Benedikt auf Mission Wie man Brasilianer verführt

Begrüßt wurde er skeptisch, aber Benedikt XVI. gelang es während seines Brasilientrips, sein Image aufzupolieren. Süß fanden ihn die Brasilianer. Der Besucher predigte moralische Werte und dass sich die Kirche aus der Politik raushalten solle - und blieb dabei politisch wie eh und je.

Aus Aparecida berichtet Dominik Baur


Aparecida - Sie ist doch längst Geschichte, argumentiert Benedikt XVI., oder zumindest von der Geschichte überholt und widerlegt. Deshalb lässt sich der Pontifex auf seiner ersten Reise nach Brasilien auch nur ungern auf Diskussionen über Für und Wider der Befreiungstheologie ein. Und doch ist sie während des Trips allgegenwärtig.

Papst mit brasilianischen Fans: "Harte Worte mit einem Lächeln im Gesicht"
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Papst mit brasilianischen Fans: "Harte Worte mit einem Lächeln im Gesicht"

Unterschwellig jedenfalls. Es geht dabei um die Frage, inwieweit die Kirche politisch sein darf. Welche Mittel sind erlaubt im Kampf gegen Elend und Armut - ein Thema, das für Lateinamerika freilich brennender ist als fürs Benedikt näherstehende Europa? Was ist nötig? Was ist erlaubt? Auch aus pragmatischen Gründen kommt die katholische Kirche um diese Fragen nicht herum. Auf dem Kontinent sehen sich die Schäfchen schon seit Jahren verstärkt nach neuen Hirten um. Die Pfingstgemeinden boomen. Und auch die Befreiungstheologen, so wenigstens das Gefühl vieler Brasilianer, nehmen sich mit mehr Elan der drängenden Probleme der Menschen an als die offizielle Kirche.

"Es ist unvermeidlich, über strukturelle Probleme zu sprechen, vor allem über diejenigen, die für die Ungerechtigkeit verantwortlich sind", gibt Benedikt zum Abschluss seiner Reise mit Blick auf die Frage zu, wie die Kirche zur Lösung der sozialen Probleme beitragen kann. Aber ändern sollen die Strukturen doch bitteschön andere. "Diese politische Arbeit ist nicht die unmittelbare Aufgabe der Kirche", trichtert der Papst dem Episkopat bei der Auftaktsitzung des fünften Treffens der Lateinamerikanischen Bischöfe ein.

Kapitalismus und Marxismus hätten beide versucht, diese gerechten Strukturen zu schaffen - und seien damit gescheitert, wie die Geschichte gezeigt habe. Die päpstliche Schlussfolgerung: Die Kirche solle sich darauf konzentrieren, für den Konsens in der Gesellschaft zu sorgen, auf dem strukturelle Verbesserungen gedeihen könnten. "Die Kirche ist der Anwalt der Gerechtigkeit und der Armen, da sie sich nicht mit Politikern und Parteiinteressen identifiziert."

Ein alter Mann, der angenehm überrascht

Leonardo Boff sieht das etwas anders. "Die Frage, die wir uns in den sechziger Jahren gestellt haben, bleibt aktuell", beharrt der wohl bekannteste Befreiungstheologe Brasiliens im Interview mit mehreren deutschen Zeitungen, "und sie ist immer noch offen: Wie verkündigen wir Gott als gütigen Vater - in einer Welt des Elends. Die Verkündigung wäre doch nur dann wahrhaftig, wenn die christliche Religion dazu beitrüge, diese Situation zu verändern." Der Franziskaner Boff war bereits seit 1971 vom Vatikan beobachtet, verwarnt und bestraft worden. Nicht zuletzt mit dem Chef der Glaubenskongregation, einem gewissen Joseph Ratzinger, hatte er in den Achtzigern eine schwere Zeit. Für ihn muss der bayerische Glaubenshüter, der ihn wegen seiner "Irrlehre" verfolgte, wie ein vatikanischer McCarthy gewirkt haben. 1992 gab er schließlich resigniert sein Priesteramt auf.

Bei den übrigen Brasilianern kommt der Pontifex nach seinem Besuch besser weg. Zunächst war das Kirchenoberhaupt noch mit skeptischer Neugierde erwartet worden: Wie würde der Nachfolger des so beliebten Johannes Paul II. sich geben? Als kalter Deutscher war er verschrien, doch dann kam die angenehme Überraschung. "Süß" findet ihn eine Brasilianerin. "Er hatte etwas von einem Verführer", sagt eine andere. Zu guter Letzt erreicht der kleine alte Mann mit dem unbeholfenen Lächeln die Herzen der Menschen. Die Begeisterung ist da, auch wenn sie nicht dasselbe Ausmaß wie bei Johannes Paul II. annimmt.

Die kritischen Stimmen sind verhalten: "Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der bei seinen Besuchen in Brasilien vorwiegend mit einer Rede der Versöhnung auftrat, hat er all seine Botschaften mit einem rauen Ton des Tadels versehen", schreibt die "Folha de São Paulo". Und "G1", das größte Nachrichtenportal des Landes, kommentiert: "Mit einem Lächeln im Gesicht hat er harte Worte gesagt."

Familienpolitik mal ganz unpolitisch

Hart dürfte auf viele vor allem das unerbittliche Pochen auf moralische Werte wie Keuschheit und das Sakrament der Ehe, die Absage an Empfängnisverhütung und Abtreibung gewirkt haben. Verdammt wurden von Benedikt auch Hedonismus, Relativismus, Materialismus - und die Medien, die sich in Benedikts Augen über die Werte der Kirche lustig machen.

"Die Familie, das Erbe der Menschheit, ist einer der bedeutendsten Schätze der lateinamerikanischen Länder", sagt der Papst zum Abschluss vor 170 Bischöfen des Kontinents. Und die Mütter, die sich ganz und gar der Familie und der Erziehung ihrer Kinder widmen wollten, hätten ein Recht auf die Unterstützung des Staates.

Rund 10.000 Kilometer weiter im Nordosten, vor der Lateranbasilika in Rom, hatten tags zuvor Hunderttausende gegen uneheliche Lebensgemeinschaften demonstriert. Auslöser waren Pläne der Regierung Prodi, diese Paare rechtlich besserzustellen. Zum dem "Family Day" hatten auch etliche katholische Verbände aufgerufen. Der Vatikan hatte katholischen Politikern schon vor Wochen bedeutet, wie sie sich bei einer Abstimmung im Parlament zu verhalten hätten: Ablehnen!

Unpolitisch ist etwas anderes.



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