Beben in Indonesien "Ihre letzten Worte waren Papa, Papa"

Verletzte werden am Straßenrand operiert. Menschen suchen verzweifelt Freunde und Verwandte. Es fehlt Kleidung, Nahrung und Wasser: Nach dem verheerenden Erdbeben in Indonesien, bei dem 4600 Menschen starben,  herrscht in der betroffenen Region auf Java das Chaos. 


Yogyakarta - Auf jedem verfügbaren Quadratmeter im Katholischen Panti Rapih Krankenhaus in Yogyakarta liegen Patienten. Die sechsjährige Tiara Fadillah wurde von einer einstürzenden Mauer verletzt; offenbar ist ihre Hüfte gebrochen. "Ich habe mein Kind mit dem Wagen eines Nachbarn in die Klinik gebracht, aber sie wurde erst nach vier Stunden behandelt", sagt ihr Vater Budi Utomo, der dennoch Verständnis zeigt für die überforderten Helfer. Auf Matratzen am Boden, in den Gängen, draußen auf dem Parkplatz - überall warten verletzte Opfer des Erdbebens auf der indonesischen Insel Java, das gestern über 4600 Menschen in den Tod riss. Bis zu 20.000 Menschen müssen laut Schätzungen nach der Katastrophe medizinisch versorgt werden.

Allein in der Panti Rapih-Klinik in der Hauptstadt der am schwersten betroffenen Provinz Yogyakarta suchten in den Stunden nach dem Erdstoß hunderte Menschen Hilfe. Die ganze Nacht hindurch lieferten Krankenwagen neue Patienten ein: Babys, Kinder, gebrechliche Frauen, alte Männer. Eine Krankenschwester beklagt, dass allein die Aufnahme der Patienten kaum zu bewältigen sei.

Vor der Radiologie kauert eine alte Frau auf einer Matte. Ihr Gesicht ist stark geschwollen, der Mund schwarz umrandet von verkrustetem Blut. Sprechen kann sie nicht. Auf einer Karte neben ihrem Kopf steht: "Röntgenaufnahme erforderlich". Der 71-jähriger Harto Prayinto erzählt, das Beben habe ihn im Schlaf überrascht. Decken und Wände seien über ihm zusammengestürzt. Obwohl er noch in den frühen Morgenstunden in die Klinik gekommen sei, wurde er erst gegen Mittag notdürftig versorgt. Ob sein geschientes Bein gebrochen ist, wisse er immer noch nicht, sagte der Alte. Außerhalb der Kliniken werden überall in der Stadt Menschen provisorisch auf der Straße behandelt.

"Uns fehlt alles - Kleidung, Nahrung, Wasser"

"Uns gehen die Chirurgen aus", klagt ein Arzt in Yogyakarta. Viele Patienten könnten an inneren Blutungen und an anderen Verletzungen sterben, wenn sie nicht rasch Hilfe erhielten. Ein anderer Mediziner sagte, man wisse nicht wohin mit den ganzen Verletzten.

Wie vermutlich tausende Menschen hat ein Mann, der seinen Namen mit Poniran angibt, die Hilflosigkeit der Ärzte erfahren. Als er seine Tochter aus den Trümmern seines Hauses zog, lebte die Fünfjährige noch. Doch sie starb in seinen Armen, während beide in einem überfüllten Krankenhaus auf Behandlung warteten. "Ihre letzten Worte waren 'Papa, Papa'", sagt Poniran. "Ich muss wieder bei Null anfangen."

Einige Familien holen ihre toten Angehörigen aus den Krankenhäusern ab, bevor diese offiziell registriert werden konnten. In manchen Orten im besonders schwer betroffenen Bezirk Bantul werden Massengräber ausgehoben. Unter der gleißenden Sonne liegen Tote aufgereiht. Dorfvorsteher listen ihre Namen auf, um sie der offiziellen Zählung hinzuzufügen. Einsatzkräfte bemühen sich darum, weitere Leichen aus den Trümmern der Häuser zu bergen. Manche Bewohner suchen in den Überresten ihrer Wohnungen nach Verwertbarem und Erinnerungsstücken. "Uns fehlt alles - Kleidung, Nahrung, Wasser, alles ist weg", sagt der 63-jährige Budi Wiyana, dessen Haus zerstört wurde. "Wir sind zwar arme Leute, aber unser Leben ist trotzdem noch etwas wert."

Familien warten im Freien auf Hilfe

Angesichts der katastrophalen Lage hat die indonesische Regierung die Weltgemeinschaft um Hilfe gebeten. Das Rote Kreuz und die EU-Hilfsorganisation Echo forderten Ärzteteams, Medikamente und Blutkonserven an. Wie viele Staaten weltweit sagte auch die Bundesregierung spontan 500.000 Euro Soforthilfe zu.

Nach dem Beben ist der fruchtbare Landstrich an der Südküste Javas unter Schutt und Staub versunken. Auch in den entlegenen Dörfern suchen Hilfskräfte nach Überlebenden unter den Trümmern. Wer das Beben überlebte, hat meist kein Dach mehr über dem Kopf. Frauen, Männer und Kinder harren auf Matten und Teppichen im Freien aus. Allein am ersten Tag nach dem großen Erdstoß registrierten die Experten 470 Nachbeben, die die Menschen erneut in Angst und Schrecken versetzten. Das schwerste Nachbeben hatte eine Stärke von 5,2 auf der Richter-Skala; der Hauptstoß erreichte eine Stärke von 6,2.

Die Menschen in Indonesien leben mit einer ständigen Erdbebengefahr: Der Inselstaat liegt in einem der vulkanisch und seismisch aktivsten Gebiete der Erde, dem pazifischen Feuerring. Auf dem Archipel mit seinen rund 18.000 Inseln sind rund 130 Vulkane aktiv, unter ihnen der nur 35 Kilometer nördlich von Yogyakarta gelegene Merapi, der schon seit Wochen bedrohlich Rauch und Asche spuckt. Erst vor knapp anderthalb Jahren starben nach der riesigen Flutwelle, die in Folge eines schweren Seebebens im Indischen Ozean entstand, allein in der indonesischen Nordwestprovinz Aceh mehr als 160.000 Menschen.

kaz/AFP/AP



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