Luxus-Baumhäuser: Sehnsucht nach Villa Kunterbunt

Vom Bretterverschlag zwischen den Ästen zum Architektur-Kleinod: Das Baumhaus ist zum Designobjekt geworden. Im Interview spricht Architekt Andreas Wenning über Ärger mit dem Bauamt, die Suche nach Abenteuern zwischen den Wipfeln und ganz spezielle Kundenwünsche.

Baumhäuser: Ja, wohn' ich im Wald hier? Fotos
Akihisa Masuda

SPIEGEL ONLINE: Herr Wenning, was fürchten Sie als Baumhausarchitekt am meisten? Sturm, Borkenkäfer oder Bauamt?

Wenning: Das Bauamt. Wenn ich den Sturm fürchten müsste, würde mit meinen Konstruktionen etwas nicht stimmen. Bislang ist noch nichts runtergekracht. Mit dem Bauamt habe ich dagegen schon viel Ärger gehabt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wenning: Baumhäuser werden baurechtlich als Gebäude eingestuft und nach den gleichen Maßstäben beurteilt, etwa in Bezug auf die Lage. Da heißt es dann: Das ist nicht direkt in einer Ortschaft, und deshalb darf das Baumhaus dort nicht gebaut werden. Ich finde das ungerechtfertigt. Wieso sollte in einem Garten, der der Erholung dient, kein Baumhaus stehen?

SPIEGEL ONLINE: Wie enden solche Konflikte?

Wenning: Etwa ein Drittel der Projekte wird nicht gebaut.

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Naturschützer?

Wenning: Manche finden Baumhäuser gut, weil sie der Natur nahe sind und es nur wenige davon gibt - ein paar hundert in Deutschland. Der ideelle Wert eines Baumhauses im Verbund mit der Natur wiegt die vermeintliche Störung des Baumes auf - es ist ein Zeichen, dass man in und mit der Natur sein will. Andere Naturschützer finden es bedeutsamer, dass sich durch das Haus ein Vogel gestört fühlt und nicht mehr zum Baum fliegt.

SPIEGEL ONLINE: In Baumhäusern kann man schlafen, essen, feiern, spielen, meditieren, lesen, in Ruhe ein Rendezvous haben. Was geht nicht?

Wenning: (lacht) Eine Glockengießerei oder ein Betrieb der Autoindustrie wäre sicherlich fehl am Platz. Aber ein Baumhaus ist kein reiner Funktionsraum. Im Baumhaus trete ich in einen Raum ein, in dem ich alles ein Stück weit zelebriere. Im Gegensatz zu normalen Häusern tritt dort das Umfeld nicht in den Hintergrund. Es ist ein Gefühl der Erhabenheit - im räumlichen und übertragenen Sinn.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Bretterverschlag aus Kindheitstagen haben Ihre Baumhäuser nicht mehr viel gemein. Wäre nicht der Begriff "Baumvilla" angemessener?

Wenning: Nein, weil die Maßstäbe anders sind. Eine Stereoanlage im Baumhaus ist Luxus - im normalen Haus aber nichts Besonderes. Beim Baumhaus geht man von einem sehr einfachen, puristischen Standard aus. Ich fände es schade, wenn das durch überkommene Traditionen eingezwängt wird: rustikale Ausstattung, kleine Fenster, Hutzelhäuschen-Dach.

SPIEGEL ONLINE: Wer kauft Baumhäuser?

Wenning: Das ist ganz unterschiedlich. Manche Leute wollen etwas haben, das sie als Kind nicht hatten. Andere wollen ihren Kindern etwas weitergeben, das sie als Kind genossen haben. Meine Kunden beobachten sich selbst und fragen sich, welche Abenteuerräume ihr Leben noch hat, und sehen womöglich nicht viel. Die leben teilweise sehr traditionell, fahren ein großes Auto, mit dem sie die Kinder abholen. Auf Dauer langweilt das. Also suchen sie etwas Experimentelles, das sie eher bei anderen Menschen finden: bei den Abenteurern, den Selfmade-Baumeistern und Kindern.

SPIEGEL ONLINE: Und warum kommen sie dann zu Ihnen, statt ihre Baumhäuser selbst zu bauen?

Wenning: Viele Leute können nicht beurteilen, ob ein Baum geeignet ist. Er darf nicht zu jung und nicht zu alt sein. Ab 15 Zentimetern Stammdicke kann man Bäume in ein Baumhaus einbinden - ein gesunder, kräftiger Stamm kann Tonnen tragen. Gut geeignet sind beispielsweise Eichen, aber auch viele andere Baumarten. Ich freue mich, wenn es keine Pappeln oder Weiden sind - die sind recht flexibel und wachsen sehr schnell.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn ein geeigneter Baum vorhanden ist,…

Wenning: …fragen sich die Leute immer noch: Ist das sicher? Können wir das? Die Bauumgebung ist eine lebende, unregelmäßige Struktur. Das ist was anderes als ein Betonfundament. Manchmal wird dann entschieden, das Baumhaus professionell bauen zu lassen. Die Risikobereitschaft ist gesunken. Kinder sind da unbedarfter. Da wird ein Brett drangenagelt und hochgekraxelt. Die Erwachsenen denken bei jedem Nagel: Schadet das dem Baum? Hält das?

SPIEGEL ONLINE: Ist etwas so Ungewöhnliches nicht automatisch schon wieder ein Statussymbol?

Wenning: Vielleicht ein verstecktes. Die Kunden sagen sich: Wir haben dieses bürgerliche Leben, wir wollen die Besonderheit des Baumhauses, so ein Gefühl von Villa Kunterbunt. Das Bedürfnis ist typisch für unsere Gesellschaft. Dass trotzdem nur wenige Baumhäuser gebaut werden, liegt auch am Preis.

SPIEGEL ONLINE: Was kostet denn ein Profi-Baumhaus?

Wenning: Eine gedämmte Konstruktion mit Fenstern gibt es nicht unter 10.000 Euro. Manche Projekte kosten bis zu 80.000 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Wünsche, die Sie nicht erfüllen konnten?

Wenning: Es hat noch niemand nach einem Keller gefragt. Und ansonsten scheitern Wünsche meistens am Budget. Komplett runde Räume zum Beispiel sind im Vergleich sehr teuer. Aber prinzipiell ist vieles machbar. Ein Kunde wollte ein absenkbares Geländer - um von der Terrasse seinen Golf-Abschlag üben zu können.

Die Fragen stellte Benjamin Schulz

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Holzhaus wird Baumhaus
MrStoneStupid 19.11.2012
Baumhäuser sind problematisch für die Bäume aber es geht doch auch ohne Bäume: einfach ein Haus auf stabilen Stelzen bauen und Ranken anpflanzen. Das ist einfacher, sicherer und baumfreundlicher. (imho)
2. ...und was ist,
WolArn 19.11.2012
wenn mal wieder ein Jahrhundert-Orkan duch den Wald fegt? Aber auch bei einem normalen Sturm würde ich da oben ein mullmiges Gefühl bekommen. Man sollte aber auch nicht den letzten Wald, den wir noch haben, nicht noch mit Häusern verschandeln, finde ich.
3. Was hat das ...
SchwesterPolyester 19.11.2012
Was hat das Thema mit der bodenständigen Villa Kunterbunt einer Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf zu tun ?
4. ...wir bauen...
spon-facebook-10000012610 20.11.2012
...selber Baumhauser und stimmen Herrn Wenning zu. Allerdings verwenden wir eine andere Konstruktion und schlagen keine Nägel oder drehen Schrauben in den Baum ein...wer Interesse hat schaut gerne unter www.mammutbaumhaus.de oder folgt uns auf facebook....
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Zur Person
  • baumraum/ Julia Baier
    Andreas Wenning, Jahrgang 1965, machte sich nach einer Tischlerlehre und einem Architekturstudium 2003 mit seinem Architekturbüro baumraum selbständig. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Planung und Gestaltung von Baumhäusern. Wenning hat zu diesem Thema das Buch "Baumhäuser. Neue Architektur in den Bäumen" veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie in einem Stadthaus in Bremen, verbringt aber auch gerne Zeit in seinem eigenen Baumhaus.

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