruchsinformation in Nase und Kurzzeitgedächtnis einbrennt.

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Food-Market in Peking: Essen wie im Dschungelcamp
Da mein Leben als Fleischesser noch nicht allzu lange zurückliegt und ich chronisch neugierig bin, lasse ich mich sogar ein paar Mal zu einem kleinen Bissen hinreißen. Bei Entenblutpastete, frittierten Hühnerfüßen und den meisten Snacks, die auf dem Markt in Wangfujing im Zentrum Pekings zu erstehen sind, streike ich jedoch. Inmitten von zappelnden Skorpionen am Spieß und kleinen Vögelchen auf dem Grillrost fühle ich mich stark ans Dschungelcamp erinnert. Wie gut, dass ich keine veramte G-Prominente bin.

Bo und seine Freundin arbeiten sich tapfer durch die diversen Speisen. Wahre Begeisterungsstürme entlockt ihnen ein Eintopf, der graue Fleischstücke mit noppenartiger Konsistenz enthält - und dessen Geruch mich an feuchten Hund erinnert.

"Das ist Kuhmagen. Sehr lecker", beteuert Bo auf meine Nachfrage nach den Ingredienzien und hält mir zwei Stäbchen voll damit unter die Nase. Ich habe mein Journalistin-forscht-Pulver jedoch bereits verschossen - an Knödel, in denen sich neben dem versprochenen Gemüse auch unbekanntes Meeresgetier befand, und an frittiertes Eis, das in erster Linie aus rohem Ei-Schnee bestand und in Öl getränkt war.

"Vielleicht ist es aber auch Lunge", sagt Bo beim nächsten Mund voll Eintopf. Man kann einfach nie genau wissen, was man gerade vor sich hat - auch mit einheimischem Erklärbär.


25. November, Heiraten in Wuhan

"Ich mach das nur für dich. Normalerweise würde ich niemals ein Paar auf der Straße ansprechen", sagt Dong Bo. Ich fühle mich geehrt. Einerseits. Andererseits denke ich mir: Er soll sich mal nicht so anstellen. Ich bin ganz offensichtlich nicht von hier und somit eine wunderbare Ausrede für unser neues Hobby. Während wir in Deutschland und Peking an jedem Ort Fotos von unseren Füßen auf dem dort typischen Boden gemacht haben, erschließt sich uns in Wuhan eine viel abwechslungsreichere Kulisse: Wir machen Aufnahmen mit Brautpaaren.

Genaugenommen macht Bo die Fotos, und ich geselle mich zu den Turteltauben. Er möchte sich nicht zu uns stellen - ihm reicht es völlig, dass er die Paare ansprechen und ihnen erklären muss, wer ich bin und warum ich gern ein gemeinsames Bild hätte.

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Lustiger Zeitvertreib in Wuhan: Die Hochzeitscrasher
Ich bin nämlich total fasziniert von diesem Foto-Shooting-Tsunami, der in Wuhan über uns hereingebrochen ist. Allein in den ersten drei Tagen haben wir schon ein gutes Dutzend Brautpaare gesehen, die von sich Hochzeitsfotos machen lassen. Genaugenommen lassen sie Vorhochzeitsbilder machen, denn in China ist es üblich, am großen Tag schon etwas zeigen zu können. Gern plakatgroß, auf Pappe gezogen und von einem geschwungenen Rahmen umfasst.

Am Ufer des Jangtse, vor den Kolonialbauten des ehemaligen britischen Handelsstützpunkts, in einem zum Ausgehviertel umgestalteten Industriegelände - überall treffen wir auf aufgebrezelte Brautpaare, die die bizarrsten Posen einnehmen. Sogar vor dem spanischen Viertel, das aussieht wie Disneyland, aber außer einer Don-Quijote-Statue, einem Torero samt Stier und einer Flamenco tanzenden Bronzedame nicht viel mit dem europäischen Land zu tun hat, machen die Motivsucher nicht halt. Mal lässt die Braut ihre Schleppe aus der Hand flattern, mal legt ein Bräutigam den Zeigefinger ans Kinn und schaut verführerisch, mal schmachten sich die Brautleute auf einer Wiese liegend an.

Eines ist allen gemeinsam: Sie sind stets einen ganzen Tag unterwegs, und immer mit Entourage. Dazu gehört ein Fotograf, meist mit cooler Daunenjacke und etwas längeren Haaren (was man hier bei Männern fast nie sieht), ein Lichtassistent und mindestens eine Frau für Make-up und Haare. Oft ist auch noch ein Utensilienträger dabei, der sich mit riesigen Stoffblumensträußen abschleppt. Oder mit Stoffgiraffen. Die passen ja auch irgendwie ins spanische Viertel.

"Ist euch Mädchen so ein Foto-Shooting wichtig?", fragt Bo mich nach Paar Nummer sieben oder acht.

Ich sehe ihn irritiert an - und denke intensiv über eine Antwort nach. Rein intuitiv hätte ich umgehend ein "Um Gottes Willen" herausschmettern wollen, doch ungern möchte ich von mir auf unser ganzes Geschlecht schließen, womöglich noch auf die Frauen in China. Und so lasse ich blitzschnell all die Hochzeiten Revue passieren, auf denen ich schon war. Klar, überall wurden Bilder von dem Brautpaar gemacht, meist verschwand dieses auch für ein bis zwei Stunden an einen besonders schönen Ort, gern mit einem professionellen Fotografen. Aber keiner meiner Freunde hat sich als Schuljunge mit rotem Hut und Köfferchen verkleidet oder musste sein Gesicht mit Kussmündern übersähen lassen. Und keine meiner Freundinnen hat vier verschiedene Outfits getragen oder einen Ascot-würdigen feuerroten Hut.

In China wird selbst während der Feier mehrmals die Garderobe gewechselt - davon konnten wir uns mit eigenen Augen überzeugen. Zhangling, eine Journalistin aus Wuhan, führte uns am ersten Abend in Restaurant, in dem für die Region typisches Essen serviert wird. Noch an der Tür will ich kehrtmachen, denn offensichtlich ist in dem Lokal eine geschlossene Gesellschaft. Eine Hochzeit, verraten die im Eingangsbereich stehenden Vasen mit weißen Blumen - und die drei Fotos eines Paares in drei verschiedenen Outfits.

"Komm, komm. Wir können da trotzdem rein. Das musst du erleben", sagt Bo und zieht mich ins Lokal. Zhangling hat einen Tisch klar gemacht und beginnt aus der großen Speisekarte zu bestellen. Schon wird von den umliegenden Rundtischen zu uns herüber gestarrt. Auffälliger als mit mir im Schlepptau können sich Hochzeitscrasher in China aber auch kaum einschleichen. Doch offenbar stört sich niemand an uns, im Gegenteil: Von allen Seiten wird gewunken, gelächelt und geprostet.

Nach einigen Spielen und einem Kleiderwechsel gehen Braut und Bräutigam durch den Saal und stoßen mit den Gästen an. Dong Bo ist auf einmal gar nicht mehr so schämig und winkt die beiden zu uns an den Tisch. Er erzählt ihnen irgendwas und drückt mir mein Wasserglas in die Hand: "Du musst unbedingt mit ihnen anstoßen." Das mache ich brav, bekomme gleich noch ein kleines Gastgeschenk in die Hand gedrückt und das Glas nachgefüllt. Denn schon kommt der Nächste zum Anstoßen. Er stellt sich als Onkel der Braut vor und prostet mir gleich zwei Mal zu. "Das ist eine ganz besondere Ehre", flüstert Bo.


"Simone Deutsch" - ungültiges Passwort

Als Dong Bo sich über das W-Lan in Deutschland beschwert hat, war ich zunächst ein wenig pikiert. Aber ich habe mir gedacht, ich schau erst mal, wie das tatsächlich in China so läuft, bevor ich etwas sage. Nun kann ich sagen: Ja, es gibt hier - sowohl in Peking als auch in Wuhan - in allen möglichen Cafés, Hotels und Flughafengates Wifi - aber das heißt noch lange nicht, dass man auch immer ins Internet kommt. Ich scheitere gern am Passwort.

Nachdem ich die ersten Tage immer auf Bo und seine Übersetzungskünste angewiesen war, habe ich nun einen Weg gefunden, der über Sprachbarrieren hinweghilft: Ich trage meinen Laptop mit der entsprechenden Zugangsseite zu einem Mitarbeiter der Örtlichkeit, tippe auf das auszufüllende Passwortfenster - oder auf das, was ich dafür halte, da auch die Zugangsseiten oft ausschließlich auf Chinesisch sind - mache große Augen und halte Stift und Zettel oder direkt das technische Gerät hin. Das funktioniert im Allgemeinen sehr gut.

In unserem Hotel in Wuhan wähle ich aus Bequemlichkeit zunächst den Weg über Dong Bo.

"Anmelden mit der Zimmernummer und als Passwort einfach deinen Name eingeben", sagt er kurz angebunden am Telefon. "Mein Akku ist gleich leer." Er nimmt in einem Restaurant noch einen spätabendlichen Snack, während ich schon im Zimmer ein paar Mails schreiben will.

Mein Name. Gut. Aber wie geschrieben? Alles klein? Alles groß? Nur vorne Großbuchstaben vielleicht? Keine Ahnung.

Ich will Dong Bo aber nicht erneut beim Essen stören. Also probiere ich die verschiedenen Optionen durch. Die müssen natürlich noch um die Varianten mit und ohne Leerzeichen ergänzt werden. Das Baumdiagramm der Möglichkeiten in meinem Kopf wächst. Ich erweitere es um die chinesische Variante, dass der Nachname vorne steht und der Vorname hinten. Nichts funktioniert. Immer wieder blinkt auf meinem Bildschirm die rote Box auf, nicht die links davon befindliche grüne.

Ich rufe Dong Bo an. Doch die nette Frauenstimme, die ich zwar nicht verstehe, aber schon kenne, zeigt mir, dass mein Kollege nun mit leerem Akku unterwegs ist. Die Rezeption anzurufen bringt nichts, also packe ich meinen Laptop, stapfe die zwei Etagen nach unten und zeige auf das Fenster mit dem Passwort.

"Your Name", sagt die Rezeptionistin mit gebrochenem Englisch.

"No work", erwidere ich, nach einigen Tagen in China wohlwissend dass diese Kurzbotschaft verstanden wird.

Die junge Dame konsultiert einen Ordner, in dem sie offensichtlich meine Buchung aufbewahrt, erweitert dies um eine Auskunft aus ihrem Computer, greift dann zu Zettel und Stift und schreibt auf:

"SIMONE DEUTSCH"

Aha. So heiße ich also hier. Auch gut, wenn mich das ins Internet bringt. Doch im Geiste gehe ich die Äste des Baumdiagramms durch.

"Small letters? Big letters? With space? No space?"

Die Dame guckt mich nur irritiert an. Was die Dame an Dong Bos Handy sagen wird, weiß ich auch, also gehe ich in mein Zimmer und tippe alle denkbaren Varianten ein. Keine funktioniert.

"625 Dongbo" tippe ich rein intuitiv in die beiden Kästen - und bin im Netz.

"310 Deutschsimone" versuche ich analog - nichts.

"310 Simonedeutsch" - auch nicht. Ich gebe auf und nutze einfach Bos Zugang.

Der funktioniert auch noch 48 Stunden später. Bo ist inzwischen seit mehr als 30 Stunden abgereist, weil er beruflich dringend nach Peking musste. Ich bin noch ordentlicher Gast in diesem Hotel - mein Name berechtigt mich aber immer noch nicht zur Internetnutzung. In keiner Kombination.


21. November, Wuhan

"Was zum Teufel willst du in Wuhan?"

Das fragte mich ein Freund vor ein paar Wochen, als ich von meiner Reise erzählte. Genaugenommen wollte er wissen, wo das eigentlich liegt. China. Klar. Aber weiter? Kurz ein paar Fakten, die ich zugegebenermaßen zum Zeitpunkt des Gesprächs auch noch nicht parat hatte: Wuhan liegt in Zentralchina, am Zusammenfluss des Jangtse und des Han, fast genau in der Mitte zwischen Peking im Norden und Hongkong sowie Shenzen im Süden, Shanghai im Osten und Chongking im Westen. Mit dem Flieger braucht man rund zwei Stunden von Peking. Bald wird es einen Superschnellzug geben, der die Strecke in vier Stunden schafft - bislang sind es achteinhalb. Im Zentrum Wuhans leben gut vier Millionen Menschen, die Stadtverwaltung zählt offiziell jedoch auch die Außenbezirke hinzu, womit die Hauptstadt der Provinz Hubei auf 9,7 Millionen Bürger kommt. Wuhan ist der industrielle Schwerpunkt in Mittelchina, im Osten der Stadt liegt der größte Binnenhafen des Riesenreichs, die Universität zählt zu den renommiertesten des Landes.

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Auf den Straßen von Wuhan: "Mein Name ist Emma"
Zugegeben: Wuhan ist nicht gerade ein Must-See für Touristen. Die im Reiseführer angegebenen Sehenswürdigkeiten beschränken sich auf den Gelben-Kranich-Turm, einen Tao-Tempel und einen buddhistischen Tempel, Einheimische besuchen auch gern das Museum zur Großen Revolution und die Promenade am Jangste-Ufer. Dort machen auch Bo und ich einen kleinen Ausflug. Mit einem Gefährt, das ein bisschen einem Bier-Bike gleicht, nur das es lediglich Platz für zwei Personen bietet und kein Bier an Bord hat, schlängeln wir uns durch Spaziergänger, spielende Kinder und Verkäufer.

"Pass auf den Mann mit dem Drachen auf. Den sollten wir nicht umfahren", warne ich, die auf dem Beifahrersitz lediglich ein Fake-Lenkrad hat und damit überhaupt nicht ins Geschehen eingreifen kann. Sehr zur Freude von Bo, der mich nun aber mit hochgezogenen Augenbrauen ansieht.

"Ehrlich gesagt…"

Er macht eine der Spannungssteigerung dienende Pause.

"Wir sollten niemanden umfahren."

5000 Baustellen und keine Kräne mehr

Auch wenn es so scheint - Bo und ich sind nicht zum Vergnügen in Wuhan. Wir recherchieren zur Umwandlung ehemaliger Industrieregionen in zukunftsträchtige Wohn-, Arbeits-, Einkaufs- oder Kulturbereiche und zu nachhaltigem Bauen. Zu diesem Zweck besuchten wir in Deutschland Projekte im Ruhrgebiet und in Hamburg - und sind nun in Wuhan im Einsatz. Und diese Stadt kann gerade einiges zum Thema Bauen beitragen: Eine lokale Journalistin erklärt uns, dass es zurzeit rund 5000 Baustellen in Wuhan gibt. Angeblich soll lediglich ein Mangel an Kränen den Bauboom bremsen.

Doch auch bei alter Bausubstanz ist Wuhan, dessen Zentrum aus den drei Städten Wuchang, Hankou und Hanyang zusammengelegt wurde, eine Fundgrube. Hankou war vor rund 300 Jahren ein bedeutender Handelsstandort, und die großen Weltmächte hatten Stützpunkte hier. Zwischen den imposanten, wenn auch zum Teil enorm heruntergekommenen Kolonialbauten finden sich immer wieder kleine Gässchen, sogenannte Li Fen. Viele sind in den vergangenen Jahren zugunsten von Hochhäusern abgerissen worden, doch einige sind übriggeblieben. Der Bürgermeister hat einen Plan entwickelt, um historische Bausubstanz zu schützen.

"Eine typisch chinesische Stadt"

"Wuhan ist eine typisch chinesische Stadt", sagt Dong Bo schon bei unserer Ankunft. Und tatsächlich sieht es hier eher so aus, wie ich mir China vorgestellt hatte. Es ist einfach nicht so bling-bling wie in Peking. Die Straßen sind ein wenig rumpeliger als in Peking, die Autos sind deutlich staubiger, die Häuser deutlich verwohnter. Viele Menschen sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, Taxis sind leicht zu bekommen und kosten fast nichts. In der Rushhour sitzt man auch hier schon mal etwas länger im Auto, aber die restliche Zeit des Tages lassen sich in 10 bis 15 Minuten schon ordentliche Strecken zurücklegen.

In der kleinen Straße, in der unser Hotel liegt, schlürfen die Menschen morgens aus weißen Styroporbechern die hier typischen Nudeln, machen an eigens dafür vorgesehenen Geräten Frühsport, oder verhökern auf kleinen Wägelchen Gemüse oder Selbstgebackenes. Eine Frau bestickt Einlegesohlen für Schuhe mit Herzen, Vögelchen und Ornamenten, ein Mann repariert kaputte Treter. Natürlich kann der Kunde daneben stehenbleiben und warten, den Fuß auf einer Plastiktüte abgestellt. Einige Frauen erledigen ihre Einkäufe in den gesteppten Pyjamas, die auch in anderen asiatischen Ländern durchaus straßentauglich sind, die ich in Peking aber nicht zu Gesicht bekommen habe. Frisch gewaschene Wäsche wird in Wuhan gern zum Trocknen auf quer über den Bürgersteig gespannte Leinen gehängt. Dong Bo scheint darüber erstaunter zu sein als ich: "Das ist in Peking nicht erlaubt."

"Wie schön, dass du uns besuchst"

Langnasen sind in Wuhan Mangelware. Es kursiert eine Zahl von rund 2000 Ausländern, die hier arbeiten und leben sollen. Meine persönliche Empirie könnte diese Vermutung stützen: In den ersten zwei Tagen meines Aufenthaltes habe ich genau eine weitere Frau mit hellen Haaren gesehen und einen anderen Deutschen getroffen. Diese Begegnung war jedoch verabredet.

Auch sind die Wuhaner deutlich überraschter als die Pekinger, wenn ich ihnen ein "ni hao" entgegenschmettere. Taxifahrer lassen ihren Kopf herumschnellen, Bedienungen kichern hinter vorgehaltener Hand, und Dong Bos Lieblingsstraßenverkäuferin, die vor unserem Hotel ihre Blätterteigklumpen anbietet, winkt, wenn wir vorbeigehen. Trotz aller Freundlichkeit: Bo ist als mein persönlicher Dolmetscher unverzichtbar - Englischkenntnisse sind hier Mangelware. Wenn ich sie nicht anspreche, schenken mir die Erwachsenen hier auch keine große Beachtung. Sie sind geschäftig unterwegs, meist mit ernstem Blick in ihren Weg vertieft, seltener durch Smartphones abgelenkt.

Aber für Kinder bin ich eine kleine Attraktion. Schon im Shuttle-Bus vom Flughafen in die Stadt machte ein Junge seinen Vater auf mich aufmerksam, erzählte ihm kopfschüttelnd irgendetwas und winkte mir zu. Beim ersten Snack in einem chinesischen Fast-Food-Restaurant kam ein kleiner Junge mit einer chinesischen Kinderhose, die zur leichteren Erleichterung im Schritt eine offene Naht hat, an unseren Tisch gerannt und zelebrierte mit enormer Ausdauer durch eine Glasscheibe mit mir eine Art Kuckuck-Spiel.

Eltern von größeren Kindern nutzen gern die Gelegenheit, ihre Sprösslinge zu mir zu schicken, damit sie ihr Englisch üben können. Jungen sind da meist etwas schamhaft, Mädchen plappern munter drauf los. So kam in dem Schnellimbiss auch die größere Schwester des Kuckuck-Spielers schnell hinzu und stellte sich vor - in offenbar auswendig gelerntem aber gut verständlichem Englisch.

"Mein Name ist Emma, ich bin vier Jahre alt. Wie schön, dass du unser Land besuchst."

Dann erzählte sie noch etwas über ihre Familie und ihre Schuhe. Die haben Federn. In verschiedenen Farben. Glaube ich. Aber genau verstanden habe ich das nicht - und nachfragen funktionierte nicht.


19. November, Peking

Reizüberflutung im Sekundentakt

Es flimmert. Es leuchtet. Es flackert. Es blinkt. Es piept. Es rauscht. Es dröhnt. Es scheppert. Es quäkt. Es summt. Tag drei in Peking, und durch meinen Kopf schießt das Word "Overkill". Immer wieder zieht es hinter der Stirn durch meinen Schädel ins Gehirn. Hintereinander gereiht als endlose Banderole, ganz so wie diese grelle pinkfarbene Leuchtreklame, die seit mehreren Sekunden an uns vorbeischießt. "Reizüberflutung", unterbricht meine Freundin, die in Shanghai lebt und mich in Peking besucht, meine Endlosschleife. Nach diesem Wort hatte ich gesucht, es aber im aktuellen Chaos meines Hirns nicht gefunden.

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Laut und bunt: Reizüberflutung in Peking
Wir stehen in der U-Bahn. Vor mir ein Fernseher, auf dem ein chinesischer Alfred Biolek einen Fisch samt Kopf, Haut und Flossen in eine viel zu kleine Schüssel legt und mit Gemüsesud übergießt. Rechts neben mir ein Mann, der auf seinem Smartphone ein Spiel spielt, aus dem es ständig fiept und trällert. Dahinter ein älterer Mann, der die Fahrgäste mit Gesang aus einem scheppernden Mikro um Geld anfleht. Links neben mir eine Frau, auf deren iPad eine Liebesschnulze flimmert. Und hinter all dem die Leuchtreklamen, die an den Wänden des U-Bahnschachts angebracht sind und die Vorbeifahrenden jetzt gerade auf einen Internetmusiksender aufmerksam machen wollen.

"Ich nehme das gar nicht wahr", sagt Dong Bo und grinst ein wenig über meinen Zustand.

Schließlich stehen wir nur deshalb in dieser Bahn, weil ich mich inzwischen weigere, in ein Taxi zu steigen. In den ersten zwei Tagen in Peking habe ich mehr im Stau gestanden als in den vergangenen zwei Jahren in ganz Deutschland - Bos und meine insgesamt rund 2000 Kilometer umfassende Recherchetour inklusive. Am ersten Abend in Peking brauchten wir im Auto eines von Bos Freunden für eine Strecke von etwa 20 Kilometern zweieinhalb Stunden, davon standen wir geschlagene 50 Minuten an einer Stelle. Nichts ging mehr. Am nächsten Abend schaffte das Taxi die Strecke immerhin in einer Stunde und 15 Minuten - die U-Bahn braucht 20 Minuten.

Touristengruppen mit Brülltüten

"Die ist aber immer total überfüllt, da steht man dicht an dicht", wirft Bo ein, der deswegen immer mit dem Auto zur Arbeit fährt. Auch wenn er für jede Strecke etwa eine Stunde braucht - und dabei nichts vom China-Biolek lernen kann. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass die Situation in der Linie 5 in Peking im Vergleich zur U1 in Hamburg, morgens um 8 Uhr an einem verregneten Novembertag, echt luftig ist, erklärte sich mein Gastgeber zur Nutzung des öffentlichen Verkehrsmittels bereit. Nun darf ich also nicht meckern.

Schließlich geht es auf den Straßen Pekings kaum ruhiger zu. In einer kleinen Einkaufsstraße, in der sich Stand an Stand reiht und jeder Verkäufer maximal einen Meter in der Breite zur Verfügung hat, reicht der Raum völlig aus, damit jeder seine eigene Musik spielt. Unterbrochen wird der Klangteppich immer mal wieder von einer Frau, die auf der anderen Straßenseite Gäste in ein Restaurant lockt. Natürlich mit einem dieser kleinen schwarzen Rundmikrofone, die die Menschen, die sich hier Gehör verschaffen wollen, dicht vor den Mund halten, und die mit einem scheppernden Lautsprecher verbunden sind.

Erstmals kam ich in den Genuss dieser Brülltüten bei unserem Besuch der Verbotenen Stadt. Unzählige chinesische Touristengruppen besuchten mit uns die Attraktion, und während die Gruppen im Gleichschritt durch die Anlage marschierten, brüllten ihre Reiseleiter ihre Erklärungen per Mikrofon über die mit Gleichmützen bedeckten Köpfe.

"Du kannst die Lautstärke höher drehen", sagt Bo, als ich mit der linken Hand meinen Ohrenstöpsel des Audio-Guides fester in mein Ohr drücke und mit dem rechten Mittelfinger mein rechtes Ohr verschließe.

"Ich bin schon beim Maximum", brülle ich zurück und bekomme wieder nicht ganz mit, was die Kaiserinmutter nun mit den jungen Konkubinen gemacht hat.

Soll eine spannende Geschichte sein, habe ich mal gehört. Aber eben nicht hier in Peking. Aber ich verstehe immerhin, warum Bo mich in Deutschland in einem Restaurant oder an einer Sehenswürdigkeit häufiger mit besorgter Miene fragte, ob er zu laut spreche.

"Keiner hupt"

Auch die Abende sind in Peking nicht ruhiger, sondern bunter. In den Bäumen entlang den großen Straßen erstrahlen Lichterketten in mindestens sechs Farben. Doch ein Einfaltspinsel, wer meint, dass die einfach nur leuchten: Sie ergießen sich, kaskadenförmig über die blattlosen Äste, von oben nach unten, um dann wieder ganz oben anzufangen. Häuser, in denen entweder ein moderner australischer Shoe-Shop oder High-End-Wohnungen untergebracht sind, haben mit Leuchtröhren überzogene Fassaden und wechseln im Zehn-Sekunden-Takt die Farbe oder die beleuchteten Bereiche. Große Laser werfen Lichtkegel in den Himmel, kleine Laser werfen Lichtstrahlen in mein Gesicht, wenn ein Verkäufer von grünen und blauen Laser-Pointern wieder einmal meint, auf diese Weise seinen Umsatz steigern zu können. Hinzu kommen die ständig wechselnden Gerüche, die im besten Fall von frischem Popcorn herrühren und im schlimmsten Fall von Stinke-Tofu.

Eines fehlt jedoch fast völlig im Pekinger Spektrum der Sinneseindrücke: Hupen. Ehrlich gesagt ist mir das die ersten Tage gar nicht aufgefallen. Meine Freundin aus Shanghai machte mich drauf aufmerksam.

"Das ist so angenehm ruhig hier. Keiner hupt", sagte sie während eines Marsches auf einer Hauptverkehrsstraße. In Shanghai werde für jeden Quatsch gehupt, in Peking sei das im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen eingeschränkt worden. Offenbar haben die Menschen da gemerkt, dass dieses akustische Signal zumeist überflüssig ist. Weil es ohnehin keiner wahrnimmt.


16. November, Peking

Eine Stunde Flug von Hamburg nach Frankfurt, zwei Stunden Transit, neun Stunden Interkontinentalflug nach Peking - bis auf kleinere Differenzen am Tax-Free-Schalter verlief unsere gesamte Reise nach China reibungslos. Selbst die Taxifahrt vom Flughafen, vor der Dong Bo schon länger graute, ging so glatt, dass er es immer noch nicht fassen kann. 12.10 Uhr ist einfach eine gute Zeit, um Peking von Nord nach Süd zu durchqueren, und so konnte ich einen ersten Eindruck von den Ausmaßen der knapp-20-Millionen-Einwohner-Metropole bekommen, ohne dafür stundenlang im Stau stecken zu müssen.

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Von Hamburg nach Peking: Ein "Ni hao" macht noch keine Konversation
Nun sind Dong Bo und ich in seiner Heimat angekommen und ich bin in einem kleinen Hotel südlich des Zentrums gelandet, im Bezirk Xuanwu, nur zehn Gehminuten vom Himmelstempel entfernt. Bevor Bo samt seinem ganzen Gepäck nach Hause fährt, bringt er mich in ein Restaurant wenige hundert Meter vom Hotel entfernt und handelt mit dem Besitzer aus, dass ich etwas essen möchte. Es ist Nachmittagspause, der Laden ist leer, eine der Kellnerinnen schlürft Nudeln, eine andere scheint sich gerade zu frisieren, jedenfalls läuft sie mit nassen, kopfüber hängenden Haaren im hinteren Bereich des Gastraums umher.

Bo und ein Mann in schwarzem Anzug, der der Restaurantbesitzer oder Geschäftsführer zu sein scheint, blättern durch die großformatige Karte - auf der Suche nach "einem typisch chinesischen Gericht". "Eines mit Gemüse", werfe ich ein und versuche anhand der Fotos etwas auszuwählen. Das blättrige Grüne - es könnte Spinat oder Wasserkresse sein - gibt es nicht. Keine Saison. Das mit Paprika und Zwiebeln gibt es auch nicht. Der Grund wird mir nicht verraten. "Das hier ist typisch. Mit Trockenfisch. Ein bisschen salzig, aber typisch", schlägt Bo vor. Ich zeige auf ein Foto mit Brokkoli. Damit haben wir in Düsseldorf ja gute Erfahrungen gemacht. Der Restaurantbesitzer nickt, strahlt und eilt von dannen.

Bo handelt den Preis aus und macht sich auf den Weg. Ich fühle mich der Situation mehr als gewachsen. Schließlich haben wir schon während Bos Deutschlandaufenthalt ein paar Brocken Chinesisch geübt, ich habe mein Bilderwörterbuch dabei, das mir eine Freundin für die Reise geschenkt hat, und mich schon in anderen asiatischen Ländern ohne Sprachkenntnisse gut durchgeschlagen.

Der Gastronom schaut irritiert

Doch hier wartet eine besondere Herausforderung auf mich. "Xiè xiè", gesprochen so ähnlich wie "cheche" mit weichem ch ohne die Zähne von innen zu berühren, versuche mich für das Essen zu bedanken. Und mit einem "hao" zum Ausdruck zu bringen, dass es gut geschmeckt hat. Doch der Gastronom schaut mich irritiert an.

Ich mache eine ausholende Geste, zeige auf die Teller und versuche es erneut mit "hao". Inzwischen klingt es selbst in meinen Ohren eher wie das "Howgh" aus einem Karl-May-Film als wie ein chinesisches Lob. Auch mein erneuter Versuch der Dankesbekundung verkommt zu einem Gezische, das dem sch-ch-Problem einer Aachenerin gleicht.

Der Restaurantbesitzer und ich versteigen uns immer mehr in Gesten und Geräusche. "Mmmmmh" versuche ich es nun, hat Bo mir doch gesagt, dass das ein globaler Ausdruck sei. Tatsächlich scheint diese Botschaft anzukommen, der Mann lacht. Ich versuche unserer Konversation eine neue Wendung zu geben und frage auf Englisch nach seinem Namen. Tatsächlich scheint er das auf Anhieb zu verstehen, schnappt sich seinen Rechnungsblock und schreibt darauf "My name is Hong Hai". Auf die Frage nach dem Namen des Restaurants guckt er mich jedoch mit Unverständnis an, deutet mir mit einer Geste zu warten, verschwindet hinter der Theke und telefoniert. Mit einem Dolmetscher? Falls ja, ist es kein sehr guter. Denn als Herr Hong an meinen Tisch zurückkehrt, steht auf dem Zettel etwas, was ich als Telefonnummer ansehen würde, wenn der Restaurantbesitzer nicht gerade ein großer Zahlenfan ist. Wie auch immer. Mir wird klar, ich bin in Peking angekommen. Sprachhürden inklusive.

Auf dem Rückweg in mein Hotel erkunde ich ein wenig die Umgebung und fühle mich schnell wohl. Die Straße ist so schmal, dass gerade mal ein Auto an den parkenden Wagen vorbeikommt, auf der einen Straßenseite sind die Häuser nur eingeschossig und recht alt. Es gibt mehrere kleine Restaurants und Supermärkte, vor denen rote Lampions hängen. Drei Männer sitzen auf dem Bürgersteig und spielen Karten. Ein Mann verkauft Luftballons, ein anderer baut gerade seinen Stand mit diversen Spießen auf. Fleisch, Gemüse, Teigwaren, daneben eine Metallplatte, die er später in einen Grill umwandeln wird. Als ich wenige Stunden später mit Dong Bo und seiner Freundin an dem Mann vorbeikomme, macht er schon ein gutes Geschäft.

"Das ist ein bisschen provinziell hier"

Eigentlich wollte Bo mich an meinem ersten Abend in ein Vergnügungsviertel im Stadtzentrum ausführen, doch da es inzwischen schon später ist als ursprünglich gedacht, bleiben wir in meiner Gegend.

"Das ist ein bisschen provinziell hier, aber es gibt ein gutes Restaurant für Hot Pots", sagt Bo.

"Was meinst du mit provinziell?", frage ich, die die Lage der Straße anhand der kleinen Faltkarte des Hotels als durchaus zentral einstufen würde.

"So sieht es in kleinen Städten auf dem Land aus", erklärt Bo und zeigt auf die Häuschen, Sträßchen und Lädchen. Er lebt im Norden der Stadt, im elften Stock eines modernen Wohnhauses. Und zugegeben: Was ich eben noch als Supermarkt bezeichnet habe, würde im Rheinland eher Büdchen genannt werden und in Berlin Spätkauf. Aber immerhin haben sie in dem Mini-Lebensmittel-Geschäft Sim-Karten, mit denen ich sogar internationale Anrufe tätigen kann.

In diesem Moment schiebt ein Mann direkt neben uns sein Moped vom Bürgersteig auf die Straße. Herr Hong. Ich erkenne ihn sofort wieder. Und auch er erkennt mich. Er strahlt über das ganze Gesicht, schnappt sich meine Hand und schüttelt sie: "Ni hao." "Ni hao", entgegne ich und schüttele munter mit.

"Oh, noch keinen Tag hier und schon kennt man dich", sagt Bo.

Ich nicke. Manchmal mag ich es ein bisschen provinziell.


Mundschutz gegen die Kälte

Schnee und Eis sind inzwischen geschmolzen, aber die Menschen in Peking packen sich immer noch dick ein. Als wir uns auf den Weg machen, um die Verbotene Stadt zu besichtigen, zeigt eine riesige Leuchttafel sechs Grad Celsius an. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Kurz: Es ist ein wunderschöner - meiner Ansicht nach milder - Wintertag. Dong Bo scheint das anders zu sehen. "Willst du keine Mütze aufsetzen?" fragt er mich. Er trägt seine mit Fell gefütterte Fliegermütze. Ich schüttele den Kopf. Die Mütze ist hier erst abends nötig, auch Handschuhe brauche ich keine. Mein Daunenmantel und meine Stiefel halten mich warm genug. "Meine Freundin hat mir noch was für uns mitgegeben", sagt Bo und zieht aus seinem Rucksack zwei Plastiktütchen.

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Bibbern in Peking: Mundschutz gegen die Kälte
Darin findet sich jeweils ein Mundschutz, Modell OP, aber grau mit weißen Gummibändern. Ich denke zunächst, dass wir die wegen der verschmutzten Luft tragen sollen - und beschließe, mich zu weigern. So schmutzig kann die Luft gar nicht sein. Schließlich sitze ich bei einer Grippewelle ja auch nicht mit einem solchen Ding im Großraumbüro. Dong Bo lacht und schüttelt den Kopf. "Die sind gegen die Kälte." Jetzt weigere ich mich erst recht, eine Maske anzuziehen. "In Deutschland ist es im Winter manchmal noch viel kälter", versuche ich mich zu erklären und überlege, ob es tatsächlich in der vergangenen Woche noch so mild war, dass sich mein chinesischer Austauschpartner gar nicht vorstellen kann, ich könnte durchaus Minusgrade gewohnt sein. Bo zuckt mit den Schultern, zieht seine Maske auf und steuert auf die U-Bahn-Station zu.

In Peking ist es offensichtlich weit verbreitet, sein Gesicht vor kaltem Wind zu schützen. Ich sehe mehrere Erwachsene mit solchen Masken, meist die grauen Exemplare, von denen ich nun auch eines in meinen Rucksack gesteckt habe. Manche tragen aber auch Gesichtsmasken aus Stoff oder aus Plüsch, Modelle für Kinder sind gern mal mit Tiergesichtern verziert. Um die Ohren zu schützen setzen einige Frauen auf überdimensionale Ohrenschützer, andere tragen die derzeit sehr beliebten Mützen oder Kapuzen mit Tierohren. Männer setzen auf dicke Wollmützen oder Kapuzen. Unisex sind die riesigsten Handwärmer, die ich je gesehen habe: Sie werden vor allem von Menschen genutzt, die längere Zeit im Freien irgendeine Form von Lenker halten müssen, sei es auf einem Moped oder einem Fahrrad. Die Teile sehen aus wie Fäustlinge in DinA-4-Format und sind meist an den Lenkern angebracht. Besteigt man sein Moped, schlüpft man in die Warmhaltekissen, in denen man auch Gas- und Bremshebel betätigen kann.

Auch ans Aufwärmen wird in Peking gedacht. Vor jedem Laden hängen Vorhänge aus durchsichtigen Plastikbahnen, in Cafes kann man sich kostenlos heißes Wasser in seine Trinkflasche füllen lassen. Und selbst ihre Hunde lassen die Menschen nicht frieren. An einer Straßenecke sitzt ein weißer Spitz mit grün-schwarzen Söckchen.

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insgesamt 70 Beiträge
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1.
acitapple 06.11.2012
Zitat von sysopDrei Wochen, zwei Nationen, eine Unmenge Erfahrungen: Dong Bo ist zum ersten Mal in Deutschland. Der Koffer ist noch nicht ausgepackt, schon fühlt er sich wie Zuhause. Das liegt an den Menschen, denen er begegnet, an der Musik. Und an viel Fleisch. Austausch zwischen China und Deutschland: - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/austausch-zwischen-china-und-deutschland-a-865578.html)
"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
2. .
frubi 06.11.2012
Zitat von acitapple"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
Ach herjeh. Geht das wieder los. Nein, dürfen Sie nicht. Wenn Sie "Ich liebe Deutschland" als arisch reiner Deutscher sagen, fallen Steine vom Himmel und der Boden unter ihnen wird zu einem Lavainferno.
3. Ufff !!
Thomas-Melber-Stuttgart 06.11.2012
Zitat von sysop..., schon fühlt er sich wie Zuhause. Das liegt an den Menschen, denen er begegnet, ...
Ich dachte, Deutschland sei so fremdenfeindlich. Wohl doch nicht.
4.
obikenwanobi 06.11.2012
Zitat von acitapple"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
Natürlich darf man das sagen - solange kein "ich bin stolz, Deutscher zu sein" hinterher kommt...
5. Nettes Land
ogniflow 06.11.2012
Alle meine Gäste aus dem Ausland haben sich in Deutschland pudelwohl gefühlt, besonders das Essen wurde sehr gelobt. Ich war eigentlich gegenüber Deutschland immer relativ reserviert, erst seit ich längere Zeit im Ausland gelebt habe begreife ich, dieses Land ist wahrlich nicht so übel.
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    Wieviele verschiedene Fleischsorten kann ein Mensch an einem Tag in Bayern essen? Wie authenthisch ist ein Asia-Laden in Hamburg? Was kann die Industriestadt Wuhan vom Ruhrgebiet lernen? SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Simone Utler und "Global Times"-Journalist Dong Bo reisen gemeinsam durch Deutschland und China. Drei Wochen lang recherchieren sie gemeinsam - und lernen ständig Neues über die Heimat ihres Tandem-Partners.

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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