Von Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
Als Erster sprach José Guadalupe Martín Rábago aus, was die Mexikaner derzeit hoffen. Der Erzbischof von León im Bundesstaat Guanajuato ging am 23. Januar in die Offensive und wandte sich über die Medien an die Mafias, die in der Region operieren: "An all diejenigen, die Schlechtes im Sinn haben: Ich hoffe, meine Worte erreichen euch. Lasst uns die Tage des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Frieden feiern."
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Die Caballeros Templarios (Tempelritter), die in Guanajuato das Sagen haben, entsprachen dem Aufruf des Kirchenfürsten. In einer sogenannten Narco-Botschaft richteten sie eine Warnung an ihre Gegner vom Kartell Nueva Generación: "Ihr braucht nicht einmal daran zu denken, während des Besuchs von Papst Benedikt XVI. zwischen dem 23. und 26. März Gewalt anzuwenden."
Wie üblich war die Botschaft auf ein Bettlaken geschrieben und in León an einem öffentlichen Platz angebracht. In der Stadt wird das Oberhaupt der katholischen Kirche seine drei Nächte im Colegio Miraflores verbringen, einem kirchlichen Internat. Die Nonnen müssen in diesen Tagen ihre bescheidenen Zimmer für die Präsidentengarde und das Gendarmeriekorps von Vatikan-Stadt räumen.
Jeder Stein wird geprüft
Seit Wochen schon ist in Guanajuato in Zentralmexiko nichts mehr normal. Sicherheitsexperten der Regierung drehen jeden Stein um, prüfen Plätze und suchen Polizisten aus. Auch der oberste Leibwächter von Benedikt XVI., Domenico Giani, war schon da.
Mexiko ist selbst für die weitgereisten Papst-Beschützer eine Herausforderung. Immerhin besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche eines der gefährlichsten Länder der Welt, in dem der Staat Teile der Souveränität an das organisierte Verbrechen verloren hat. Ein Risiko, das nur schwer abzuschätzen ist: "Wir müssen auf Fanatische aufpassen, Geistesgestörte oder alle diejenigen, die dem Papst oder den Gläubigen nach dem Leben trachten oder eine unkalkulierbare Situation schaffen könnten", sagte der Sprecher der mexikanischen Bischofskonferenz, Manuel Corral.
Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Die Kirche rechnet mit drei Millionen Gläubigen, die zu den Messen und Treffen mit Benedikt XVI. in den Städten Silao und Leon kommen. Hinzu kommen 2200 Kirchenvertreter.
"Unkalkulierbare Situationen" können vor allem die mexikanischen Drogenkartelle schaffen, die sich in einem blutigen Krieg gegen den Staat und untereinander befinden. Die Sicherheitskräfte trauen dem Frieden nicht, den die sogenannten Tempelritter angeboten haben. Staatschef Felipe Calderón hat für den Papst-Besuch die höchste Sicherheitsstufe ausgegeben. Alarmstufe Papst gewissermaßen. Die mexikanischen Medien schreiben von einem "Besuch im Ausnahmezustand".
Präsident Calderón kann sich keinen Zwischenfall leisten
Tatsächlich übernimmt die mexikanische Präsidentengarde, die Calderón und ausländische Staatgäste schützt, ab dem 10. März die Macht in Guanajuato. Fast 900 Elitesoldaten, vom Nahkämpfer bis zum Scharfschützen, sollen sicherstellen, dass dem Papst in Mexiko kein Haar gekrümmt wird.
Alle, die Benedikt XVI. nahe kommen, werden intensiv kontrolliert. Auch Kirchenfürsten wie Kardinäle und Erzbischöfe müssen sich mit Fotos, Ausweispapieren und Beglaubigungsschreiben akkreditieren. "Es ist doch einfach, sich eine Soutane zu besorgen, als Pfarrer durchzugehen und dann ein Verbrechen zu verüben", rechtfertigt Kirchensprecher Corral die Maßnahmen. Dabei haben Vatikan und mexikanische Regierung mit Guanajuato schon einen der sichereren Staaten ausgesucht. Die Provinz ist bisher weitgehend vom entfesselten Drogenkrieg verschont geblieben.
Das könnte sich aber gerade ändern. Denn im Februar haben die Auseinandersetzungen zwischen den Caballeros Templarios und ihren Gegnern von der Bande Nueva Generación zugenommen. Am 15. Februar wurden an verschiedenen Orten von Guanajuato zehn Menschen fast zeitgleich umgebracht. Es sind diese Nachrichten, die Präsident Calderón den Schweiß auf die Stirn treiben.
Dabei hofft er, dass der Besuch von Benedikt XVI. dem Land endlich mal wieder positive Schlagzeilen einbringt. Seit fast sechs Jahren ist Mexiko Synonym für Gewalt. 50.000 Menschen sind in dem organisierten Verbrechen zum Opfer gefallen. Einen Zwischenfall beim Papst-Besuch kann sich Calderón nicht leisten. Zumal im Juni noch die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industriestaaten und Schwellenländer (G20) zum Gipfel in Baja California erwartet werden.
Verbrechen als göttliche Strafen
Die Caballeros Templarios sind vor einem knappen Jahr erstmals unter diesem Namen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie haben ihre Operationsbasis im Bundesstaat Michoacán und sind Nachfolger des Kartells La Familia Michoacana. Verschiedentlich haben die Sicherheitskräfte bei den Caballeros Umhänge mit roten Kreuzen und Schriften sichergestellt, die von den mittelalterlichen Kreuzzügen inspiriert sind. Das Kartell bezeichnet seine Verbrechen oft auch als göttliche Strafen.
Rund 80 Prozent der 110 Millionen Mexikaner sind gläubige Katholiken. Sie gelten als sehr vatikannah. Papst Johannes Paul II. fuhr zwischen 1979 und 2002 fünfmal nach Mexiko, kein Land in Lateinamerika besuchte er häufiger. Zudem hat das nach Brasilien zweitgrößte katholische Land der Welt für den Vatikan strategische Bedeutung angesichts seiner Brückenfunktion zwischen Nord- und Südamerika und seiner Nähe zur Karibik.
Im Anschluss an seinen Besuch in Mexiko fliegt Benedikt XVI. für drei Tage nach Kuba, wo er in Santiago und Havanna Messen lesen und sich mit Staatschef Raúl Castro treffen wird. Zuletzt hatte 1998 Papst Johannes Paul II. die kommunistisch regierte Karibikinsel besucht und wurde dort von Hunderttausenden begeistert gefeiert.
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