Babyleichen Vorwürfe gegen Polizei

Polizei und Jugendamt wußten vor dem Tod des jüngsten Säuglings über eine möglicherweise bevorstehende Tat. Der zuständige Amtsarzt informierte die Behörden Ende Mai, nachdem er einen Hinweis auf den Zustand der Frau erhalten hatte. Er war bereits bei der ersten Ermittlung wegen Kindstötung 1993 dabei.


Chemnitz/Mühltroff - Im Fall der drei toten Babys im sächsischen Mühltroff hat der Ehemann der 28jährigen tatverdächtigen Frau eine Beteiligung bestritten. "Er sagte dem Ermittlungsrichter, daß er mit der Sache nichts zu tun hat", sagte Staatsanwalt Siegfried Rümmler von der Staatsanwaltschaft Chemnitz am Freitag. Die toten Säuglinge waren am vergangenen Wochenende in einer Tiefkühltruhe im Haus der inzwischen verhafteten Mutter gefunden worden.

Ihr 30jähriger Mann war zunächst wegen des Verdachts der Beihilfe festgenommen worden. Ein Haftbefehl gegen den Bauarbeiter wurde aber abgelehnt. Sollte sich der dringende Tatverdacht erhärten, könnte gegen ihn erneut Haftbefehl beantragt werden, sagte Rümmler. Er steht nach Angaben von Oberstaatsanwalt Hans Strobl weiter im Verdacht der Beihilfe.

Verwandte und Bekannte hüllen sich bei den Vernehmungen nach wie vor in Schweigen und berufen sich auf das Aussageverweigerungsrecht. «Wir haben aber Hinweise, daß sie sich vor laufenden Kameras und gegenüber Medienvertretern äußern», meinte Rümmler.

Die Staatsanwaltschaft prüft auch die Schuldfähigkeit der Mutter, die die drei Babys erstickt und anschließend in die Kühltruhe gelegt haben soll. "Sie zeigt bisher keine Aussagebereitschaft." Rümmler hofft, daß die Verteidigung aber angesichts der objektiven, belastenden Beweismittel die Haltung der Frau ändern kann. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen zur Bestimmung der Vaterschaft, zum Geburtstermin der beiden anderen Babys sowie für psychologische Gutachten der Eltern sind noch nicht abgeschlossen.

Am Donnerstag war bekannt geworden, daß die Polizei bereits vor dem Tod des jüngsten Kindes einen Hinweis auf eine mögliche bevorstehende Straftat erhalten hat. Nach Auskunft von Rümmler hatte der Amtsarzt des Vogtlandkreises die Polizei informiert. «Es war derselbe Arzt, der bei den Ereignissen 1993 dabei war», sagte Rümmler. Schon damals war die Frau in den Verdacht geraten, ein Kind getötet zu haben.

Die Polizei ließ auf der Suche nach einer Babyleiche eine Güllegrube leerpumpen, fand aber nichts.

Diesmal habe das Landratsamt das zuständige Jugendamt angewiesen, einen Beamten bei der Familie vorbeizuschicken. «Es ist aber nicht bekannt, ob auch eine Betreuerin dort war.» Ob damit aber die Tötung zumindest des letzten Neugeborenen vermieden worden wäre, sei fraglich, sagte Rümmler. Erst durch einen erneuten Hinweis aus der Nachbarschaft am 3. Juni hatte die Polizei die 28jährige Frau mit dem Vorwurf der Anwohner konfrontiert, sie sei schwanger gewesen und habe jetzt kein Neugeborenes bei sich. Daraufhin hatte sie ein Päckchen mit einer Babyleiche übergeben. Erst bei der genaueren Untersuchung der Wohnung waren die beiden anderen toten Kinder gefunden worden.

Die Polizei hatte bereits vor dem Tod des jüngsten Kindes einen Hinweis auf eine mögliche bevorstehende Straftat erhalten. Das bestätigte eine Sprecherin des Landratsamtes Plauen am Donnerstag. Ein Mann hatte der Polizei die Schwangerschaft gemeldet und die Befürchtung geäußert, es könne wieder ein Verbrechen geschehen. Bereits 1993 wurde gegen die Frau wegen Kindstötung ermittelt, allerdings fanden die Behörden damals keine Spuren. Nach einem Bericht von "Focus TV" antwortete eine Beamtin dem Mann, es sei momentan nicht der Verdacht einer strafbaren Handlung gegeben. Schwanger zu sein, sei nicht strafbar.

Erst durch einen erneuten Hinweis aus der Nachbarschaft am 3. Juni hatte die Polizei die 28jährige Frau mit dem Vorwurf konfrontiert, sie sei schwanger gewesen und habe jetzt kein Neugeborenes bei sich. Daraufhin hatte sie ein Päckchen mit einer Babyleiche übergeben. Erst bei der genaueren Untersuchung der Wohnung waren die beiden anderen toten Säuglinge in der Tiefkühltruhe der Familie gefunden worden.

Ein Sprecher der Chemnitzer Staatsanwaltschaft sagte, ein Verdacht über eine bevorstehende Kindstötung könne nur schwer verfolgt werden. Nur der Umstand, daß ein Nachbar den Verdacht äußere, eine Frau könne in Zukunft eventuell etwas Strafbares mit ihrem Neugeborenen tun, sei nicht ausreichend.

Unterdessen prüft die Staatsanwaltschaft gegenwärtig die Schuldfähigkeit der 28 Jahre alten Mutter, die drei Babys erstickt haben soll. Dies erweise sich als schwierig, sagte Oberstaatsanwalt Hans Strobl. Sowohl die Frau als auch ihre Verwandten machen nach wie vor keine Aussage zu den Vorwürfen der Ermittlungsbehörden. Es sei deshalb auch für einen Gutachter schwer, die Persönlichkeit der Frau einzuschätzen.

Der 30jährige Ehemann, den die Ermittlungsbehörden gemeinsam mit der Hausfrau am Dienstag wegen des Verdachts der Beihilfe festgenommen hatte, ist seit Mittwoch nachmittag auf freiem Fuß. Ein Haftbefehl war vom Amtsgericht abgelehnt worden. Die Ermittlungen, ob er der Vater der getöteten Kinder ist, dauern noch an.



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