Maya-Fund in Belize: Die Dschungelkönige

Von Katja Döhne

Als die Reynolds aus Chicago ein Grundstück in Belize kauften, stießen sie auf Unverständnis. Heute, 27 Jahre später, ist klar: Sie haben einen Glückstreffer gelandet. Archäologen stießen im Dschungel auf Ruinen, die Antworten auf die Frage nach dem Untergang der Maya geben könnten.

Maya-Fund: Die Dschungelkönige Fotos
Katja Döhne

Justin Reynolds kennt jeden Quadratmeter, kennt die Schlangen, die überall lauern können, die fiesen kleinen Ameisen. Schon als Kind hat er hier gespielt: im Dschungel. Aber ihm war lange nicht klar, auf was er da rumtollte. "Ich wusste zwar, dass wir auf Ruinen spielen. Aber ich hatte keine Ahnung, dass hier ein König gelebt hat."

Was fühlt er heute - wo er weiß, was hier für ein Schatz unter der Erde schlummert? Innerhalb von Sekunden ist das Lachen aus seinem Gesicht verschwunden. "Irgendwann könnte das alles mir gehören", sagt er. Pause. "Das fühlt sich merkwürdig an."

"Das Alles" - damit meint er 40 Hektar Dschungel in Belize, die jetzt noch offiziell im Besitz seines Vaters sind. Belize ist ein kleines Land in Zentralamerika, gerade mal so groß wie Hessen. Früher hieß es Britisch-Honduras, als es noch eine britische Kolonie war. Belize liegt südlich von Mexiko, unterhalb von Yucatán. Im Westen grenzt es an Guatemala, im Osten liegt das karibische Meer. Mittendrin wohnt jetzt Justin Reynolds.

"Er hat Luftsprünge gemacht"

Seine Eltern haben sich dieses Stück Dschungel gekauft. 1985 war das, als sein Vater Bill den "Great Deal" machte. Bis dahin lebte Familie Reynolds den amerikanischen Durchschnitt in Chicago. Mutter Madeleine verkaufte Faxgeräte, Vater Bill arbeitete als Geograf. Die Aussichten für den Rest des Lebens: unspektakulär, ohne Aussicht auf eine üppige Rente. Irgendwann entschieden sie sich, aus ihrem Leben auszubrechen.

Ihre Dollar waren in Belize eine Menge wert, sie konnten sich ein riesiges Stück Land leisten. Manche Freunde seien neidisch gewesen, andere hätten gesagt: "Ihr bezahlt viel zu viel dafür."

"Jetzt wissen wir, dass wir einen unglaublichen Glückstreffer gelandet haben", sagt Mutter Madeleine.

Video-Reportage auf SPIEGEL.TV
Mehr zum Dschungel der Reynolds erfahren Sie im Film "Die Maya in Belize".
Anfangs reisten sie in den Ferien nach Belize, schufteten, bauten kleine Holzhäuser, die sie heute an Durchreisende vermieten. Den Dschungel, der zum Grundstück gehört, ließen sie erst außer Acht. Heute wissen sie: Hier liegt eine Maya-Stätte begraben, die es in sich hat. "Jaime Awe, der Chef-Archäologe von Belize, war 2010 hier zu Besuch", erinnert sich Justin. "Er hat Luftsprünge gemacht, als ihm klar wurde, was er hier finden wird."

Bis jetzt heißt die Maya-Stätte noch Lower Dover, genau wie der kleine Hotelbetrieb von Familie Reynolds. Bisher haben die Archäologen nur einen Bruchteil der Anlagen ausgegraben. "Aber die Steine, die wir hier gefunden haben, deuten darauf hin, dass hier die Antwort auf eines der größten Maya-Rätsel überhaupt auf uns wartet", sagt Jaime Awe. Er leitet sämtliche Maya-Ausgrabungen im Land Belize.

"Als Lower Dover seinen Höhepunkt erreichte, waren andere Maya-Siedlungen in der Region lange verwaist", sagt Awe. Hier pulsierte das Leben, während Städte in direkter Nachbarschaft, zum Beispiel im nur 30 Kilometer entfernten Cahal Pech, bereits brach lagen. In den Gemäuern von Lower Dover scheint der letzte Maya-König der Region gelebt zu haben. Im neunten und zehnten Jahrhundert nach Christi soll das in etwa gewesen sein.

Awe verspricht sich nun Hinweise für den rätselhaften Untergang der Maya. Bis heute existieren verschiedene Erklärungsversuche für den Kollaps: Waren die Maya einfach zu zahlreich geworden? In Belize, wo heute etwas mehr als 300.000 Menschen leben, soll es damals mehr als eine Millionen Maya gegeben haben. War es eine große Dürre, die die Maya nicht verkraftet haben? Ein Indiz: Das Grundstück von Lower Dover ist an drei Seiten von Wasser umgeben - dem Belize River und seinen Ausläufern.

"Amerika war nicht mehr das Richtige für mich"

Wenn irgendwann das ganze Gelände freigelegt ist, so hoffen es Forscher, könnte ans Licht kommen, warum das Leben in Lower Dover möglich war. "Wie konnten die Maya hier so lange überleben?" Jaime Awe kann die Antwort kaum abwarten.

"Die werden hier vielleicht mein ganzes Leben lang graben", sagt Reynolds. Wie er das findet? Begeisterung sieht anders aus. "Dieser Besitz war immer eine Belastung für mich, schon mein ganzes Leben."

In Belize ist er schon immer der weiße Junge mit dem vielen Geld. "Es ist hart, durch das Dorf zu fahren, wo manche Familien zu zwölft in einem Haus wohnen. Meine Familie war nie reich, und wir haben heute immer noch nicht viel Geld. Aber wir haben Land." Sehr wertvolles Land. Ungerecht? Ja, findet Justin. Und trotzdem hat er sich freiwillig dazu entschieden, ganz herzukommen.

Vor sechs Jahren sind seine Eltern nach Belize gezogen. Justin Reynolds blieb erst mal in Chicago, arbeitete als Stadtplaner. Aber der Dschungel hat ihn niemals losgelassen. Während er in Amerika die Normalität der ersten Welt miterlebte, den Büroalltag, das Smartphone-Diktat, den Konsum, blieben seine Gedanken in Belize.

Hier sei das Leben purer, findet er. Er wacht auf, wenn die Sonne aufgeht, morgens um 5.30 Uhr. Hunde füttern, essen machen, Touristen durch den Dschungel führen. Wenn die Sonne untergeht, um 17.30 Uhr am Abend, geht er ins Bett. Jeden Tag das Gleiche. Und trotzdem: "Amerika war nicht mehr das Richtige für mich, im Vergleich zu dem, was hier möglich ist."

Denn die Zukunft verspricht Großes. Wenn die Maya-Stätte Lower Dover ausgegraben ist, und mehr Touristen herkommen, dann profitiert das ganze Dorf davon. Die Leute könnten hier arbeiten, Geld verdienen. Das zumindest ist Justin Reynolds fester Wunsch. Dann kann er etwas zurückgeben.

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