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Bahn-Verweis für 16-Jährige: "Ich tue nur meinen Dienst! Steigen Sie aus!"

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Bei minus 18 Grad wurde Jennifer in Brandenburg aus dem Zug gewiesen. Sie hatte das falsche Ticket gelöst. In der Dunkelheit musste die 16-Jährige an einem geschlossenen Bahnhof ausharren. Ein Erlebnis, das ihr Weltbild erschüttert hat: "Die Schaffnerin kannte kein Erbarmen."

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Bahn-Passagierin Jennifer Reischl: "Ich bin minderjährig, Sie können mich nicht aussetzen"

Hamburg - Jennifer Reischl hat am Freitag ihr Zwischenzeugnis bekommen. Es ist besser ausgefallen, als sie dachte. Doch die 16-Jährige kann sich darüber kaum freuen, zu sehr steckt ihr noch der Dienstagabend in den Knochen. Eine Schaffnerin hatte sie auf dem Nachhauseweg um 21.45 Uhr am Bahnhof Königs Wusterhausen in Brandenburg aus dem Zug geworfen. Das Mädchen hatte angeblich den falschen Fahrschein gelöst.

Mit ihrer Mutter Julia, einer Soldatin, ist Jennifer von Wiesbaden nach Groß Köris gezogen, einer 2300-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Dahme-Spreewald. Regelmäßig besucht die Schülerin eine Freundin in Berlin. Dann nimmt sie den Regionalexpress von Groß Köris bis Berlin-Alexanderplatz, 45 Minuten Fahrzeit.

So auch am vergangenen Dienstag. Um 18.30 Uhr fährt Jennifer zu Hause los, löst wie immer - weil es am Bahnhof Groß Köris keinen Fahrscheinautomaten gibt - ihre Karte bei einem Schaffner im Zug. 5,10 Euro. Kurz nach 21 Uhr klettert sie am Alexanderplatz erneut in die Bahn Richtung Cottbus, um wieder nach Hause zu fahren. Um 22.05 Uhr will sie daheim sein, sie schreibt am nächsten Tag eine Chemieklausur.

Fünf Fahrminuten vor Königs Wusterhausen kommt es zur Fahrscheinkontrolle. "Ich hatte 5,10 Euro aufgehoben, weil ich auf der Hinfahrt und auch sonst immer so viel bezahle", sagt Jennifer. Doch die Schaffnerin verlangt - für Jennifer überraschend - 7,20 Euro.

Nach Angaben der Deutschen Bahn ist dies der korrekte Preis - der sogenannte "Bordpreis". Dieser wird erhoben, wenn der Fahrgast eine Möglichkeit gehabt hätte, sich die Fahrkarte zum Regeltarif an einem Automaten zu ziehen. Im Fall von Jennifer also am Alexanderplatz. Monatelang hat Jennifer nach eigenen Aussagen jedoch im Zug immer einen Fahrschein für 5,10 Euro gelöst - auch auf der Rückfahrt. "Da muss sie entweder Glück gehabt haben bei den Kontrolleuren oder die hatten keine Ahnung", sagt ein Bahn-Sprecher.

Am Dienstagabend hat Jennifer in ihrem kleinen, schwarzen Portemonnaie jedenfalls noch exakt 5,30 Euro. "Ich sagte ihr, das sei mein ganzes Geld", erzählt die 16-Jährige. Die Schaffnerin habe erwidert: "Ich stelle dir einen Fahrschein aus, damit kannst du bis Wusterhausen fahren, aber dort musst du dann aussteigen."

"Ich bin minderjährig, Sie können mich nicht einfach aussetzen"

Jennifer wusste, dass Kontrolleure in der Vergangenheit Jugendliche des Zuges verwiesen hatten, weil sie entweder gar keinen oder nur einen ungültigen Fahrschein vorzeigen konnten - aber Jennifer wusste auch, dass dies gegen das viel beschworene "Service"-Mantra der Deutschen Bahn verstößt. "Ich geriet erst einmal in Panik, aber dann fasste ich mich und sagte zu der Schaffnerin: 'Ich bin minderjährig, Sie können mich nicht einfach aussetzen.'" - "Ich tue nur meinen Dienst", habe die Frau ihr geantwortet. Dreimal habe sie die unerbittliche Schaffnerin "regelrecht angefleht", beteuert Jennifer und ihr gesagt, dass ihre Mutter sie nicht abholen könne, weil diese Nachtschicht habe.

"Bitte, können Sie keine Ausnahme machen?", habe sie die Schaffnerin mehrfach gefragt. Doch diese erhörte sie nicht, marschierte durch den Waggon und kontrollierte andere Fahrgäste.

Jennifer ruft vom Handy aus ihre Mutter an, die bei der Bundeswehr bis früh morgens Wache schiebt. Sie schildert ihr die Situation, die Mutter verlangt, mit der Kontrolleurin zu sprechen. Jennifer hält dieser den Hörer hin, die Frau weigert sich jedoch, mit der Mutter der 16-Jährigen zu sprechen. Mehrfach wiederholt sie entschieden: "Ich tue hier nur meinen Dienst! Bitte steigen Sie aus!"

Julia Reischl hörte am anderen Ende der Leitung, wie die Zugtür aufkracht und wieder zuschnappt. "Ich fragte Jennifer: Bist du jetzt draußen, oder wie?" - Ja, Jennifer stand auf dem Bahnsteig in Königs Wusterhausen. Drei Stationen vor Groß Köris, 20 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Es ist 21.45 Uhr, minus 18 Grad, laut Deutschem Wetterdienst die bisher kälteste Nacht dieses Januars - und stockfinster.

Nach unzähligen Fahrten eine Kontrolleurin "ohne Erbarmen"

Alle Gebäude sind verschlossen, Jennifer kann sich in keinen Raum setzen. Weil sie noch an einer Erkältung zu knapsen hat, trägt sie zwar zwei Pullover und zwei Jacken übereinander, aber - so sagt ihre Mutter - "sie war so angezogen, wie sich 16-Jährige trotz Wintertemperaturen eben kleiden".

Julia Reischls Handy-Akku piept, gleich könnte das Gespräch beendet sein. Sie kann nicht mitten im Dienst ihre Tochter auf dem Bahnhof abholen. Der 34-Jährigen gelingt es, einen Kollegen zu schicken. Nach einer Stunde in der klirrenden Kälte wird Jennifer von ihm abgeholt. Da auch der Kollege eiligst zur Arbeit muss und die Zeit nicht reicht, das Mädchen nach Hause zu bringen, muss Jennifer bis 7 Uhr morgens in der Kaserne warten, erst dann hat ihre Mutter Dienstschluss.

Jennifer hat der Vorfall erschüttert. "Ich hatte noch nie Probleme beim Zugfahren, die meisten Kontrolleure waren immer saunett." Es sei erstaunlich gewesen, wie gnadenlos sich die Bahnangestellte geriert habe. "Die kannte kein Erbarmen."

Bahnsprecher "schockiert von diesem Vorfall"

Und wie haben sich die anderen Fahrgäste verhalten? "Die haben Zeitung gelesen oder aus dem Fenster geguckt. Eingemischt hat sich keiner", sagt Jennifer. "Vorausgesetzt, sie haben die Auseinandersetzung mitbekommen, aber davon gehe ich aus."

Am Samstag soll es zu einem Treffen zwischen Jennifer und Julia Reischl und Vertretern der Bahn kommen. Julia Reischl hofft, dass die Kontrolleurin persönlich erscheinen wird. "Ich war anfangs sehr aufgebracht. Als Soldatin weiß ich, was es heißt, wenn man 'seinen Dienst' ausführen muss", sagt die 34-Jährige. Aber eine Dienstanweisung müsse eben auch beinhalten, ein minderjähriges Mädchen nicht im Nirgendwo auszusetzen. "Ich will mit ihr reden, denn sie tut mir leid. Ich glaube, die Bahn setzt ihre Leute unter Druck, damit die Kontrolleure strenger durchgreifen. Die Schüler sind immer nur so gut wie die Lehrer, daran glaube ich."

Dem widerspricht die Deutsche Bahn. "Das lässt sich ganz klar widerlegen", sagt ein Sprecher der Unternehmens. In Schulungen und Rundschreiben sei wiederholt darauf hingewiesen worden, dass Minderjährige selbst im Zweifelsfall nicht aus dem Zug zu weisen seien. Alle Schaffner in Brandenburg hätten diese Anweisung noch 2009 per SMS auf ihr Dienst-Handy bekommen, sie sei "unmissverständlich". "Wir waren selbst schockiert von diesem jüngsten Vorfall", so der Sprecher.

"Hier ist jeder froh, wenn er Arbeit hat"

Julia Reischl ist davon überzeugt, dass die Kontrolleurin bereits kurz nach dem Vorfall registriert habe, "was sie angerichtet hat". Sie habe gegenüber ihrem Arbeitgeber ihr Fehlverhalten prompt eingeräumt, habe die Bahn den Reischls gegenüber versichert. "Sonst hätte sie nicht nur gegen ihre Dienstvorschrift, sondern auch gegen ihren Menschenverstand und die Menschlichkeit verstoßen. Sie wolle keinesfalls, dass die Schaffnerin ihren Job verliere. "Sie ist Mitte 40, lebt in Brandenburg, sie bangt nun sicher um ihren Job. Hier ist jeder froh, wenn er Arbeit hat."

Mutter und Tochter wollen "keinen finanziellen Vorteil, einen Freifahrtgutschein oder einen Strauß Blumen". "Uns geht es darum, dass das nicht noch einmal passiert. Dass Minderjährige oder behinderte, gebrechliche Menschen, die ein falsches Ticket haben, nicht aus dem Zug geworfen werden", sagt Julia Reischl.

Ihre Tochter sei eine "resolute, durchsetzungsfähige Person", die "sich auszudrücken" verstehe und Selbstbewusstsein besitze. "Doch sie war nach diesem Erlebnis echt am Ende, ein regelrechtes Wrack. Sie hat sich die ganze Nacht nicht davon erholt."

Eine Zwölfjährige musste fünf Kilometer laufen - mit Cello auf dem Rücken

Im brandenburgischen Wittstock musste im November 2008 eine 13-Jährige aus einem Zug steigen, weil sie weder Fahrkarte, Geld noch Handy für einen Anruf zu Hause bei sich hatte - sie hatte schlichtweg ihr Portemonnaie vergessen. Sogar, als Mitreisende angeboten hatten, die 2,90 Euro Fahrgeld für das Kind auszulegen, war die Kontrolleurin hart geblieben.

In Mecklenburg-Vorpommern musste ein zwölf Jahre altes Mädchen einen Zug verlassen und bei einbrechender Dunkelheit mit einem Cello auf dem Rücken fünf Kilometer nach Hause laufen. Es habe damals "arbeitsrechtliche Konsequenzen" gegeben, sagte ein Bahn-Sprecher. Nach seinen Angaben werden die Mitarbeiter seither gezielt geschult, um solche Vorfälle zu verhindern.

Der aktuelle Fall sei ein Skandal, sagte Hartmut Buyken, Sprecher des Bundesverbandes Pro-Bahn. "Das war nun wirklich niemand, der mit aller Gewalt schwarzfahren wollte, sondern der aus Versehen einen falschen Fahrschein gelöst hat." Die Schaffnerin möge formal recht gehabt haben, "aber man muss doch mit einem gewissen Augenmaß vorgehen". Die Bahn-Angestellten hätten noch immer nicht gelernt, dass die Deutsche Bahn ein Serviceunternehmen sei.

Der Vorfall beweise, dass die Mitarbeiter besser eingeschärft bekommen müssten, was erlaubt sei und was nicht. Zudem gebe es immer eine Möglichkeit, um den Fahrpreis nachträglich einzufordern, indem beispielsweise die Personalien erfasst werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Sofort fristlos kündigen!
Klo, 29.01.2010
Zitat von sysopBei minus 18 Grad wurde Jennifer in Brandenburg aus dem Zug gewiesen. Sie hatte das falsche Ticket gelöst. In der Dunkelheit musste die 16-Jährige an einem geschlossenen Bahnhof ausharren. Ein Erlebnis, das ihr Weltbild erschüttert hat: "Die Schaffnerin kannte kein Erbarmen." http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,674844,00.html
Entlassen dieser Schaffnerin und aller Vorgesetzten bis hinauf zur Chefetage. Irgendwoher müssen diese menschenfeindlichen und asoizalen Richtlinien im Umgang mit Kunden ja kommen.
2. ...
medienquadrat, 29.01.2010
Zitat von sysopBei minus 18 Grad wurde Jennifer in Brandenburg aus dem Zug gewiesen. Sie hatte das falsche Ticket gelöst. In der Dunkelheit musste die 16-Jährige an einem geschlossenen Bahnhof ausharren. Ein Erlebnis, das ihr Weltbild erschüttert hat: "Die Schaffnerin kannte kein Erbarmen." http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,674844,00.html
Jawoll! Hacke-Hacke! Das sind noch Schaffnerinnen von altem Schlag. Ermessensgrundlage, ja, aber Zucht & Ordnung muss sein. Bah, was ekle ich mich vor so einem Ungeist!
3. Als ich ....
someone_one, 29.01.2010
Als ich ....die Überschrift las, ahnte ich schon, das kann nur in Brandenburg passiert sein... ;-)) Es ist unfassbar!!
4. .
irobot 29.01.2010
---Zitat--- Ich tue nur meinen Dienst! ---Zitatende--- Klingt wie ---Zitat--- Ich habe nur Befehle ausgeführt ---Zitatende--- Fragt sich nur, was passiert wäre, wenn die Schaffnerin ein Auge zugedrückt hätte und sich dann vor einem Kontrolleur hätte verantworten müssen.
5. Dienst nach Vorschrift
kommentar.h 29.01.2010
Zitat von KloEntlassen dieser Schaffnerin und aller Vorgesetzten bis hinauf zur Chefetage. Irgendwoher müssen diese menschenfeindlichen und asoizalen Richtlinien im Umgang mit Kunden ja kommen.
Schaffnerin sofort entlassen? - Aber vorher wirklich in der Chefetage anfangen!
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