Australischer Kriminalfall: Lindy Chamberlains langer Kampf

Im August 1980 starb in Australien das Baby von Lindy Chamberlain. Sie behauptete, ein Dingo habe ihre Tochter getötet. Die Ermittler glaubten ihr nicht, sie wurde erst wegen Mordes verurteilt, dann begnadigt. Nun darf die 63-Jährige auf vollständige Rehabilitierung hoffen.

Der Fall Lindy Chamberlain: Tod beim Ayers Rock Fotos
AP

Sydney - Der Fall liegt mehr als 30 Jahre zurück, doch die Geschichte lässt Australien noch immer nicht los. Am Freitag will die höchste Gerichtsmedizinerin des Bundesstaates Northern Territory eine Empfehlung über eine mögliche vollständige Rehabilitierung von Lindy Chamberlain abgeben - der Frau, deren Baby am 17. August 1980 unter mysteriösen Umständen ums Leben kam (mehr zu Australiens bekanntestem Kriminalfall lesen Sie hier).

Lindy Chamberlain campte damals mit ihrer Familie unweit des damals noch als Ayers Rock bekannten Uluru-Monolithen im Herzen der australischen Wüste. Ihre neun Wochen alte Tochter Azaria hatte sie schon in die Wiege im Zelt gelegt. Als das Baby zu schreien begann, eilte sie zum Zelt, sah einen Dingo, der etwas im Maul wegschleppte und fand im Zelt den zerrissenen und blutverschmierten Strampler und einen leeren, noch warmen Babyschlafsack - Azaria war weg. So hatte es Chamberlain damals geschildert.

Doch die Ermittler zweifelten an dieser Aussage. Wegen vermeintlicher Blutspuren in Chamberlains Auto und der Tatsache, dass der Strampler keine Speichelspuren eines Dingos aufwies, geriet die Mutter selbst in Verdacht.

Gegen die Chamberlains wurde Mordanklage erhoben, eine öffentliche Hetzjagd auf das Ehepaar begann. Vor allem die Gefühlskälte von Lindy Chamberlain während des Prozesses, ihre stoischen, tränenlosen, fast technokratisch wirkenden Aussagen brachten die Australier gegen sie auf. Kaum jemand konnte sich vorstellen, dass hier eine liebende Mutter ihr Baby an einen Dingo verloren hatte. Viele Besucher des Prozesses spuckten vor ihr aus oder heulten sie auf Dingo-Art an. Sie wurde beschimpft und bekam Morddrohungen.

1982 wurde Lindy Chamberlain wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit verurteilt, ihr Mann Michael wurde der Beihilfe für schuldig befunden. Drei Jahre später wurde zufällig Azarias Jacke in der Nähe eines Dingobaus gefunden, ein Jahr später kam Chamberlain frei.

Erst 1995 wurden die Chamberlains teilweise rehabilitiert. Der damalige Chefgerichtsmediziner kam in einem Gutachten allerdings zu keinem eindeutigen Ergebnis: Die Indizien sprächen weder zweifelsfrei für einen Mord noch für die Dingo-These. In der Sterbeurkunde wurde die Todesursache offen gelassen.

Den Chamberlains reichte dieser Freispruch zweiter Klasse nicht. Sie wollen, dass offiziell festgehalten wird, dass ein Dingo das Baby getötet hat. Inzwischen sind sie geschieden, Lindy ist wieder verheiratet und Michael arbeitet als Buchautor. Es wird erwartet, dass die Gerichtsmedizinerin nun einen endgültigen Schlussstrich unter den Fall zieht.

Kristen Gelineau, AP

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