Helfer über seinen Einsatz in Bad Aibling "Konzentriert wie ein Sprinter vor dem 100-Meter-Lauf"

Die Tragödie von Bad Aibling setzte die Rettungskräfte unter enormen Stress. Wolfram Höfler, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr, sagt, man trage die Bilder vom Einsatz in sich. Doch auch Helfer bekommen Hilfe.

Retter am Unfallort: "Wenn man nicht priorisiert, bricht der Einsatz zusammen"
AP/dpa

Retter am Unfallort: "Wenn man nicht priorisiert, bricht der Einsatz zusammen"

Aus Bad Aibling berichtet


Als der Pieper am frühen Dienstagmorgen Alarm schlug, als er dann das Alarmstichwort abhörte, glaubte Wolfram Höfler für einen Augenblick an einen Irrtum: "Zug gegen Zug."

Der federführende Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr in Bad Aibling ist ein Mann mit einem gewissen Grundvertrauen in die moderne Technik. Ein Zusammenstoß zweier Züge, hier in Deutschland im Jahr 2016? Völlig undenkbar.

Höfler warf einen Blick auf die Alarmdepesche. Da wurde dem 62-Jährigen klar, dass die Lage sehr ernst sein musste. "Das war ein langes Ding", sagt Höfler am Mittwoch - und lange Meldungen verheißen in solchen Fällen nichts Gutes.

Wolfram Höfler: "Als sei ein Zug in der Mitte detoniert"
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Wolfram Höfler: "Als sei ein Zug in der Mitte detoniert"

Höfler sprang in sein Fahrzeug und machte sich auf den Weg zum Unfallort. Er brauchte viereinhalb Minuten. Es könnte sich um einen Rangierunfall handeln, dachte er während der Fahrt. Als er dann an der eingleisigen Strecke zwischen Mangfall-Kanal und einem kleinen Wald ankam, erkannte er das Ausmaß des Unglücks.

Trümmer lagen verstreut auf der Wiese, hingen in den Bäumen, einige Verletzte kamen den Rettungskräften schreiend entgegen. Und dann die ineinander verkeilten Triebwagen der beiden Meridian-Züge, die mit hoher Geschwindigkeit frontal zusammengeprallt waren: "Es sah so aus, als sei ein Zug in der Mitte detoniert", sagt Höfler.

Seit 1970 ist er bei der Freiwilligen Feuerwehr, auch bei der Zugkatastrophe von Warngau 1975 mit 41 Toten half Höfler bei den Rettungsarbeiten. Dennoch sei er in Bad Aibling regelrecht erschlagen gewesen von dem Ausmaß des Unfalls. "Dazu aber so konzentriert wie ein Sprinter vor dem 100-Meter-Lauf", sagt Höfler. Ein gut organisierter Einsatz sei die halbe Rettung.

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Zugunglück: Der Unfall bei Bad Aibling
Es sei für die Rettungskräfte nicht einfach gewesen, in den teilweise aus dem Gleis gekippten und schräg stehenden Zügen zu den Menschen vorzudringen, sagt Höfler. Der Boden sei teilweise blutverschmiert gewesen. Die Notärzte versuchten, sich einen schnellen Überblick über die Verletzungen der Zuginsassen zu verschaffen: Schwerverletzte erhielten ein rotes, Leichtverletze ein grünes Bändchen. "Wenn man nicht priorisiert, bricht der Einsatz zusammen", sagt Höfler.

Er hat noch viele Bilder von dem jüngsten Einsatz im Kopf: die abgerissenen Beine; die schwangere Frau, die nicht mehr laufen konnte, aber zum Glück nicht schwer verletzt war; den toten Lokführer, eingeklemmt im Lokführerstand. "Das trägt man jetzt in sich", sagt Höfler und betont, dass die psychosoziale Nachbetreuung der Rettungskräfte inzwischen glücklicherweise zu solchen Einsätzen dazugehöre. Keiner seiner Leute sei ohne ein Gespräch mit Experten nach Hause gefahren. In den nächsten Tagen folge ein weiterer Termin, um zu klären, ob es weiteren Bedarf gebe. "Man gilt heute zum Glück nicht mehr als Weichei, wenn man solche Hilfe in Anspruch nimmt."

Er habe gelernt, bei Rettungseinsätzen das einstudierte Programm abzuspulen. Handeln sei in solchen Situationen gefragt, nicht Emotionen. "Das ist nicht herzlos, sondern dient dem Einsatz und dem Selbstschutz", sagt Höfler. Er sei froh, dass die Rettungsmaßnahmen trotz der Dramatik des Unfalls gut gelaufen seien und freue sich auch über die respektvollen Worte der Politiker, die nach dem Zugunglück nach Bad Aibling gekommen seien. Es gebe nicht immer so viel Anerkennung für die Arbeit der Rettungskräfte.

Viel Zeit zum Ausruhen hatte er bislang nicht. Nach dem Notfall an der Bahnstrecke war die Freiwillige Feuerwehr wegen Sturmeinsätzen gefordert. Höfler sagt: "Ich war nachts um drei zu Hause und bin dann wieder um sechs Uhr aufgestanden."

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