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Beauty-Queen und Menschenrechtlerin: Ex-Miss mit Mission

Sie ist zu schön, zu klug, zu gut, um wahr zu sein: Die Menschenrechtsaktivistin, Sängerin und Ex-"Miss Kanada" Nazanin Afshin-Jam kämpft für die Rechte inhaftierter Minderjähriger in Iran. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über ihr Leben als Popstar - und ihre Vision für ihr Heimatland.

SPIEGEL ONLINE: Frau Afshin-Jam, gibt es Sie eigentlich wirklich?

Afshin-Jam (lacht): Ja, so wie ich hier sitze. Echter geht's nicht.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn Sie eine fiktive Figur wären, ist das, was Sie in sich vereinen, unwirklich: Sie sind Pilotin, Politologin, Sängerin, Model, ehemalige Miss Kanada – und Menschenrechtsaktivistin. Dabei sind Sie erst 28 Jahre alt. Wie geht das?

Afshin-Jam: Ich glaube, dass Gott jeden Einzelnen mit etwas gesegnet hat. Ich wollte diese Gaben immer darauf verwenden, anderen zu helfen – und meine Leidenschaft für die Kunst mit meinem Einsatz für Menschenrechte kombinieren. Schon als ich jung war, hat mich das Leiden anderer beschäftigt. Und je älter ich wurde, desto intensiver habe ich nach konkreten Wegen gesucht, die Aufmerksamkeit auf solche Dinge zu lenken. Auch zum Beispiel, indem ich die Schauspielerei, das Singen oder mein Aussehen eingesetzt habe.

SPIEGEL ONLINE: Verwenden Sie Ihre Schönheit nur, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen - oder nutzen Sie Ihre Bekanntheit als Aktivistin auch, um Ihre Platte zu promoten?

Afshin-Jam: Das alles hängt zusammen. Als ich 2003 an der Wahl zur "Miss World" teilnahm, hatte ich eine genaue Vorstellung, was ich erreichen wollte – nämlich eine Plattform zu finden, um über humanitäre Angelegenheiten zu sprechen. Und die Platzierung hat wirklich geholfen, Türen zu öffnen und Aufmerksamkeit zu erregen. Im Moment versuche ich allerdings, diese Miss-Geschichte hinter mir zu lassen und mich mehr um Menschenrechtsfragen zu kümmern. Jetzt versuche ich, Musik als Vehikel zu benutzen, um meine Botschaft zu unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich ihre erste CD veröffentlicht. Wenn Sie sich entscheiden müssten, über ihre Songs oder über Iran zu reden, was würden Sie wählen?

Afshin-Jam: Ich würde Iran wählen. Meine Musik hilft zwar dabei, sie bringt zum Beispiel Jugendliche zusammen. Wenn ich aber nur zwei Minuten hätte, würde ich über meine neue Kampagne gegen die Hinrichtung Minderjähriger sprechen, weil das sehr dringend ist.

SPIEGEL ONLINE: OK, Sie haben zwei Minuten…

Afshin-Jam: Wir haben die Plattform stopchildexecutions.com geschaffen. Wir versuchen, die Lebensläufe von Minderjährigen zu präsentieren, die derzeit in Iran auf ihre Hinrichtung warten. Es geht um 79 Minderjährige – und das, obwohl Iran internationale Abkommen unterzeichnet hat, die das verbieten. Wir wollen die iranische Regierung unter Druck setzen. Diese Kampagne ist die Weiterentwicklung einer Kampagne, mit deren Hilfe wir im letzten Jahr das Leben eines iranischen Mädchens retten konnten. Wir haben festgestellt, dass wir etwas bewirken können, wenn wir uns zusammentun.

SPIEGEL ONLINE: Dieses Mädchen, Nazanin Fatehi, konnte nicht zuletzt vor der Hinrichtung bewahrt werden, weil Sie 350.000 Unterschriften gesammelt haben. Haben Sie noch Kontakt?

Afshin-Jam: Ja, wir telefonieren regelmäßig. Sie ist sehr glücklich und geht jetzt wieder zur Schule. Sie träumt davon, Anwältin zu werden, um anderen Frauen zu helfen, die diskriminiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Und nun sammeln Sie wieder Unterschriften?

Afshin-Jam: Ja. Bis jetzt haben wir fast 9000. Wir stehen noch am Anfang. Aber wir versuchen gezielt, Politiker und Menschenrechtsaktivisten dazu zu bewegen, die Petition zu unterzeichnen, damit ich dann die Vereinten Nationen oder die iranische Regierung angehen kann, um ihnen zu zeigen: Schaut her, die internationale Gemeinschaft hat gesprochen, das muss aufhören.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Ihre Kampagne in Iran aufgenommen?

Afshin-Jam: Ich glaube, ganz gut. Zeitungen berichten, Menschen sprechen darüber. Kürzlich wurde ein Gesetz eingebracht, das vorsieht, Hinrichtungen Minderjähriger abzuschaffen. Es gibt Bewegung. Aber selbst wenn das Parlament zustimmt, würden die Revolutionswächter es wahrscheinlich ablehnen. Es ist ein langer Weg.

SPIEGEL ONLINE: Auch andere Staaten richten Minderjährige hin. Wieso konzentrieren Sie sich auf Iran?

Afshin-Jam: Ich bin dort geboren, ich fühle mich den Iranern verbunden. Ich bekomme Tausende E-Mails von dort. Menschen berichten mir bewegende Geschichten, sie hoffen auf meine Hilfe. Sie denken, ich könnte ihre Stimme sein. Das nehme ich ernst.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden in Teheran geboren und verließen mit Ihrer Familie das Land im Alter von wenigen Monaten, kurz nach Beginn der Islamischen Revolution. Fragen Sie sich manchmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie es nicht ins Exil geschafft hätten?

Afshin-Jam: Ja, und das stachelt mich an. Ich bin in Kanada aufgewachsen, einem sicheren Land, wo ich Sport treiben kann, Bildung erhalten habe, laut singen darf – all das ist in Iran verboten. In Iran gibt es viele junge Menschen, die aufblühen würden, wenn sie meine Möglichkeiten hätten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Politikwissenschaftlerin. Was ist Ihre Vision für Iran?

Afshin-Jam: Ich hege große Hoffnungen, was Iran angeht. In einem meiner Songs singe ich darüber: "Someday we'll find a way". Die Bevölkerung ist so jung, sie will Freiheit, Demokratie und die Trennung von Staat und Religion. Sie will Menschenrechte. Junge Iraner schreiben darüber in Blogs. Und sie werden es nicht mehr lange mitmachen, dass sie unterdrückt werden. Kürzlich wurden wieder Frauen verprügelt, weil sie den Schleier nicht korrekt trugen, es gab wieder Massenhinrichtungen – allein vergangene Woche 21. Diese Terrortaktik wird nicht bestehen. Die Regierung hat Angst vor der Zivilgesellschaft. Zu Recht! Es ist eine Frage der Zeit – und der Unterstützung dieser Gruppen durch die internationale Gemeinschaft. Auf jeden Fall ist es keine militärische Frage, auch wenn die Bush-Regierung das glaubt. Das würde alle Fortschritte vernichten.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte die internationale Gemeinschaft also tun?

Afshin-Jam: Es kommt darauf an, dass Appeasement herunterzufahren. Viele EU-Staaten treiben Handel mit Iran und schweigen deswegen. Das ist nicht besser als das andere Extrem, die Cowboy-Politik von Bush. Nichtregierungsorganisationen hier sollten iranische Organisationen unterstützen. Iranerinnen und Iraner sollten spüren, dass es im Ausland Kräfte gibt, denen sie trauen können.

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie den Kontakt zu Politikern oder beschränken Sie sich auf die Ebene der Nichtregierungsorganisationen?

Afshin-Jam: Beides. Kürzlich sprach ich in Kanada vor dem Menschenrechtsausschuss. Manchmal können Politiker über ihre Kanäle durchaus etwas erreichen. Vor kurzem erfuhr ich, dass ein junger Mann in acht Stunden hingerichtet werden sollte. Ich rief Amnesty International an, aber auch den kanadischen Außenminister. Er sorgte dafür, dass die kanadische Regierung das Vorhaben verdammte.

SPIEGEL ONLINE: Hat es etwas genutzt?

Afshin-Jam: Ja, der Junge wurde nicht hingerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Werden Sie eine Vollzeit-Aktivistin sein oder weiterhin singen und modeln?

Afshin-Jam: Ich wollte immer helfen, auch wenn ich den genauen Weg nicht kannte. Normalerweise bete ich und frage: Wie geht es weiter? Und dann folge ich diesem Pfad. Ob ich in zehn Jahren weiter singe, um auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, oder Dokumentarfilme drehe oder in die politische Arena eintrete, kann ich noch nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie würden nicht ausschließen, für das kanadische Parlament zu kandidieren?

Afshin-Jam: Nein, ich wurde sogar schon von Abgeordneten der Liberalen und der Konservativen gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Erhalten Sie viele Drohungen?

Afshin-Jam: Schon, aber nicht sehr viel. Es sind einzelne E-Mails, die angsteinflößend sein können. Aber ich weiß, dass ich weitermachen muss.

SPIEGEL ONLINE: Und werden Sie manchmal kritisiert, weil Sie als Ex-Miss-Kanada sich in die Politik einmischen und man Sie für zu oberflächlich hält?

Afshin-Jam: In Europa mehr als in Kanada! Besonders in Deutschland und Großbritannien scheinen die Menschen zu glauben, dass man nicht gleichzeitig schön und schlau sein kann.

Das Interview führte Yassin Musharbash

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