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Angeklagte Beate Zschäpe: Die Frau mit den zehn Namen

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Beate Zschäpe: Die Überlebende Fotos
NDR

Beate Zschäpe lebte im Untergrund, nutzte Tarnnamen - und feierte mit Nachbarn nette Gartenpartys. Nun macht das OLG München der mutmaßlichen NSU-Terroristin den Prozess. Es wird auch um die Widersprüche in Zschäpes Leben und Verhalten gehen.

Beate Zschäpes Familie ist tot. So sagte sie es selbst im November 2011, an dem Tag, an dem sie sich bei der Polizeiinspektion in Jena stellte. Ihre Familie, das waren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, zwei Männer, die sie wohl im Jugendtreff Winzerclub in Jena kennengelernt hatte, mit denen sie nacheinander liiert gewesen, kriminell geworden und schließlich in den Untergrund gegangen war.

Sie standen ihr näher als die Großmutter, die sie zu großen Teilen aufgezogen hatte, für sie Mutterersatz und Mittelpunkt im Leben gewesen war. Und sie standen ihr näher als ihre Eltern: Ihren Vater lernte sie nie kennen, zur Mutter fehlte ihr die Zuneigung.

Ab Montag muss sich Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht (OLG) München verantworten. Als Gründungsmitglied des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) soll sie unter anderem an der Ermordung von acht Menschen türkischer und einem griechischer Herkunft, dem Mordanschlag auf zwei Polizeibeamte in Heilbronn und dem Bombenattentat in der Kölner Keupstraße beteiligt gewesen sein. Mit ihr sind vier mutmaßliche Helfer angeklagt.

In welcher Verfassung Zschäpe ist, so kurz vor dem Prozess, will ihre Verteidigerin Anja Sturm nicht beantworten. "Bei fast jedem Angeklagten, insbesondere einem in Untersuchungshaft befindlichen, steigt die Spannung so kurz vor dem tatsächlichen Prozessbeginn", sagt die Rechtsanwältin. "Gerade bei inhaftierten Angeklagten schwankt die Stimmung zwischen guter Hoffnung und Niedergeschlagenheit."

Die intensive Berichterstattung kann Zschäpe über Fernseher und Tageszeitungen verfolgen. Ob sie es tut, will Sturm nicht sagen. Nur eins steht jetzt schon fest: "Unsere Mandantin hat sich in enger Abstimmung mit uns dafür entschieden, keine Angaben zur Sache zu machen."

Kein Vater, kaum Mutter

Zschäpe ist die Überlebende, das Gesicht der Zwickauer Zelle. Fast 14 Jahre lang hat sie mit zwei Neonazis zusammengelebt, die wohl zehn Menschen töteten, neun davon aus rassistischen Gründen, die Anschläge verübten, Banken und Sparkassen ausraubten. Für Beate Zschäpe müssen es Jahre gewesen sein, die weitaus erfüllender waren als die davor.

Ihre Geburt im Januar 1975 war überraschend. Die Mutter wurde mitten im Zahnmedizinstudium in Rumänien schwanger. Zschäpe wurde in Jena geboren, die Mutter ließ sie dort bei den Großeltern, kehrte an die Universität zurück. Der leibliche Vater, nach Aussage der Mutter ein rumänischer Kommilitone, verweigerte sich. Einige Zeit später heiratete die Mutter einen Jugendfreund in Jena, der sich der Tochter annahm. Doch Zschäpes Mutter reichte nach ihrem Examen die Scheidung ein, heiratete erneut, zog mit dem neuen Ehemann in dessen Heimat nach Camburg in Thüringen, das Kind blieb erneut bei den Großeltern. Erst als die zweite Ehe scheiterte, zogen Mutter und Tochter zusammen. Beate Zschäpe war damals keine fünf Jahre alt.

Beide scheinen die frühe Entfremdung nie überwunden zu haben. Sie lebten auf engstem Raum in einer Einzimmerwohnung in Jena-Lobeda zusammen, später zogen sie um nach Jena-Winzerla, wo Beate Zschäpe wahrscheinlich im Jugendtreff Winzerclub Uwe Mundlos begegnete.

Die beiden wurden 1993 ein Paar, verlobten sich und trieben sich in der rechten Szene Jenas herum. Zschäpe verließ den Professorensohn für einen anderen: Uwe Böhnhardt, zwei Jahre jünger als sie, der Sohn eines Ingenieurs und einer Lehrerin - und überzeugter Nationalsozialist.

"Die politische Einstellung meiner Tochter war nicht der ausschlaggebende, jedoch ein sehr bedeutender Grund für unser Zerwürfnis", sagte Zschäpes Mutter bei der Befragung durch das Bundeskriminalamt (BKA). Das Verhältnis zur Tochter beschreibt sie als "verhärtet", ohne gegenseitiges Vertrauen, Interesse oder Zuneigung. "Sie hat im Allgemeinen nicht mehr viel von ihrem Leben mit mir geteilt." Ausländerfeindliche, rechtsextreme Äußerungen habe Beate in ihrem Beisein nie gemacht. Nach einer Aktion des Trios kam es 1996 zu Hausdurchsuchungen. Die Razzia habe sie komplett überrumpelt, sagte Zschäpes Mutter. Erst da sei ihr bewusst geworden, wie tief die Tochter in der Neonaziszene gesteckt habe.

Mehr als zehn verschiedene Namen in 14 Jahren

Zschäpe, die eine Ausbildung zur Gärtnerin absolvierte, wurden Affären mit anderen Rechtsextremen nachgesagt. Offiziell war sie mit Böhnhardt liiert, gemeinsam mit Mundlos galten sie als unzertrennlich. Zu dritt statteten sie Zschäpes Mutter und Großmutter Besuche ab. Mundlos brachte Blumen mit, Böhnhardt stülpte sich OP-Überzieher über die blank polierten Springerstiefel. Es war ihm wohl zu mühsam, sie extra auszuziehen.

Die drei gehörten zu den Gründern der "Kameradschaft Jena", gingen zu Aufmärschen und den "Mittwochstreffs", die wöchentlichen Kameradschaftsabende des "Thüringer Heimatschutzes" (THS), bei denen bis zu hundert Neonazis aufliefen. Mit bis zu 170 Mitgliedern war der THS Ende der neunziger Jahre laut Landesverfassungsschutz die militanteste Neonaziorganisation in Thüringen. Das rechte Netzwerk wurde Zschäpes Ersatzfamilie, so schändete sie mit Böhnhardt ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Rudolstadt und mietete eine Garage an, in der sie Bombenattrappen bastelten.

Bei einer Razzia am 26. Januar 1998 fand die Polizei mehrere Rohrbomben ohne Zünder mit insgesamt 1,39 Kilogramm TNT. Das Trio tauchte unter. Zschäpe bat ihre geliebte Großmutter kurz vorher noch um Geld, erzählte ihr, sie würde verfolgt werden.

In der Illegalität jonglierte Zschäpe mit mehr als zehn verschiedenen Namen. Es scheint ihr keine Schwierigkeit bereitet zu haben, Mandy Struck, Silvia Rossberg, Lisa Pohl oder Susann Dienelt zu sein - je nachdem ob sie Zahnarzt, Optiker oder Tierarzt besuchte, Bahncard, Brillenpass oder Personalausweis vorzeigte.

Sie war zuständig für die Fassade, den Schein. Sie gerierte sich als zuvorkommende Nachbarin, loyale Freundin und hilfsbereite Mitbewohnerin. Dass sie mit zwei Männern zusammenlebte, erklärte sie so: Der eine sei ihr Freund, der andere ihr Bruder. Bei den Vernehmungen nach der Enttarnung des NSU fiel auf: Den meisten, die in Kontakt mit den drei Fremden kamen, waren die Männer suspekt - Böhnardts auffällige Tätowierungen, Mundlos' fanatischer Trainingseifer.

Zschäpe hingegen erweckte durch eine offene, sympathische Art bei Fremden Vertrauen. "Wenn sie einen Raum betrat, waren alle Sorgen wie weg", sagte eine ehemalige Nachbarsfreundin. Anders als ihre Mitbewohner, pflegte Zschäpe Kontakt nach außen, organisierte Grillabende, tanzte beschwipst im Hinterhof. Eine gesellige Frau, die auch bei Urlauben des Trios die Nähe zu anderen Campern suchte.

Man könnte meinen, Zschäpe habe im Untergrund eine unstillbare Sehnsucht nach Normalität gehabt. Nur wenigen, die von der Existenz des NSU wussten, konnte sie sich anvertrauen. "Ich hätte ihr das nicht zugetraut, die Morde, so ein Hass", sagt eine ehemalige Nachbarin. Es liegt nun an der Bundesanwaltschaft zu beweisen, dass sich die Nachbarn irrten.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Namen sind Schall und Rausch!
schlaumonster 04.05.2013
Trotzdem wüßte ich gerne die 10 Namen, die sich Frau Z. selbst ausgesucht hat. Also bitte: Her mit den Namen!
2. SPON und die NSU
beschwingt 04.05.2013
Die hervorragenden Hintergrundrecherchen zu dem Thema sind wirklich unterhaltsam! Und da sag noch mal einer SPON hätte etwas gegen Verschwörungstheorien...
3. optional
dreamsleep 04.05.2013
Stahl, Sturm und Heer.. nach welchen Kriterien wurden denn die Verteidiger ausgewählt?!
4. mmh ...
loewenherz13 04.05.2013
... warum sollen die Namen wichtig sein? Die Frage ist viel wichtiger, warum Menschen sowas tun. Grundsätzlich haben in diesem Fall viele Menschen weg gesehen (Verfassungsschutz usw.) und im Verborgenen sind viele Deutsche immer noch rechts eingestellt. Die Welt ist komplex und manche Menschen brauchen eine Lösung für Ihre Probleme. Es sind eben die Ausländer, warum unsere Gesellschaft nicht mehr funktioniert. ...
5. Anwältin ...
rkinfo 04.05.2013
Sie hat ja eine kompetente Anwältin - aktuell nachzulesen online bei jener Frauenzeitschrift mit Sitzplatzgewinn - jenseits der Diätklasse. Entweder Geständniss oder/und viele Indizien und Zeugen - so der wahrscheinliche Ablauf. Wobei die NSU nur die Spitze des rechten Eisberges war/ist und die miesen Einflüsse auf Beate Zschäpe sich eher vielfach aufsummiert haben und viele einzelne davon legal waren. Nicht-Demokraten sind nun mal mit hoher Wahrscheinlichkeit Zulieferer bis Täter - das war schon früher bei der Baader-Meinhof-Bande nicht anders.
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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