Grabplatz-Vergabe in Berchtesgaden "Das Losverfahren erscheint uns am fairsten"

Der Alte Friedhof in Berchtesgaden ist beliebt. So beliebt, dass der Markt nun 200 Grabplätze per Losverfahren vergibt. Warum Bürger unbedingt dort beerdigt werden wollen, erzählt Bürgermeister Franz Rasp.

Der Alte Friedhof in Berchtesgaden
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Der Alte Friedhof in Berchtesgaden

Ein Interview von


Seit 1685 führt der letzte Weg vieler Berchtesgadener auf den Friedhof neben der Franziskanerkirche. Unter Granit- und Marmorsteinen, Bäumen und Blumen fanden sie ihre letzte Ruhe. Nun steht wegen des Alten Friedhofs bei Bürgermeister Franz Rasp das Telefon nicht mehr still. Warum? Am Mittwoch werden erstmals seit 1972 wieder Grabstellen auf der Fläche vergeben - im Losverfahren.

Seit Ende April konnten sich die Einheimischen für die Grablotterie anmelden. Das Interesse war groß. 280 Bürger bewarben sich um 200 Plätze. Interessenten konnten sich die 140 Erdbestattungs- und 60 Urnengräber entweder auf einem Plan im Internet oder direkt vor Ort ansehen.

Franz Rasp ist seit zehn Jahren Bürgermeister des Markts Berchtesgaden. Warum der alte Friedhof nun "wieder belebt" werden soll, erzählt er im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb verlosen Sie in Berchtesgaden Grabstellen?

Franz Rasp: Seit 1972 wurden keine Gräber mehr neu auf dem Alten Friedhof vergeben. Nun sind wieder Plätze frei und viele Bürger haben Interesse, dort beerdigt zu werden. Also haben wir lange überlegt, wie wir die Plätze vergeben. Das Losverfahren erscheint uns am fairsten. Jeder hat die gleichen Chancen. Wer zuerst gezogen wird, darf sich auch als Erstes aussuchen, an welcher Stelle des Alten Friedhofs er begraben werden möchte.

SPIEGEL ONLINE: 280 Bürger haben sich auf 200 Plätze beworben. Warum ist der Alte Friedhof so beliebt?

Rasp: Es ist zwar ein Friedhof - aber ein sehr, sehr schöner Friedhof. Die liegen sehr zentral, mitten im Ortskern. Vor allem für die älteren Bürger ist das ein Vorteil. Während sie den Bergfriedhof nur mit dem Bus besuchen können, ist der Alte Friedhof zu Fuß erreichbar. Viele Menschen kümmern sich mit Herzblut um die Gräber und hängen an diesem historischen Ort.

SPIEGEL ONLINE: Könnten bei der Verlosung einige Leute leer ausgehen?

Rasp: Ich bin entspannt und glaube, dass jeder Bewerber einen Platz bekommen wird. Tatsächlich haben sich bei uns ganze Familien für nur eine Grabstelle beworben - von der Oma bis zum Schwiegersohn. Sie hatten Angst, keinen Platz zu bekommen und wollten so ihre Chancen erhöhen. Daran sieht man auch, wie sehr den Berchtesgadenern ihre letzte Ruhestätte am Herzen liegt.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind jetzt wieder Grabplätze zu verteilen?

Rasp: Manche Gräber wurden mit der Zeit frei. Zudem haben wir den Alten Friedhof neu geplant und überlegt, wo wir Bäume und Sträucher pflanzen. So entstanden weitere neue Flächen. Mit 200 Gräbern haben wir nun eine ausreichende Zahl an Plätzen, die wir vergeben können. Außerdem erfüllen wir damit die Denkmalschutzpflicht, die vorsieht, dass der Friedhof weiterhin - so verrückt sich das jetzt anhört - "belebt" wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurden seit 1972 keine Gräber mehr auf dem Alten Friedhof vergeben?

Rasp: In den Sechzigerjahren wurde in Berchtesgaden ein neuer Friedhof geplant, der Bergfriedhof. Er bietet Platz für circa 4500 Gräber und sollte den Alten Friedhof im Ortskern ablösen. Dort sollte ein Kongresszentrum entstehen. Nach langen Diskussionen über die Auflösung des Friedhofs entschied sich der Markt dann aber gegen das Kongresszentrum und für die Erhaltung des Friedhofs, der heute unter Denkmalschutz steht. Trotzdem waren die Plätze auf dem Alten Friedhof mit 1500 Grabstätten begrenzt und alle Flächen im Voraus verteilt. Deshalb konnten wir ab 1972 keine neuen mehr vergeben. Es gab eine Zweiklassengesellschaft in Berchtesgaden: Die alteingesessenen Bürger hatten noch einen Platz auf dem Alten Friedhof, während die neuen auf den Bergfriedhof ausweichen mussten.

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