Ex-"Bel Ami"-Chef Detlef Uhlmann Luxuslude auf der Flucht

Mehrere Millionen Euro Schulden, ein Leben im offenen Vollzug und der nächste Gerichtstermin vor der Tür: Detlef Uhlmann wollte all das nicht mehr, der Ex-Besitzer des Berliner Luxusbordells "Bel Ami" ist getürmt. Vermutlich setzte er sich nach Brasilien ab - und macht so alles nur noch schlimmer.

DPA

Detlef Uhlmann hat Angst. Vor einem Leben im Gefängnis. Vor den Steuerfahndern. Und vermutlich vor seiner Ehefrau Simone. Die sitzt mit den drei gemeinsamen Töchtern in Berlin, in Uhlmanns Elternhaus, einer Jugendstilvilla in Friedrichshagen, und hat schlechte Laune.

Seit eineinhalb Jahren ist Detlef Uhlmann, einst Besitzer des Berliner Luxusbordells "Bel Ami", im offenen Vollzug. Jeden Morgen marschierte er in der Früh aus der Justizvollzugsanstalt Moabit, stieg in die U-Bahn, fuhr acht Stunden lang Getränke aus, durfte acht Stunden mit seiner Familie verbringen und musste anschließend wieder acht Stunden ins Gefängnis. Zwei-Mann-Zelle, neun Quadratmeter, zwei Betten, zwei Stühle, ein Tisch.

Am vergangenen Freitag kehrte Detlef Uhlmann nicht in seine Zelle zurück. Der 69-Jährige mit der blondierten Frisur eines Shetland-Ponys ist abgetaucht. Und seine Frau kocht vor Wut.

"Was tut er uns noch alles an? Was sollen wir noch alles mitmachen? Er macht alles nur noch schlimmer", sagt Simone "Moni" Uhlmann, 45, gebürtige Ostberlinerin, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Detlef Uhlmann hatte sie 1989 über Prag in den Westen geschleust, viele Jahre stand sie hinter der Bar des "Bel Ami". 1996 heiratete sie ihren Chef, bekam drei Kinder, die Familie lebte in Saus und Braus.

Detlef "Detti" Uhlmann führte von 1979 bis 2009 das "Bel Ami", untergebracht in einer Fabrikantenvilla aus den zwanziger Jahren in der Flatowallee in der Nähe des Berliner Olympiastadions. Es galt viele Jahre lang als das exquisiteste Etablissement Europas, in dem Helmut Newton Fotos machte und das oberste Gebot die Diskretion war. Ein Edel-Puff auf 1600 Quadratmetern mit 13 Zimmern, Swimming- und Whirlpools, Sauna, Limousinenservice und Schampus für 1000 Euro die Flasche. Hier wurden Geschäfte abgewickelt und die Nächte durchgefeiert, bis sich die Barfrau bei Sonnenaufgang einen Morgenmantel aus Seide überwarf und Schrippen holte.

"Wir grillen, er muss in den Knast"

Am 22. September 2009 um 6.58 Uhr endet für die Uhlmanns das unbeschwerte Leben: SEK-Beamte kreuzen im Schlafzimmer des Ehepaars auf und nehmen den Bordellchef fest. Drei Monate sitzt er in Untersuchungshaft, wegen Steuerhinterziehung von vier Millionen Euro wird er zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Weil er sogenannter Erstverbüßer ist, kommt er in den offenen Vollzug.

Für Detlef Uhlmann, gelernter Schiffskapitän, ist es die Hölle. Er selbst sagte einmal, für einen "freiheitsliebenden Menschen" wie ihn sei selbst nur das Übernachten im Gefängnis wie die "Todesstrafe". Diese acht Stunden in der Zelle seien mehr als eine psychische Anstrengung für ihn gewesen, sagt auch Simone Uhlmann. "Wir sitzen abends schön zusammen, grillen im Garten, und er muss los, Täschchen packen und ab in den Knast." Einziger Lichtblick: Die JVA hatte in Aussicht gestellt, dass die Reststrafe ab Oktober in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wird. Damit wäre Detlef Uhlmann ein freier Mann gewesen.

Doch seit Mitte August läuft ein weiteres Verfahren gegen Detlef Uhlmann wegen Steuerhinterziehung, es geht um 275.000 Euro. Seine Ehefrau vermutet, dass er deshalb getürmt ist. "Detti" habe Angst gehabt, dass er mit einer zweiten Verurteilung in den geschlossenen Vollzug komme. Er habe vor ein paar Wochen schon einmal "kalte Füße bekommen", die Koffer gepackt, sein Sohn sollte ihn ins Ausland bringen. "In meinem Alter Tag und Nacht im Knast - nein!", habe er gerufen.

"Willst du nicht mehr sehen, wie wir heiraten und Kinder bekommen, Papi?", habe ihn seine elfjährige Tochter Marie gefragt und ihn so schließlich zum Bleiben überreden können. "Es muss ihn wieder gepackt haben", sagt Simone Uhlmann.

"Kurzschlussreaktion aus purer Panik"

Mehrfach hat Detlef Uhlmann seit Freitag seine Ehefrau angerufen und gesagt, er wolle zurückkommen, er bereue seine Flucht. Sie vermutet, dass er sich Geld von Bekannten borgte und über die Schweiz nach Südamerika ausgebüxt ist. In Brasilien hat Uhlmann eine Zeit lang gelebt.

Sein Rechtsanwalt Sven Seele kommentiert nicht, ob und inwieweit er mit dem flüchtigen Ex-Bordellchef in Kontakt steht, betont aber, dass das laufende Verfahren nicht nach einer Verurteilung ausgesehen habe. "Aus rein juristischer Sicht gibt es keinen Anlass zur Flucht. Es kann nur private Probleme gegeben haben", sagt Seele. Die hätten seinen Mandanten dazu bewogen, "sich selbst zu beurlauben". Der Jurist geht von einer "Kurzschlussreaktion" aus, vielleicht wegen der erheblichen Schulden durch den Steuerbetrug und die hohe Belastung seiner Villa.

Simone Uhlmann hält das für ausgeschlossen. Die dreifache Mutter glaubt an eine Entscheidung "aus purer Panik", sie selbst rackert sich ab: Sie führt den "Bel Ami Salon", ein Amüsierlokal nahe dem Ku'damm, das an alte "Bel Ami"-Tage anknüpfen soll. Zudem hat sie mit ihrem Bruder das Restaurant "Friedrichshof" eröffnet.

Auch Uhlmanns Memoiren "Bel Ami - Mein Leben als Chef von Deutschlands edelstem Bordell", die er vor kurzem präsentierte, hat eher sie verfasst als er. Hauptprotagonist im Buch ist trotzdem: Uhlmann, der tolle Hecht mit der Berliner Schnauze.

Im Moment zählt für ihn jeder Tag. Stellt er sich den Behörden, kommt er zwar erst einmal in Haft, hat aber als Steuersünder gute Chancen, innerhalb der nächsten Wochen wieder in den offenen Vollzug zu kommen. Anders ist es, wenn er weiterhin auf der Flucht bleibt und zur Fahndung ausgeschrieben wird.

Wenn ihn dann Zielfahnder selbst in einem entlegenen Land wie Brasilien aufspüren und ausliefern, tritt das ein, wovor sich Uhlmann angeblich am meisten fürchtet: "Dann muss er", konstatiert Rechtsanwalt Seele, "seine komplette Strafe im geschlossenen Vollzug absitzen."



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