Beate Zschäpes Mutter: "Unser Vertrauen war weg"
Als Annerose Zschäpe erfährt, dass ihre Tochter an zehn Morden beteiligt gewesen sein soll, hatte es 14 Jahre keinen Kontakt mehr zwischen den beiden gegeben. In Vernehmungen des BKA suchte die Mutter nach Erklärungen für das Abdriften Beates in die rechte Szene.
Ihre Tochter verschwand von einem Tag auf den anderen. Anfangs muss Annerose Zschäpe noch gedacht haben, sie tauche wieder auf. Doch Beate Zschäpe lebte 14 Jahre lang im Untergrund, jonglierte mit zwölf erfundenen Identitäten. Sie nannte sich Mandy Struck, Silvia Rossberg, Lisa Pohl - je nachdem ob sie Zahnarzt, Optiker oder Tierarzt besuchte. Bei ihrer Mutter meldete sie sich nicht. Im November 2011 stellte sie sich der Polizei und enttarnte den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU).
Annerose Zschäpe, eine hochgewachsene Frau, ihrer Tochter Beate auffallend ähnelnd, lebt seit 1998 in einer weiß getünchten Platte in Jena - gemeinsam mit ihrer Mutter, die schwer herzkrank ist. In der Zwei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock wurde sie von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) vernommen.
Den Ermittlern saß eine Frau gegenüber, die zwei Studiengänge absolviert hat, aber keinen der Berufe ausübte. Sie studierte Zahnmedizin, doch Allergien hinderten sie daran, in dem Job zu arbeiten. Und sie studierte Ökonomie an der Fernuniversität, während sie als Buchhalterin bei Zeiss in Göschwitz jobbte - und dort hängenblieb. So hat sie es selbst erzählt.
Die Wende warf ihr Leben aus der Bahn. 1991 verlor sie ihren Job und verfiel in Schockstarre: Sie meldete sich nicht arbeitslos, lebte von Erspartem und gab sich dem Schicksal hin. "Ich saß nur da, hab nichts mehr gemacht", sagte sie den BKA-Beamten.
Hinzu lähmten sie private Probleme: Ihr damaliger Lebensgefährte und ihre Tochter Beate verstanden sich nicht. 1996 fand sie eine Anstellung als Lohnbuchhalterin, die sie aufgab, als ihre Tochter im Januar 1998 untertauchte. In der Vernehmung klingt es so, als sei das Verschwinden der Grund dafür.
Annerose Zschäpe zog zu ihrer Mutter in die Hochhaussiedlung auf einer Anhöhe im Stadtteil Löbstedt, zehn Stockwerke, 38 Mieter. Die Schockstarre blieb. Sie lebte von der Rente der Mutter, zurückgezogen, ohne viel Kontakt zu den Nachbarn. Erst im Januar 2011 nahm sie einen Ein-Euro-Job an.
Seit ihre Tochter im November 2011 auftauchte und mit ihr all die unfassbaren Vorwürfe, die Mordserie, das Doppelleben mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die Existenz einer rechtsterroristischen Zelle, ist Annerose Zschäpe wieder ohne Arbeit - auch weil ihre Mutter dringend Pflege benötigt.
Ein Leben ohne Vater(-Ersatz)
Wegen der schrecklichen Verbrechen, an denen ihre Tochter beteiligt gewesen sein soll, musste Annerose Zschäpe Auskunft geben über eine Zeit in ihrem Leben, die sie nicht als liebende Mutter erscheinen lässt: Mitten im Studium wurde sie schwanger mit Beate, ließ sie nach der Geburt bei den Großeltern, um ihre Ausbildung in Rumänien zu beenden.
Der Vater, ein Rumäne, scherte sich nicht um das Kind, die Vaterschaft erkannte er nie an. Bevor er 2000 starb, lebte und arbeitete er als Zahnarzt in Hagen. Beate Zschäpe habe ihr übelgenommen, dass sie keine Unterhaltszahlungen von ihm eingefordert habe, sagte die Mutter dem BKA.
Beate Zschäpe war nicht einmal ein Jahr alt, als ihre Mutter einen Jugendfreund aus Jena heiratete. Er kümmerte sich allein um das Kind, die Mutter studierte weiter in Rumänien. 1976 kehrte sie nach Jena zurück, reichte die Scheidung ein, lernte einen neuen Mann kennen, heiratete erneut, zog mit dem Neuen nach Camburg, Beate blieb bei den Großeltern in der Platte. 1979 wurde auch diese Ehe geschieden. Keiner dieser Männer - auch nicht der spätere Lebensgefährte - hätten eine "Vaterrolle" für ihre Tochter eingenommen, sagte Annerose Zschäpe.
Zum ersten Mal zog sie mit ihrer Tochter unter ein Dach, da war diese schon knapp fünf Jahre alt: In eine Einraumwohnung in Jena-Lobeda. 1985 bezogen beide eine Dreiraumwohnung, die Beate Zschäpe 1997, damals 22 Jahre alt, verließ.
In der Wohnung der Tochter sei sie nie gewesen, berichtete Annerose Zschäpe in der Vernehmung. Erst ein Jahr nach ihrem Verschwinden habe sie diese betreten, um sie auszuräumen. Es ist ein Indiz für die zerrüttete Mutter-Kind-Beziehung, die Annerose Zschäpe als "verhärtetes Verhältnis" bezeichnet. Es habe "an beiden" gelegen. "Unser Vertrauen war weg."
Hinzu kam der Umgang, den die Tochter pflegte. "Die politische Einstellung meiner Tochter war nicht der ausschlaggebende, jedoch ein sehr bedeutender Grund für unser Zerwürfnis." Die Erkenntnis der Mutter in der Vernehmung klingt beklemmend: "Sie hat im Allgemeinen nicht mehr viel von ihrem Leben mit mir geteilt."
Welches Ausmaß die rechte Gesinnung ihrer Tochter hatte, wurde ihr, so sagt sie, erst bewusst, als 1996 die Wohnung, in der sie mit ihr lebte, durchsucht wurde. Ausländerfeindliche, rechtsextreme Äußerungen habe sie in ihrem Beisein nie gemacht. Uwe Mundlos schon.
Den Mann, der kurzzeitig mit Beate Zschäpe verlobt war, beschrieb Annerose Zschäpe als hilfsbereit. Er habe "sehr schnell" gesprochen und der Großmutter immer mal Blumen mitgebracht. "Ihn mochte ich gern", sagte Annerose Zschäpe. Obwohl Mundlos versucht habe, sie von seiner Ideologie zu überzeugen. Es sei bei derartigen Gesprächen um die Verehrung der Großväter, die im Krieg gekämpft hatten, gegangen und um die Verherrlichung des Dritten Reiches.
OP-Überzieher über die frisch geputzten Springerstiefel
Annerose Zschäpe berichtete den Ermittlern von einer Begebenheit, die Auslöser für die Radikaliserung ihrer Tochter gewesen sein könnte: Das Trio sei - so habe es ihr Beate Zschäpe erzählt - einmal von der Polizei aus dem Auto gezerrt und festgenommen worden. Einer der beiden Uwes sei während des Gewahrsams von den Beamten verprügelt worden. "Das Ganze war für Beate ein großer Schock", so die Mutter. "Sie sagte mir, dass sie sich nie wieder festnehmen lassen würde."
"Uwe Böhnhardt sagte im Allgemeinen gar nichts", erinnerte sich Annerose Zschäpe. Er habe wie Mundlos einen "sehr ordentlichen Eindruck" gemacht, sei jedoch "eher ruhig und verschlossen" gewesen. Die beiden Männer hätten kaum Alkohol getrunken und darauf geachtet, dass ihre Springerstiefel immer geputzt gewesen seien. Böhnhardt habe sich gar OP-Überzieher mitgebracht, um sie in der Wohnung nicht ausziehen zu müssen. Die drei hätten viel gemeinsam unternommen - was, wisse sie nicht.
Über Beate Zschäpes Kindheit und Jugend sagte ihre Mutter, sie habe immer viele Freundinnen gehabt, sei keine schlechte Schülerin gewesen, hätte aber "besser sein können". Naturwissenschaftlich sei sie "eine Niete" gewesen, von "technischen Sachen" habe sie keine Ahnung gehabt. Sie habe sie nicht als "leicht beeinflussbar" empfunden, vielmehr habe sie ihre Meinung konsequent vertreten, wenn sie von etwas überzeugt gewesen sei. Sie habe wenig Geld zur Verfügung gehabt, aber damit gut umgehen können.
Beate Zschäpe tauchte nach Angaben ihrer Mutter mit Ansage unter: Sie bat ihre Großmutter um Geld, erzählte ihr, sie würde verfolgt werden. Bei Uwe Böhnhardt habe es eine Durchsuchung gegeben, sie müssten nun erst einmal alle drei verschwinden.
Das letzte Gespräch zwischen Mutter und Tochter vor dem Untertauchen des Neonazi-Trios fand am 2. Januar 1998 statt, Beate Zschäpes Geburtstag. Bis sie sich der Polizei stellte, habe sich die verlorene Tochter nie bei ihr oder anderen Angehörigen gemeldet, sagte Annerose Zschäpe.
Zwei Frauen im Alter ihrer Tochter seien in den Wochen nach dem Verschwinden aufgetaucht und hätten nach Geld gefragt, um es Beate Zschäpe in der Illegalität zu übergeben. Sie habe ihnen keines gegeben.
Bis heute seien nur zwei Sachen in der Wohnung von Mutter und Großmutter, die noch Beate Zschäpe gehörten: eine Tasse mit ihrem Namen und eine mit einem Foto von Uwe Böhnhardt.
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Beate Zschäpe
Anklage: Mittäterschaft bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen; Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung; versuchter Mord; besonders schwere Brandstiftung
Untersuchungshaft: seit 8. November 2011
Verbindung zum NSU: Zschäpe, Jahrgang 1975, gilt als Gründungsmitglied der Terrorzelle NSU. Laut Bundesanwaltschaft war sie neben den verstorbenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos eines von drei gleichberechtigten Mitgliedern der Gruppe. Sie soll selbst keine Morde verübt haben, aber für den NSU unverzichtbar gewesen sein. Laut Anklage sollte Zschäpe der Terrorzelle den Anschein von Normalität geben, war für die Logistik zuständig, verwaltete das Geld, mietete Fahrzeuge an, archivierte Artikel über die Taten der Terroristen, soll an der Beschaffung einer Waffe und gefälschter Papiere beteiligt gewesen sein. Schließlich soll die 37-Jährige das letzte NSU-Versteck in Zwickau in Brand gesetzt und DVDs verschickt haben, in denen sich der NSU zu seinen Taten bekannte.
RALF WOHLLEBEN
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: seit 29. November 2011
Verbindung zum NSU: Wohlleben, Jahrgang 1975, soll dem Terrortrio 1998 beim Untertauchen finanziell geholfen und dem NSU auch später Geld beschafft haben. Ende 1999 oder Anfang 2000 soll der frühere NPD-Funktionär dem NSU mit Hilfe eines Kuriers eine Pistole vom Typ Ceska 83 und Munition besorgt haben - die Tatwaffe für die Morde an neun Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund.
Holger G.
Anklage wegen: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen
Untersuchungshaft: 13. November 2011 bis 25. Mai 2012
Verbindung zum NSU: G., Jahrgang 1974, soll seit dem Ende der neunziger Jahre Kontakt mit dem Terrortrio gehabt haben. Dem NSU soll er seinen Führerschein, eine Krankenversichertenkarte und einen Reisepass überlassen haben. So soll er der Zelle ermöglicht haben, verborgen zu agieren und rechtsextreme Gewalttaten zu verüben. Zudem transportierte er für die Terroristen eine Waffe. G. hat gegenüber den Ermittlern ein umfassendes Geständnis abgelegt.
Carsten S.
Anklage: Beihilfe zum Mord in neun Fällen
Untersuchungshaft: 1. Februar bis 29. Mai 2012
Verbindung zum NSU: S. kaufte - angeblich mit dem Geld Ralf Wohllebens - die Waffe, mit der neun Kleinunternehmer erschossen wurden. Zudem lieferte der 32-Jährige die Pistole an die Terrorzelle nach Chemnitz. S. hat gegenüber der Bundesanwaltschaft ausgesagt und ein umfassendes Geständnis abgelegt.
André E.
Anklage: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zu einem Sprengstoffanschlag, Beihilfe zum Raub
Untersuchungshaft: 23. November 2011 bis 14. Juni 2012
Verbindung zum NSU: Der gelernte Maurer soll der Terrorzelle seit den neunziger Jahren geholfen haben, etwa bei der Anmietung von Fahrzeugen und einer Wohnung. Der 33-Jährige und seine Frau sollen die NSU-Mitglieder regelmäßig besucht haben. Zudem gab er 2006 Beate Zschäpe als seine Ehefrau aus.
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- Sächsischer Landtag: Untersuchungsausschuss Neonazistische Terrornetzwerke
- Bayerischer Landtag: Untersuchungsausschuss Rechtsterrorismus
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