Elterncouch

Im Auto mit Kindern Bei uns wollt ihr nicht mitfahren, liebe Tramper

Nicht für jeden ein Vergnügen: Autofahren mit der Familie
Michael Meißner

Nicht für jeden ein Vergnügen: Autofahren mit der Familie


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Nach dem Schnuller tauchen, am Kindersitz rütteln, Geschrei ertragen: Eltern beherrschen diese nervigen Unterdisziplinen des Autofahrens mit Kindern aus dem Effeff. Aber was würde ein Tramper tun?

Als wir den Rastplatz an der A7 verlassen, steht an der Auffahrt ein Anhalter. Jana guckt mich an, ich gucke zurück. Und als hätte uns Simon Rattle persönlich den Einsatz gegeben, müssen wir beide lachen. Ein Anhalter!

Noch vor fünf Jahren hätten wir den Mann wahrscheinlich mitgenommen. Typ: Student mit Touring-Rucksack, Rastalocken, wahrscheinlich guter Musikgeschmack und nicht ganz so gutes Deo, aber hey, irgendwie einer von uns. Aber heute? Stellen wir uns das mal vor, nur so theoretisch: Hallo, wo wollen Sie hin? Hamburg? Das passt, da müssen wir auch hin, steigen Sie ein.

Wohin? Na, auf den Rücksitz. Zwischen die beiden Kindersitze. Ach stimmt, ich steig eben aus, dann können Sie von vorne über den Beifahrersitz und die Mittelkonsole nach hinten klettern. Tja, der Kofferraum ist leider voll. Wissen Sie, wir waren vier Tage bei meinen Schwiegereltern, drei Koffer für die Kinder, einer für uns, der Buggy, das Reisebett und die Windeltasche - aber Sie können Ihren Rucksack ja auf den Schoß nehmen. Geht es? Ja, ist ein bisschen eng zwischen den beiden Sitzen, das stimmt. Es geht leichter, wenn Sie die Schulter und die Hüfte nach links eindrehen. Vorsicht, nicht auf den Teddybären treten.

Ach so, anschnallen wollen Sie sich? Naja, da müssen Sie sich schon entscheiden... guckt mal, Frederik, Oliver, der nette Mann fährt jetzt mit uns mit. Also von mir aus können wir uns auch duzen, ich bin der Jonas, das ist meine Frau Jana, und das sind Frederik, der ist vier, und Oliver, anderthalb. Und du? Phillip, schön. Und wo kommst du gerade her? Ach, eine Rucksacktour durch Nepal? Spannend, spannend.

Du hast dem Phillip wehgetan

Sag mal, könntest du mal gucken, ob du an Olivers Schnuller rankommst, der muss irgendwo im Fußraum liegen. Frederik, nicht so rumschmieren mit den Schokoladenkeksen, guck mal, jetzt hat Phillips Hose was abbekommen. Und, ist der Schnuller da? Vielleicht ist er auch da hinten hingefallen, zwischen Kindersitz und Tür. Kommst du da ran?

Oliver, zieh dem Phillip nicht an den Haaren, nein, Oliver, lass los, das tut dem Phillip weh, hörst du, er schreit schon ganz doll. Nein, du musst jetzt nicht anfangen zu weinen, Oliver. Du hast dem Phillip wehgetan, und das geht nicht, du willst ja auch nicht, dass er dir an den Haaren zieht. Oliver? Alles gut, Oliver, nicht weinen. Oliver!

Sag mal Phillip, würde es dir was ausmachen, etwas an Olivers Kindersitz zu rütteln? Das beruhigt ihn normalerweise. Ja, mit der rechten Hand da unten und mit dem linken Arm einmal über ihn drüber, genau. Gleichmäßig rütteln, nicht so schnell - nein, auch nicht so langsam, so in der Mitte - ja, genau so. Wie lange? Och, meistens schläft er dann so in einer halben bis Dreiviertelstunde ein.

Oh, Helene Fischer

Ach, jetzt ist der Schnuller schon wieder rausgefallen, könntest du noch mal im Fußraum schauen? Ja Frederik, wir hören das Hörspiel gleich weiter, Phillip muss eben noch den Schnuller finden, sonst versteht man ja gar nichts, wenn Oliver so laut schreit. Moment, wir machen mal Radio an, NDR 1, lustigerweise beruhigen ihn deutsche Schlagermusik oder Militärmärsche am besten. Oh, Helene Fischer.

Was? Hier aussteigen? Aber es sind noch über hundert Kilometer bis Hamburg! Was? Ich versteh dich nicht, Oliver, alles gut, Moment, ich mach das Radio mal leiser, Jana, kannst du auf den Parkplatz fahren? Phillip sagt, ihm ist plötzlich schlecht geworden.

Und während wir in Gedanken zusehen, wie der junge Mann schneller, als wir es ihm mit seinem schweren Rucksack zugetraut hätten, das Weite sucht, sei mir eine Anmerkung gestattet: Liebe Anhalter, wenn in Zukunft ein ziemlich bepacktes blaues Auto mit Hamburger Kennzeichen und dröhnender Schlagermusik an euch vorbeifährt und nicht anhält - tröstet euch. Ihr würdet es nicht wollen.

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Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

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