Verherrlichung von Zigaretten Australisches Opernensemble verbannt "Carmen" aus Programm

Weil in dem Stück geraucht wird, hat ein australisches Opernensemble "Carmen" aus seinem Repertoire genommen. Viele Australier fühlen sich bevormundet. Nun hat sich sogar der Premier eingeschaltet.

Schlecht für die Stimme, gut für die Authentizität: Proben zu "Carmen" im Sydney Opera House mit Zigarette
AFP

Schlecht für die Stimme, gut für die Authentizität: Proben zu "Carmen" im Sydney Opera House mit Zigarette


Canberra - "Carmen" ist eine der bekanntesten, erfolgreichsten Opern der Welt. In Deutschland ist das Stück derzeit unter anderem in der Dresdner Semperoper zu sehen. Vielleicht sitzen im Publikum bald vermehrt Australier - denn auf den Bühnen des Kontinents wird die Geschichte um Leidenschaft, Liebe und Verrat bald kaum noch zu sehen sein.

Eines der größten Opernensembles des Landes, die West Australien Opera, hat "Carmen" aus ihrem Repertoire verbannt. Der Grund: Die 140 Jahre alte französische Oper glorifiziere das Rauchen.

Die Truppe hat demnach einen Deal mit einer staatlichen Agentur, die Gesundheit fördert. Umgerechnet 278.000 Euro bekommen die Sänger für den Verzicht auf "Carmen" gezahlt. Der Agentur zufolge sei das Ensemble auf sie zugekommen - nicht andersherum.

Die Nachricht löste in Australien eine Debatte aus. Viele ärgern sich über einen Staat, der seine Bürger zu sehr bemuttert. Sogar Premierminister Tony Abbott schaltete sich in die Diskussion ein. Diese Absprache sei "politische Korrektheit in ihrer irrsinnigsten Form", sagte er dem Melbourne Radio 3AW. Die Oper sei immer auch eine Übertreibung. Wenn man nun damit anfange, an allem Anstoß zu nehmen, dann könne man gleich "jede Oper verbieten".

Eine Sprecherin der West Australien Opera verteidigte das Vorgehen. Die Entscheidung sei einfach gewesen. "Wir kümmern uns um die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Mitarbeiter", sagte sie der "The West Australian". Das bedeute auch, dass sie bestimmte Gesundheitsbilder unterstützten.

gam/AP



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specialsymbol 09.10.2014
1. Konsequent
Wer Computerspiele aus diesen Gründen indiziert bzw. gleich ganz verbietet muß die gleiche Scala auch bei herkömmlichen Kulturprodukten anlegen. Hut ab vor Australien!
Bodo_B 09.10.2014
2. falsche Begruendung...
Achtung, Ironie: Wenn man Carmen schon verbannt, dann doch bitte aus dem richtigen/wichtigen Grund. Natuerlich glorifiziert diese Oper (wie viele andere auch) die Gewalt gegen Frauen! Kann mich noch gut an eine Zusammenfassung aus meiner Kindheit erinneren: Carmen ist eine Oper, in der die Sopranistin erstochen wird, und anstatt zu bluten, faengt sie dann an zu singen... Ironie Ende. Jeder weitere Kommentar ueberfluessig.
Jasper Fetherstone 09.10.2014
3. Schneidet
mal alle Szenen, in den geraucht wird, aus dem Film "Casablanca". Oh, vielleicht kommen jetzt ein paar Freaks wirklich auf die Idee.
des_pudels_kern 09.10.2014
4.
Zitat von Bodo_BAchtung, Ironie: Wenn man Carmen schon verbannt, dann doch bitte aus dem richtigen/wichtigen Grund. Natuerlich glorifiziert diese Oper (wie viele andere auch) die Gewalt gegen Frauen! Kann mich noch gut an eine Zusammenfassung aus meiner Kindheit erinneren: Carmen ist eine Oper, in der die Sopranistin erstochen wird, und anstatt zu bluten, faengt sie dann an zu singen... Ironie Ende. Jeder weitere Kommentar ueberfluessig.
Auch wenn das ja alles ganz dolle ironisch gemeint ist, ist das zwar ein auf viele Opern passendes Klischee, das aber gerade bei der Carmen gleich doppelt nicht stimmt. Erstmal "überleben" ausnahmslos alle Sopran-Charaktere (Micaela, Frasquita, Mercédes) und bloß weil sich schon eine Menge Sopranistinnen an der Carmen verhoben haben wird aus einer Mezzo- nicht plötzlich eine Sopranpartie. Und selbst wenn singt Carmen gerade nicht mehr, nachdem sie erstochen wurde. (sie wird während einer Chorpassage erstochen, danach singt José noch sein Geständnis, sie getötet zu haben und einen letzten Schluchzer und dann fällt auch schon der Vorhang. Ganz unabhängig davon ist, die Absetzung wegen einer Glorifizierung des Rauchens natürlich hanebüchener Unsinn. Über das Frauenbild könnte man (ganz ironiefrei) gern in einer entsprechenden Inszenierung mal "reden". Was aber in Australien wahrscheinlich auch nicht passieren würde, so kitschig-klischeehaft, wie da meist inszeniert wird.
AZ1 09.10.2014
5. Falscher Skandal
Ist doch völlig in Ordnung, dass das Ensemble selbst bestimmt, was es auf die Bühne bringt und was nicht. Dafür brauchst's nicht mal ne Begründung (und ich kann voll verstehen, dass manche bei der Arbeit nicht verqualmt werden wollen.) Soll, wer Carmen sehen will (was ich auch verstehen kann), halt woanders hingehen. Was aber völlig absurd ist, ist dass eine staatliche Agentur dem Ensemble Geld zahlt für die Nicht-Aufführung eines Stückes. An die Adresse dieser Agentur: Ich führe schon seit Jahren niemals Carmen auf und würde mich auch über finanzielle Anerkennung dessen freuen.
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