Canberra - Irgendwann einmal mag es Understatement und feine Ironie gewesen sein, den Amtssitz des australischen Premierministers "The Lodge" zu nennen: Übersetzen lässt sich das mit "Hütte" oder "bescheidenes Häuschen". Mit 40 Zimmern und 18.000 Quadratmetern Garten fällt das im Stile der britisch-georgianischen Architektur erbaute Gebäude eigentlich nicht in diese Kategorie.
In anderer Hinsicht jedoch schon: Die Hütte gilt als asbestverseuchtes Brandrisiko mit einem elektrischen Leitungssystem von historischem Wert (mit Tuch isolierter Kupferdraht). Dazu kommt eine völlig marode Wasserversorgung - außer von oben, wegen der Löcher im Dach. Die erleichtern immerhin den Possums (nicht zu verwechseln mit den nordamerikanischen Opossums!) das Kommen und Gehen.
Schön für die Tiere, weniger gut aber für die Gemälde im Speisesaal, denen sich der Urin der possierlichen Beutelratten, der an den Wänden herablief, bedenklich genähert haben soll.
So drastisch wurde der Verfall von "The Lodge", der die Premierministerin Julia Gillard nun zum Auszug zwang, zuletzt in Australiens Medien geschildert. Dass die "Hütte" würde renoviert werden müssen, war seit langem bekannt. Im Oktober 2011 erklärte das Finanzministerium den Amtssitz offiziell für baufällig und verordnete eine auf 18 Monate angesetzte Großrenovierung, die mehrere Millionen australische Dollar kosten wird.
Als es nun endlich so weit war, verkaufte die Premierministerin selbst den Auszug in einem Interview launig als Flucht vor unzumutbaren Zuständen und pinkelnden Possums. Vielleicht sollte es Sympathiewerte bringen; vielleicht war es dazu gedacht, in ökonomisch harten Zeiten Verständnis für aufwendige Renovierungen zu wecken.
Der Auszug wird zur Possum-Posse
Funktioniert hat es jedenfalls nicht. Das pinkelnde Possum, dass Australiens Premierministerin aus dem Amtssitz jagt, wird von zahllosen Witzbolden als Steilvorlage für jede Menge Gillard-Spott genutzt. Der sachlicher gefasste Verweis auf die baulichen Mängel der 84 Jahre alten Lodge macht die Sache sogar noch schlimmer: Marode Infrastrukturen und Installationen werden zum Sinnbild für alles, was in Gillards Regierung so knarrt, knarzt, quietscht und leckt.
"The leaks that forced the PM from The Lodge " titelte der "Sydney Morning Herald", Australiens führende Tageszeitung launig: "Die Lecks, die die Premierministerin aus der Lodge trieben." Wobei "leaks" im Englischen mehr als doppeldeutig ist: Es bedeutet sowohl "Leck" im Sinne von Informationsverlust und Undichtigkeit, als auch "Pinkler" - to take a leak bedeutet, sich zu erleichtern. So wird eine über neun Monate angekündigte Renovierungsmaßnahme zum Schenkelklopfer, gewürzt mit jeder Menge Schadenfreude.
Umfragen zufolge würden immer mehr Australier es vorziehen, wenn Gillard nach den 18 Monaten Renovierung gar nicht mehr einziehen würde. Selbst parteiintern ist die Labor-Politikerin heftig umstritten. Im Februar zog sich ihr Amtsvorgänger Kevin Rudd im Protest gegen Gillard aus dem Kabinett zurück, weil er der Premierministerin nicht mehr vertraue. Gillard ließ sich daraufhin noch einmal vom Parteivorstand als Kopf der Labor-Partei bestätigen, sie überstand die von ihr gestellte parteiinterne Vertrauensfrage mit rund 70 Prozent Zustimmung.
Anders sieht das beim australischen Wähler aus. Labor liegt in allen aktuellen Umfragen nach der Gunst der Wähler deutlich hinter der Konkurrenz der nationalliberalen Koalition. Rund 60 Prozent der Australier sind mit Julia Gillard unzufrieden, nur 36 Prozent der Wähler stehen einer Nielsen-Umfrage von Ende Mai folgend hinter Gillard. Nach ihrem Wunsch-Premier gefragt, antworten die meisten Australier derzeit, sie würden Oppositionsführer Tony Abbott vorziehen.
Pikant für die nun ohne offizielles Obdach regierende Premierministerin ist jedoch eine andere Zahl: Schlagen könnte Abbott derzeit nur ein Labor-Politiker - der von ihr gestürzte Amtsvorgänger Kevin Rudd.
Auch ohne Possums ist Australiens Politik derzeit nicht arm an Possen.
pat
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